ETH-Start-up schneidert Frauen Jeans auf den Leib29. November 2013

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ZÜRICH. Ausgeklügelte Algorithmen: Ein Zürcher Start-up will Frauen den Frust nehmen, nie die passende Jeans zu finden.

«Frauen probieren im Durchschnitt 15 bis 20 Paar Jeans an, bis sie sich entscheiden können», sagt ETH-Absolvent Andreas Guggenbühl. Doch mit der nervenaufreibenden Suche nach der passenden Hose soll nun Schluss sein. Zusammen mit seinem Studienkollegen Michael Berli bietet Guggenbühl unter dem neuen Label Selfnation massgeschneiderte Jeans für Frauen an. «Dank zwei von uns entwickelten Algorithmen können wir die Masse der Frau in ein 3-D-Modell projizieren und daraus ein Schnittmuster berechnen.» Das spare Kosten und Zeit. Die Käuferinnen brauchen bloss einige Masse ihres Unterkörpers anzugeben und zehn Tage später wird die in Deutschland produzierte Jeans in der gewünschten Passform geliefert – für rund 220 Franken.

Guggenbühl und Berli studierten an der ETH Maschinenbau und Informatik. «Wir haben uns schon immer für Mode interessiert, aber genauso für Technologie», sagen die beiden 25-jährigen Unternehmer. Den Algorithmus probierten sie an über hundert Frauen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis aus, bis er einwandfrei funktionierte. Und Zürich sei nur der Anfang. Guggenbühl: «Märkte wie Deutschland oder UK sind ebenfalls interessant für unser Angebot.»

David Torcasso

Passgenaue Schuhe gibts schon

ZÜRICH. Während eine passgenaue Jeans erst seit Kurzem erhältlich ist, sind Pendants für die Füsse schon länger im Angebot. Risch Shoes heisst die Firma und hat ihren Sitz in Zürich. Das Ganze funktioniert wie folgt: Im Anfang November neu eröffneten Showroom in Wiedikon an der Grubenstrasse 45 lässt man zuerst seine Füsse scannen. Anschliessend wählt man aus der Kollektion einen Schuh aus. In Florenz werden gemäss den Scannerdaten hernach ein Paar Schuhe hergestellt, die genau passen. rom

Auf einen Blick21. November 2013

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Die Blickfang versammelt nicht nur zeitgenössische Designs, sondern auch spannende Geschichten von den Machern hinter den Objekten. Sechs Porträts.

von David Torcasso (Texte) und Doris Fanconi (Grosses Bild)Schönstaub

Teppich Einen wohl besseren Namen für dieses Produkt gibt es wohl kaum: Schönstaub. Die Jungunternehmer Nadja Stäubli und David Schönen produzieren riesige Galaxien-Teppiche. Die imposanten Bilder sind aber nicht aufgedruckt, sondern eingewebt. Galaxien nennt man auch Sternenstaub, Teppiche manchmal Staubfänger, und ihre beiden Nachnamen ergeben Schönstaub. «Nicht nur der Name war sofort klar, sondern eine Zusammenarbeit nach dem Fotografiestudium an der ZHDK.» Im Modul Kunst und Technik haben Schönen und Stäubli erstmals Fotografien von Galaxien gross auf Teppiche gedruckt. Der Versuch gelang, die Resonanz in zahlreichen Blogs war riesig. In Teheran fanden sie die weltweit einzige Webmaschine, um Bilder in einer solchen Grösse herzustellen. «Anstatt Künstler, sind wir jetzt Teppichhändler», sagt Schönen lachend. Kürzlich haben sie einen Pop-up-Store an der Kalkbreitestrasse eröffnet, letzte Woche waren sie an der Blickfang Kopenhagen, jetzt folgt Zürich. «Bei uns lief die Gründung verkehrt herum: Wir hatten zuerst einen Teppich, erst dann folgte alles andere: die Firmengründung, das CI, die Website, der Vertrieb», sagt Nadja Stäubli. Bleibt zu hoffen, dass die beiden jungen Designer in Zukunft noch genügend Zeit für neue Teppich-Sujets finden.

PrEt-A-faire

strickmusterset Schon zur Schulzeit war Susanne Wadsacks Lieblingsfach «Handzgi». Sie ärgerte sich aber über die Schnittmuster: «Mit dem dünnen Papier und seinen unzähligen, gestrichelten Linien verbrachte man nur schon für das Übertragen auf den Stoff Stunden.» Vor fünf Jahren entschied Wadsack, eigene Schnittmuster anzubieten. Zusammen mit einer Schnittzeichner­­- in entwickelte sie die Schnitte auf festem Papier. Mit der integrierten Nahtzugabe und dem selbst klebenden Papier konnte man diese direkt auf den Stoff bügeln. Bei ihren Strickboxen liefert Pret-a-faire die Wolle gleich mit. «Zurzeit mag ich Alpaka-Seide sehr gern, weil sie so warm wirkt.» Als kleines Extra gibts dazu ein Label mit der Aufschrift «done by myself». Die Designerin freut sich an der Blickfang besonders, den Kunden live zu zeigen, wie ihre Idee funktioniert. Zudem präsentiert sie erstmals eigene Stoffe, die sie in einer Glarner Textildruckerei produziert hat.

Bernhard Burkard

Lautsprecher Nicht in einer Garage wie Steve Jobs, dafür in einem Keller in Stetten im Kanton Schaffhausen haben Fabian Bernhard und Thomas Burkard ihre ersten Produkte gebaut. Dass sie abseits der Schweizer Zentren Zürich und Basel werken, störte die Designer nicht im geringsten. «Für Ideen braucht es vor allem Platz.» Recht haben sie. Denn inzwischen bewegen sich Bernhard und Burkard international. So partizipierten sie in diesem Jahr an der Designmesse in Peking, ihre Kunden stammen aus aller Welt. «Die geografische Lage ist heute dank dem Internet kaum mehr relevant», sagt Burkard. An ihrer zweiten Teilnahme an der Blickfang 2013 zeigen Bernhard Burkard den beweglichen Lautsprecher Ballo, der stark an ein Mikrofon erinnert. «Es ging uns aber auch darum, die Nutzung von portablen Lautsprechern zu überdenken. Deshalb haben wir auf eine flache Standfläche verzichtet. Nicht alles muss stehen», erklärt Fabian Bernhard. Dank des Kabels könne der Lautsprecher deshalb beispielsweise auch aufgehängt werden.

Flux factory

Teller Doris Lang war – entgegen der Meinung vieler – begeistert von den gigantischen Werbepostern, die vor einigen Jahren plötzlich an Zürichs Hausfassaden auftauchten. Aber nicht von der Werbung, sondern dem praktischen und robusten Netzvinyl. Sie produzierte daraus nämlich Wäschesäcke und Shoppingbags. Seither ergänzt die Zürcher Designerin alltägliche Gegenstände mit einem besonderen Twist. So entwickelte die Mutter zweier Kinder auch ihre fantasievollen Kinderteller, aus denen in der Mitte ein Haus, eine Ente oder ein Schiffchen ragt. Eine Mutter sagte ihr einmal: «Sie haben meinem Kind das Leben gerettet. Seit ich einen Teller mit dem Entchen habe, isst mein Kind.» Lang sagt: «Inzwischen werden die Teller gerne auch an Apéros aufgelegt.» Die Teller und weitere Produkte unter dem Namen Flux Factory präsentiert Doris Lang an der Blickfang. «Haushaltsgegenstände umgeben uns täglich. Ein gutes Design ist darum wichtig.»

AIM Studio

leuchten Die Abschlussarbeit von Fabienne Meyer und Urban Würsch, die zusammen an der ZHDK Produktdesign studiert haben, war eine Navigationshilfe für Sehbehinderte. Das raffinierte Projekt war 2009 im Final des inter- nationalen James Dyson Award. Auch heute geht es den Zürcher Designern um das Sehen. «Wir möchten unsere Sichtweise von Produkten und Gestaltung in die Welt hinaustragen.» Ihre Kreationen manifestieren sich in einer der herausforderndsten Design­disziplinen: bei Leuchten. «Eine gute Leuchte spielt mit dem Licht. Das geht auf so viele verschiedene Arten, dass uns die Ideen wohl nie ausgehen», sagt Würsch. Auch die im Rahmen der Blickfang präsentierte Leuchtenserie Nori (in Zusammenarbeit mit Claude Treptow) wirkt auf den ersten Blick sehr reduziert, ändert aber das Aussehen auf erstaunliche Weise, wenn man sie anzündet. Das Kompositgewebe verleiht ihr zudem eine einzigartige Farbtiefe. «An der Blickfang erhoffen wir uns glückliche Käufer, aber eben auch Kontakte zu anderen Designern.»

Kinsfolk

SCHMUCK Die Geschichte von Kinsfolk beginnt in Sri Lanka – von dort stammt der Vater von Jessica und Josie Fernando. Jedes Jahr verbringen sie dort mehrere Wochen. Mit ihrem Label haben die Schwestern einen Weg gefunden, ihr Geburtsland Schweiz mit ihrer zweiten Heimat Sri Lanka zu verbinden. «Kinsfolk ist Fernweh und Heimweh zugleich», sagen sie. Die Symbiose aus traditionellem Handwerk und Materialien aus der Kultur Sri Lankas, gepaart mit Schweizer Designverständnis, präsentieren sie zurzeit in ihrem Laden im Provisorium Sihlpost und jetzt an der Blickfang: Gold- oder Silberschmuck mit einem zeitgemässen Designansatz sowie mit Leder eingefasste Seiden- und Kaschmirschals. Die diversen Objekte lassen die umtriebigen Schwestern in traditionellen Werkstätten in Sri Lanka anfertigen. «Das Design stammt von uns, das Material von dort», sagt Jessica. Künftig möchten die Geschwister noch mehr talentierte Handwerker in Sri Lanka finden – weitere Reisen in den Osten folgen. Ein Bewusstsein für die hochwertige Handarbeit in ihrer Heimat zu schaffen, ist ihnen genauso wichtig, wie die lokalen Manufakturen durch eine enge Zusammenarbeit direkt zu unterstützen.

Blickfang

Die Blickfang fand 1992 erstmals in Stuttgart statt. Heute ist die Messe neben dem Ursprungsort auch in Basel, Zürich, Wien, Kopenhagen und Hamburg vertreten, ab Frühjahr 2014 in München. Rund 220 Aussteller aus den Bereichen Möbel, Leuchten, Mode und Schmuck stellen auf 4500 Quadratmetern aus. Als Highlight verleiht eine Fachjury am Freitag um 19.30 Uhr den MINI Designpreis in den Kategorien Möbel- und Produktdesign sowie Mode & Schmuck. Ebenfalls am Freitag um 16.30 Uhr findet das Trendgespräch «The Future of Fashion» in Zusammenarbeit mit dem GDI Gottlieb Duttweiler Institute statt.

Zwei Jahrzehnte im Leben von: Christian Boros2. November 2013

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Christian Boros, 49, kam zu seiner Kunstsammlung, weil er in seiner Studentenzeit Künstler wie Damien Hirst und Wolfgang Tillmans kennenlernte. Und ihren Wert erkannte.

Kunst hat mein Leben in jeder Hinsicht geprägt. Sie war für mich nie einfach ein «Nice to have», kein Luxusaccessoire. Auch keine Saturierungserscheinung – nach dem Motto «Weil ich schon alles habe, leiste ich mir jetzt noch Kunst». So wie man es bei vielen beobachtet. Das ist nicht meins.

Ich stiess, als ich sechzehn war, in Köln zur Kunstcrowd, mit der ich seither verbunden bin. Ohne Kunst würde der Apparat Christian Boros gar nicht funktionieren. Dabei geht es mir nie um das einzelne Werk. Mich interessiert nicht die beschmierte Leinwand, sondern die Haltung des Künstlers. Und zwar nicht nur die, die sich in seiner künstlerischen Arbeit zeigt, in dem Bild oder der Skulptur, sondern auch seine Haltung in Beziehungen, Freundschaften, im Geschäftsleben.

Ich war mit vierundzwanzig Jahren in London und habe dort den Künstler Damien Hirst beim Trinken im Pub kennengelernt. Und wollte gleich eines seiner Bilder kaufen. Hirst sagte mir, es koste zehntausend Pfund. Ich war damals Student, und das war eine Riesensumme. Irgendwie habe ich das Geld trotzdem zusammengekratzt. Heute ist es einige Millionen wert.

Zwei Jahre später begegnete ich dem Fotografen Wolfgang Tillmans. Auch ihm kaufte ich ein Bild ab. Zehn Jahre später freundete ich mich mit dem Isländer Ólafur Elíasson an. Über zwei Dekaden traf ich Künstler, die heute Superstars sind.

Warum ist das so gelaufen? Weil die Kunst zweckentfremdet arbeitet und deshalb die Krönung unseres menschlichen Daseins ist.

Künstler arbeiten nicht auf Weisung, sie sind immer Autoren mit eigener Handschrift. Autorschaft ist das höchste Gut. Der Künstler tut nur das, was er selbst verantwortet. Diese Selbstbestimmtheit habe ich von Künstlern gelernt, und sie ist seitdem auch meine Leitplanke. Für mich ist der Künstler der Prototyp eines Unternehmers: Ohne Auftrag vollbringt er ein Werk. Niemand sagt ihm: Male das Bild rot oder blau. Nicht mal der Markt. Der Künstler entscheidet aus sich heraus, ob Blau richtig ist, Rot oder was immer. Das fasziniert mich so daran.

Als Kommunikationsunternehmer und Verleger arbeite ich genau mit diesen künstlerischen Mechaniken. Kommunikation darf nie Bedarf sein, nie den Erwartungen entsprechen. Sie muss immer Neuland sein.

Mein erster Kunde war der Musikfernsehsender Viva. Ich kam bei unserem ersten Meeting ins Sitzungszimmer und sagte zur versammelten Geschäftsleitung: Warum müssen die Kids überhaupt Viva schauen? Es gibt doch schon MTV. Damit sie cooler sind? – Und anstatt zu sagen: Wenn du cool sein willst, schau Viva, haben wir es für unsere Werbestrategie umgedreht, und es entstand der Claim: Viva liebt dich.

Schon als Kind habe ich gespürt, dass ich inkompatibel mit den anderen Schülern bin und nicht nach den Erwartungen von Lehrern und Eltern funktioniere. Sobald ich eine Erwartung an mich von jemandem spüre, scheitere ich. Das kann zu einer grossen Verzweiflung führen. Ich bin zwar nicht Künstler geworden, aber ich habe mich in der Leidensgemeinschaft des Künstlers wohlgefühlt. Weil ich Dinge auf die Strasse bringen wollte, habe ich vor zwanzig Jahren eine Kommunikationsagentur gegründet. Das macht auch Sinn: Unternehmer sind seit Jahrhunderten mit Künstlern befreundet.

Ich vereine in meiner Person eine Mischung aus Leichtsinn, Mut, Intuition, Naivität, Ehrgeiz und Grössenwahn. Das manifestierte sich auch beim Projekt Bunker. Niemand wollte diesen wuchtigen Nazibunker mitten in Berlin haben. Er war mal ein Gemüselager, dann ein illegaler Partyclub, immer aber ein ungeliebtes Kind der Stadt. Obwohl mich Freunde davor warnten, kaufte ich den alten Bau im Jahr 2003. Ich investierte viel Zeit und Geld, hatte deswegen einige schlaflose Nächte. Heute bereichert der Bunker Berlin und schafft einen neuen Blick auf die Geschichte der Stadt; wir zeigen darin Kunst in einem nie da gewesenen Kontext. Mein Lieblingswort der deutschen Sprache ist Neugierde. Die Gier nach Neuem. Genau das treibt mich an.

Meine Freunde sagen: Christian, lehn dich doch zurück! Geniesse deine Kunstwerke! Auch ich selbst sage mir: Eigentlich reichen doch zweihundert Werke in der Sammlung, warum also müssen es siebenhundert sein? Besitz interessiert mich ja gar nicht. Aber statt eine meiner Ólafur-Elíasson-Installationen zu geniessen, krabble ich dann doch lieber weiter durch Neuköllner Ateliers auf der Suche nach neuen Künstlern, die ich entdecken kann.

Protokoll David Torcasso

Bühne frei für den Modenachwuchs9. Juli 2013

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Jungtalente – unter ihnen der Schweizer Julian Zigerli – prägen die Berliner Fashion Week. 
Grosse Designer wie Hugo Boss, Escada oder Rena Lange fehlten an der Berliner Fashion Week, die am Sonntag zu Ende ging. Dafür rücken junge Talente in den Fokus.
David Torcasso
Zur Berliner Fashion Week in der «spannendsten Stadt Europas» reisen Designer, Prominente, Modebegeisterte, Einkäufer, Blogger und Journalisten gerne an. Die Besucher sind bunt, die Partys legendär, und die Stadt strotzt vor kreativer Energie. Trotzdem sind grosse Marken wie Hugo Boss, Escada oder Rena Lange diesen Sommer der Fashion Week ferngeblieben. Das umsatzstärkste deutsche Modeunternehmen Hugo Boss nennt als Grund für die Absage ein stärkeres Engagement im asiatischen und amerikanischen Raum. Zwar wird betont, dass Berlin immer noch wichtig sei, eine Rückkehr nicht ausgeschlossen, aber zurzeit andere Märkte bedient würden. Das bedeutet: Berlin ist für internationale Labels nicht wirklich relevant. Die deutsche Hauptstadt hat es noch nicht in die Liga der Modemetropolen geschafft.Doch wenn die mächtigen Labels abwesend sind, erhalten Jungtalente mehr Aufmerksamkeit. Rund 50 Designer zeigten ihre Sommerkollektion 2014 in den Zelten beim Brandenburger Tor, 2500 Modemacher waren es an 15 Messen in ganz Berlin. Als Teil des offiziellen Programms hat dieses Jahr der Schweizer Modedesigner Julian Zigerli für Aufsehen gesorgt.

Für seine Show unter dem Titel «At the End of The World» konnte Zigerli die Künstlerin Katharina Grosse gewinnen. Sie ist bekannt für ihre massiven Farbschattierungen und chromatischen Scherbenhaufen. Wie ähnlich sich die beiden in ihrem Farbfeuerwerk sind, zeigte sich in einer Kreuzberger Galerie.

Künstlerin Grosse bespritzte die Models mit bunten Farbklecksen und belebte den sportlichen Chic von Julian Zigerli zusammen mit den Models zu lebenden Leinwänden. Die Kollektion entfaltete sich wie eine Fata Morgana. Doch nicht nur Zigerli verstand es, seine Kleidung gekonnt in Szene zu setzen. Der deutsche Designer Patrick Mohr präsentierte seine Kollektion «Humans» in einem leerstehenden Warenhaus auch an Menschen aus sozialen Randgruppen mit Behinderungen oder Geschlechtsumwandlung.

Moral und Haltung scheinen diesen Sommer wichtiger denn je zu sein. So verzeichnet die Ethical Fashion Show für Umweltbewusste im Berliner eWerk einen Besucherrekord. Stella McCartney, die neue Botschafterin des Nachwuchsprogramms der Fashion Week, produziert ihre Mode ausschliesslich vegan. Dieses Jahr fand zudem erstmals auch die Übergrössen-Modemesse «Curvy is sexy» statt.

Uli Mayer-Johanssen Entrepreneur, House & Agency, Berlin-Charlottenburg5. Juni 2013

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Check the article online: http://www.freundevonfreunden.com/interviews/uli-mayer-johanssen/

Through impressively dwarfing windows, rooms drenched with sunlight, highlight the carefully selected furniture and artworks in a special glow. In this historic house there is one particular room that is a favorite for branding-agency MetaDesign boss: the breakfast room. It is here where Uli Mayer-Johanssen enjoys a perfect view of the tall trees and her garden and enjoys the sound of birds chirping. Within this home a journey of discovery is conveyed via a range of significant antiques and a custom designed parlor inspired by many Summer’s spent in South Tyrol.

The location of her company within Leibnizstraße is equally awe-inspiring. The so-called MetaHaus is an old transformer station and serves as a landmark that bares many hidden treasures. Eleven years ago the building was reconstructed by MetaDesign. Today people instead of machines now work across the six floors and fourteen levels, becoming a house of high creative voltage.

Considered as one of Germany’s leading agencies for integrated and holistic branding, Uli founded MetaDesign over twenty years ago. Since then the designer and brand expert is not only responsible for the strategic direction of the company, but has also worked as a lecturer at universities such as the Berlin University of the Arts (UdK). Despite her busy agenda as an entrepreneur, advisor, and columnist, Uli Mayer-Johanssen took the time to guide us through her home and company.

This portrait is part of our ongoing collaboration with ZEIT Online who present a special curation of our pictures on their site. http://www.zeit.de/lebensart/2013-05/fs-uli-mayer-johanssen-fvf-2

How did you find such a wonderful house?
Back then, we were searching for a long time for a place that would at least fulfil half of our expectations. In Berlin it is much more difficult than in Hamburg or Munich. Berlin not only suffered a lot during the war but also afterwards as well. This was reason enough for people not to invest in it for centuries. Most houses were split up, demolished, or essentially given to fate of decay.

This house is hundreds of years old and has an interesting history: it was built in 1912 by a general, then followed by a baroness, and then during the war it was used as a casino like many buildings here. As soon as we entered the rooms, we were enamoured. The tall ceilings, the wonderfully old windows, parquetry flooring, view to the garden and the big old trees – everything radiated so much beauty and warmth that it was impossible not to fall in love with the place.

How would you describe your interior?
I think that one is able to feel the personal history of each item here. When I met my husband almost twelve years ago, it seemed to be quite the task to combine two worlds. But surprisingly enough things complemented each other and an interesting combination of new and old was created. For instance my husband used to love antique kilims and sofrehs.

As a young student he visited relatives several times in Turkey, who worked at the German embassy in Istanbul. During this time, he developed a love for Turkey’s culture: its mosques, ornaments, world of forms and color. I wasn’t very fond of carpets at the beginning, but kilims just possess such a blinding beauty. I would not decorate the rooms differently if I was given the chance.

Is it difficult for you to be here after your husband’s passing?
I certainly didn’t know how it would be to stay here without him. Whether it would be a sentiment possible to bare. We often spent hours together figuring out what place would be best for each object. With time, it turned out that this intense contemplation gave the rooms its special charisma. He is everywhere, present in every corner of the house. It is still our home.

There are two portraits of your husband and yourself…
…Yes, they are by Nikolai Makarov. One Saturday afternoon we were sitting at Paris Bar, above which my office was housed in the rooms of Carl von Ossietzky for many years. It was one of those afternoons where time seemed to stand still, as if the entire day had been a sunset. I discovered a catalogue and was going through it when the bartender arrived and mentioned that Nikolai had just arrived. He sat down at our table and just like that an afternoon turned into a wonderful evening.

Soon after we visited Nikolai’s atelier and immediately fell in love with his profound, almost meditative paintings. Later on I asked Nikolai if he could do a portrait of my husband which would serve as a birthday present. That is how the paintings were created. In recent years Nikolai has used Paris Bar as a motif over and over again, and in the course of this he cited the famous motif by Kippenberger that he re-interpreted. That is also how the last supper citation of Peter, our friends, and myself came into existence. We have been friends for a long time which gives the work an even deeper significance. I wouldn’t describe myself as a collector but art is an important part of my life.

What are your favorite pieces?
Almost every piece contains a story. Whether it is the Murano glass work by Pedrosa – it was one of the first objects my husband and I discovered together – the beautiful crystal chandelier, sculptures, paintings, or the wonderful sofrehs. I could talk about my fascination for these objects for hours, so it is quite hard to choose one favorite object.

Why did you decide on a South Tyrolean parlor within your home in Berlin?
South Tyrol was almost like our second home. For many years we tried to spent as much time as possible in the mountains during the Summer. During that time, many places and people grew close to our hearts. In our favorite hotel ‘Berghofer’ in Radein stands a fantastic gothic parlour. The scent of the Swiss pine, warmth, and safety provides a wonderful feeling.

While we were sitting together with Zeno Bampi, a great friend and architect and his wife Judith, on a terrace and looking at the panorama (the sensation of wrench almost present), I suddenly said out loud: “I would like to have a parlor like that,” and Zeno just replied: “We will make one!” My husband and I just looked at each other and quickly considered it absurd, but then realised how wonderful it would be. A long story was born that ended with this beautiful parlor actually existing within our home.

The feeling of being in Berlin is almost forgotten, just like it is on our terrace or in our garden. During the summer the leaves on the trees get so thick that everything on the exterior magically vanishes. I love being here. As I am away very often, I can find peace and strength here. There is no better place to spend the mornings than in the small breakfast room where a painting of Spring scenery with blossoming trees hangs, while the sun shines and the birds chirp. It always reminds me of Tschechow’s Cherry Garden.

Tell us about the film posters ‘Der Himmel über Berlin’ (Wings of Desire) by Wim Wenders?
I was fortunate to design the posters for Wim Wender’s ‘Der Himmel über Berlin’ in 1989. It was fascinating to see the development of the film. As there was no concrete script and Wim and Peter Handke would continue to create each scene with spontaneity and intuition, there were many versions until the film received its final form. I sat next to Peter Przygodda and Wim Wenders a few times in the cutting room and was able to take part in this tentative search. This took great importance within my work and the posters. I gave many of them away to people involved, but some of them I still own. Particularly the poster in French, ‘ Les Ailes du Desire,’ which I really like.

You also own many sculptures. Where does this passion come from?
Even though my grandfather was a sculptor and stone carver, it took me sometime to get close to that particular field. After journeys to Italy, specifically during and after my studies at the Berlin University of the Arts (UdK), I developed a strong interest and love for it. ‘Prinzessinnengruppe’ (Princesses’ Group), a copy of the plaster mould of the Staatliche Museen zu Berlin, basically forms an opening to a new world which to this day is full of fascinating discoveries. We got the baroque frame of the mirror renovated and completed, after having used its broken parts as a doorframe for a long time. A restorer designed and carved the missing part and that is how this wonderful mirror came into existence.

It is amazing to see how objects receive a new life. It is also fascinating to see the art of handwork. Every object begins to narrate its own tale and develops a detectable aura. I appreciate that about Berlin. The city doesn’t want to be discovered and won’t form itself. It doesn’t offer an imposition, but it is simply up to you to make the first step. Berlin doesn’t wish to instruct or dominate, it simply lets you be. This often leads to discovering things on one’s own.

How did you end up in Berlin?
Originally I come from a small town in Baden-Württemberg and I studied graphic design at the Merz-Akademie in Stuttgart. At that time my brother had just moved from Würzburg to Berlin in order to pursue his diploma. He gave me a ticket to Berlin for my 16th birthday. I considered Berlin really exciting and interesting, even though the city was still quite grey and marked by the war in 1974. After my studies, I considered moving to Munich in order to study art. By coincidence my brother asked me if I wanted to come to Berlin for a while. That was the beginning of a long friendship. I like the open spaces here that one is able to fill. However, Berlin was never an easy city. It had such Prussian strength, like an old aunt with her hair tightly knotted in a bun. The valuable and loveable comes with time.

How did you master your path?
I studied visual communication at the former HdK – today the UdK – with emphasis in painting and philosophy. As I had to finance my studies, I worked as a graphic designer directly after having arrived in the city. I was fortunate enough to meet wonderful people who gave me great support and courage in the most difficult times. For a while I couldn’t decide between painting and graphic design. At times I am still confused about it even now. But as I have always liked to work with other people and considered it almost always as an enrichment, I chose communication and design in 1989.

Out of this decision you established MetaDesign?
Yes. After having worked together with Günter Fannei in an office above Paris Bar, I realised, as the agency was moving more towards advertisement, that I was extremely fascinated and interested by the conceptual and strategic dimensions of visual communication.

My function as a student representative mainly consisted of committee work. That is how I met Erik Spiekermann, who during that time was applying for a position as a professor in our field at HdK. Furthermore, my classmate Hans-Werner Holzwarth worked in his office in Motztstraße. It happened like it was supposed to happen. We had our first conversation about a possible collaboration alongside espresso and chocolate ice cream. ‘Der Himmel über Berlin’ playing at the theatres at that time, something that seemed to awaken Erik’s typographical interest. We both agreed that the conceptual dimension of design in Germany had not yet reached its potential.

We saw immense opportunity within the areas of corporate design and corporate identity. Essentially that is how the foundation of the agency MetaDesign came together with Hannes Krüger, which, many years later was transformed into a corporation.

According to you, what is strategic-visual communication?
The visual always contains a strategic dimension. The question is whether this potential is being recognised, applied, and reasonably used. Throughout history, just like within the catholic church, paintings, writings, culture, and forms have been used since the very beginning. Every symbol and every painting transports messages and content contextually. This is most clear, for example, when we try to decipher characters of a foreign, obliterated culture. The biggest problem here is the displacement of meaning and interpretation of forgotten characters or images. We must first understand how people used to live and think in order to decipher the significance of the character’s messages.

Transferring this premise to different contemporary working contexts is exactly what strategic-visual communication is about. To produce satisfactory work, we must understand how signs transport and convey messages, so we can create adequate forms and provide unique and concise appearances. The aim is to connect this work via different contacts, channels, and media as much as possible. The holistic perception of a brand goes beyond the design of the logo, print and online media.

Speaking of this, it is utterly important that companies understand what they stand for, as well as their visions and goals. People won’t be able to tell them what makes them unique and competitively viable otherwise. They can only formulate what they already know. Rarely something new or unique comes out of that, which could be developed further.

Where does MetaDesign stand nowadays?
Since its establishment, many things have shifted. In the last 23 years not only has the market changed but so have the demands expected from the company. Naturally, this cannot be ignored. The projects are becoming more fractal, the holistic view with regards to impact within work with brands becomes increasingly lost, which in the long-run will have fatal consequences for the company and its brands. Our goal is to lead brands strategically with holistic and creative communications.

How did you build this confidence and experience to advise others?
Principally, we offer action and decision options. Alongside the client we acquire the fundamentals. In the end they have to convert whatever they discuss with the employees and clients, in particular, the visual.

In this respect, we are strategic visual-sensual companions. We reflect the company’s reality and offer our clients the opportunity to understand the consequences of their actions. We try to make the brand become the very innovation within the company. We supervise many of our clients for a longer amount of time. For example, we have worked with Audi and Volkswagen for almost twenty years. In situations like these a certain trust and effectiveness is developed from which both sides profit and are constantly being nourished.

What is the secret of a successful corporate identity?
As we are part of a world that increasingly becomes faster, more global and inconsistent, as well as increasingly shaped by technology, media, and channels, it is necessary to establish an equally concise appearance and a clear anchorage in order to expose recognisable features. We are in a world that increasingly becomes more complex and has a demand for easy questions that are often the hardest to present and resolve. Nowadays everybody can make a film. But to create something consciously and strategically that orients itself around the values and self-image of the company is much more complex

Sending constantly changing impulses and messages isn’t an answer either. We must find ways in order to replace frequency with something concise. People love variety and independence, which simultaneously overstimulates, eventually leading to unhappiness. So the question remains: what creates consistency? The visual is invincible here. Only through the content do the messages receive relevancy.

Speaking of visual: MetaHaus is housed in quite an impressive building. Why?
Since 1987 we have been looking for a building that would suit our expectations and future work process. When we discovered the transformer station, we all agreed that this would be the perfect place. However, we severely underestimated the difficulties in transforming an industrial construction into an office building – in which people instead of machines would be working. We bought the building and created a team that would follow the entire process, alongside the architect Kahlfeld helped to awaken this sleeping beauty.

There are so many peculiarities in this landmarked building. For instance, the observatory reminds me of a control centre inside a spaceship. The room basically anti-seismically floats within the building. It was the only place where both people who managed the machine would actually be working.

After various challenges it was finalised in 2001. That combination of new and old, industrial architecture meeting modern work process, goes perfectly with our work as brand specialists. When there is nice weather the terrace offers a beautiful view over the city and many of our employees use it for their short breaks. Our library, a big conference room and the imposing atrium are extremely beautiful and act as a perfect frame for what we do here on a daily basis.

You are a successful woman – do you commit yourself to women being in leading positions?
Basically MetaDesign made that happen. From early on we had women in positions of responsibility. Women cannot be dismissed. They do a great job, are amazing creatives, extremely responsible, and reliable. For some time now it is not about who is better. It has become increasingly more important to concentrate on different abilities and skills and avoid that silo thinking. Our projects exist through our interdisciplinary work and the creation of qualitative synergies – women would be indispensable here.

Many thanks for taking time out of your busy schedule to speak with us Uli Mayer-Johanssen and welcoming us to your unique home. Find out more about Uli’s company MetaDesign here.

This portrait is part of our ongoing collaboration with ZEIT Online who present a special curation of our pictures on their site. Have a look here.

Interview & Text: David Torcasso
Photos: Philipp Langenheim

Jane Birkin – “Ich kenne den Schmerz”

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Journalisten geht das Wort Ikone oft viel zu schnell von der Hand. Wenn es tatsächlich zutrifft, dann reicht seine Kraft kaum mehr aus – wie bei Jane Birkin. Trotzdem: Die gebürtige Engländerin, die spätestens seit ihren lasziven Stöhnorgien auf Serge Gainsbourgs Song „Je t’aime … moi non plus“ weltbekannt wurde, ge- hört bis heute zu den großen weiblichen Ikonen der Popkultur der letzten fünf Jahrzehnte. Berühmt war Birkin aber schon vor „Je t’aime“. Als Model und vor allem als nackte Schöne in Michelangelo Antonionis „Blow up“, der heute zu den wichtigsten Filmen des 20. Jahrhun- derts gezählt wird. Aus dem paneuropäischen Sexsymbol der Sechziger wurde im Laufe der folgenden Jahrzehnte eine angesehene Sängerin, Regisseurin und Schauspielerin, die stets mit den anspruchsvollsten und interessantesten Künstlern arbeitete. Mit Agnes Varda, Alain Rasnais, Jacques Rivette zum Beispiel oder mit Jacques Doillon – dem dritten Mann, den sie heiratete, und der Vater ihrer zweiten Tochter Lou Doillon, mit der sich Jane Birkin in dieser Ausgabe den Titel teilt.

Insgesamt war Jane Birkin dreimal verheiratet. Ihre drei Töchter haben drei verschiedene Väter. Charlotte Gainsbourg ist die Tochter der verstorbenen französischen Chanson-Legende Serge Gainsbourg. Die älteste, die Fotografin Kate Berry, stammt aus ihrer ersten Ehe mit dem ebenfalls verstorbenen Komponisten John Berry. Auch als Mutter ging Jane Birkin nie den geraden Weg, trotzdem sind die Familienbande zu ihren drei kreativen Töchtern eng geflochten. Jane Birkin sagt, dass sie von ihren Töchtern lerne. Lou Doillon brachte ihr bei, wie man „Ich liebe dich“ sagt, erzählt Jane Birkin im Fräulein- Interview. Auch die Neugier hat sie während all der Jahre nie verloren. Das Sendungsbewusst- sein ebenfalls nicht: Neben ihren Filmprojekten möchte sie in Zukunft die Lieder von Serge Gainsbourg ins Deutsche übersetzen lassen, dass noch mehr die Freude und den Schmerz verstehen, der in ihnen steckt.

Frau Birkin, mögen Sie es noch immer, fotografiert zu werden?
Jane Birkin: Ich hatte heute eine wundervolle Zeit mit dem Fotografen. Er war sehr einfühl- sam, voller Energie und kreativ. Es hat großen Spaß gemacht. Ja, ich liebe es, fotografiert zu werden. Besonders weil es nicht oft geschieht. In meiner Wohnung mag ich es besonders gerne, weil ich hier natürlich sein kann. Ich mag es trotzdem, mich zu verwandeln. Im Alltag trage ich immer die gleichen Klamotten. Deshalb finde ich es schön, wenn mir Leute tolle Kleider anzie- hen und ich neue Designer kennenlerne. Aber ich verstehe sowieso nicht, warum die Leute noch Fotos von mir in meinem Alter machen wollen (lacht).

Das ist einfach: Sie sind eine schöne Frau, eine tolle Künstlerin und eine sehr wache Beobachterin unserer Zeit!
JB: Ich habe das Glück, dass mich mein Beruf um die ganze Welt bringt. Kürzlich war ich in Japan und habe an Orten gesungen, wo der Tsunami gewütet hat. Menschen sind mein Leben. Ich werde schlecht gelaunt, wenn ich nicht auf Tour bin, wenn ich nicht singen, nicht spielen kann, sondern zu Hause rumgammle. Gestern habe ich einen tollen Film gesehen, heu- te gehe ich auf ein Konzert, morgen erhält meine Tochter Lou einen Filmpreis. Ich habe Freunde, mit denen ich viel Kultur genieße, dazu meine Töchter und Enkelkinder, die mir ständig neue Welten zeigen. Ich kann nicht stillstehen. Viele Leute ziehen sich mit 66 Jahren zurück. Ich tue das Gegenteil. Bald mache ich einen Film mit Jean Renaud, dann im Herbst „Maggie Smith“ mit Israel Horowitz. Ich bin einfach so froh, aus dem Krankenhaus zu sein und zu leben! (Anmerkung der Redaktion: Jane Birkin litt unter einer Herzbeutelentzündung)

Sie saugen Kultur also richtiggehend auf ?
JB: All meine Freunde sind neugierige Menschen. Sie bringen mich an interessante Orte. Einer meiner Freunde arbeitet an der Oper in Paris. Dann habe ich eine Freundin bei der Oper in London, wo ich vor Kurzem „Matilda“ von Roald Dahl gesehen habe. Ich bin mit meinen Enkelkindern im Eurostar von Paris nach Lon- don gefahren. Es war himmlisch, alle zusammen im Zugabteil. Wenn ich eine tolle Sendung auf Arte sehe, rufe ich Charlotte oder Lou an und sage ihnen: „Schaltet den Fernseher ein!“ Es ist so schön, wenn jemand am anderen Ende der Leitung sitzt und mit dir das Gleiche anschaut.

Kürzlich waren Sie zum ersten Mal zu viert im Fernsehen: Ihre Töchter Kate Berry, Charlotte Gainsbourg, Lou Doillon und Sie.
JB: Ich liebe meine Töchter. Ich habe Enkelkinder zwischen 1 und 26 Jahren. Lou hatte ihr Kind beispielsweise schon mit 19 Jahren – wie ich damals. Und das Schönste: Sie sind alle in meiner Nähe in Paris! Ich schreibe aber meinen Kindern nicht vor, wo sie leben sollen. Wenn sie nach New York ziehen möchten, dann sollen sie es tun. Aber jetzt ist es wunderbar! Auch wenn ich nicht immer eine verfügbare Großmutter sein kann, weil ich oft unterwegs bin. Ich könnte im Moment nicht glücklicher sein: Charlotte ist 40 Jahre alt, Lou ist 30, das passt so wunderbar. Ich höre meine Kinder einmal am Tag und sehe sie ein- bis zweimal pro Woche. Seit 46 Jahren verbringe ich jeden Feiertag mit ihnen. An Ostern habe ich bei Kate zu Hause für 40 Leute gekocht. Es ist großartig, wie meine drei Töchter sich untereinander so gut verstehen und Freundinnen sind. Ich denke, sie haben so viel Spaß. Da kann ich getrost sterben.

Würden Sie nicht viel lieber die Zeit anhalten wollen?
JB: Nein, ich weiß, dass sie da sind. Das macht mich stark. Als ich krank war, haben meine Töchter meine Hand gehalten. Vier Monate lang. Sie waren in dieser Zeit fürsorglich und witzig zugleich. Ich habe viele Fotos von meinen Töchtern zu Hause, aber auch von Serge… Serge ist auch immer da. Aber jetzt, wo ich seine Lieder singe, muss ich ihn nicht mehr jeden Tag vermissen. Es ist jetzt 20 Jahre her. Ich habe seine Stücke kürzlich in Südkorea veröffentlicht. Dort kennen ihn die Leute nicht von früher. Ich habe Serge an so viele Orte mitgenommen – und er hat Standing Ovations erhalten. Wenn man seine Lieder nicht singt, sterben sie. Ich produziere gerne Filme, schreibe gerne – aber nichts ist so schön, wie Serges Lieder 20 Jahre später zu sin- gen. Ich kenne den Schmerz, der ihn inspiriert hat, diese wundervollen Songs zu kreieren. Es sind so viele persönliche Botschaften an mich darin. Ich weiß, wann und wie er sie geschrieben hat, wie er im Studio saß, geweint hat. Es war so schmerzhaft für ihn, dass ich mich so lange schuldig gefühlt habe. Die Menschen verstehen seine Lieder. Nun möchte ich sie auf Englisch und Deutsch übersetzen.

Warum das? Französisch ist doch wunderbar!
JB: Ja, aber ich will, dass alle Menschen seine Texte verstehen. Der Sohn des Mannes meiner Tochter Kate – Ano – hat mit seinen 20 Jahren einen Text von Serge übersetzt. Danach ist er aber bei einem Autounfall gestorben. Schreck- lich (macht eine lange Pause). Serge hat eine neue Sprache erfunden. Deshalb sollte eine junge Person sie übersetzen. Jemand, der keine zu schwere Seele hat, sondern witzig ist. Wow, wenn ich so jemanden treffen würde, würde ich mich sofort verlieben.

Sie erwähnen die versteckten Botschaften in Serges Liedern an Sie. Haben Sie heute Distanz zu seinen Liedern gewonnen?
JB: Die schönsten Lieder hat er geschrieben, nachdem ich ihn verlassen habe. Warum schreiben die Menschen die besten Songs, wenn sie unglücklich sind? Bei Lou war es genauso. Wie Serge gesagt hat: Der Himmel ist langweilig, wenn er blau ist. Er mochte Gewitter. Wenn man glücklich ist, hat man keine Zeit, Lieder zu schreiben. Wenn man glücklich ist, denkt man gar nicht daran. Leider realisiert man immer zu spät, wie glücklich man gewesen ist.

Frau Birkin, Sie schwanken wohl immer zwischen Trauer und Glück?
JB: Auf jeden Fall! Ich kann am Morgen ganz glücklich aufwachen, dann passiert etwas Trau- riges und mein Gemütszustand dreht sich um 180 Grad. Das können kleine Dinge wie ein Foto auslösen. Die meisten Filme sind traurig oder schön. Oder beides gleichzeitig.

Wie gehen Sie mit dieser Achterbahnfahrt um. Wiegen Sie sich gerne in süßer Schwermut?
JB: Es ist nicht falsch, unglücklich zu sein. Und wenn Sie es sind, dann schalten Sie Gustave Malot ein und werden noch sentimentaler. Wa- rum darf man nicht unglücklich sein? Morgen ist wieder ein anderer Tag. Ich wache manchmal von Albträumen auf, weil ich schreckliche Unfälle sehe. Aber das Leben, der Lebensweg ist nie eine Fahrt ins Paradies.

Ist der Weg des Glücks ein langweiliger?
JB: Nimm einfach den Weg, der sich öffnet. Ich habe es früher geliebt, wenn ich mit meiner Mutter die Fähre verpasst habe. Wir hatten unerwartet Zeit füreinander und das war die beste Zeit mir ihr. Weil sie spontan, ehrlich und ungezwungen war. Nichts läuft so, wie du es erwartest. Ein Film wird nicht realisiert, eine Tour wird abgesagt. Dann machst du eben ein Theaterstück. So bin ich beispielsweise sehr stolz auf meinen Film „Boxes“.

Dieser Film zeigt eine Familiengeschichte. Sie spielen selbst mit und auch Ihre Tochter Lou. Ist die Geschichte autobiografisch?
JB: Der Film handelt von einer Mutter-Tochter- Beziehung, gewiss. Es ist aber keine Reflexion über unsere eigene Geschichte. Es hat Geister im Film, der Vater taucht auf. „Boxes“ war mein bester Film bisher. Wenn ich mich in meinen Filmen selber entfalten kann, ist das wunderbar. „Boxes“ war nicht erfolgreich, aber egal. Wichtig ist, dass dieser Film existiert.

Was war die größte Herausforderung für Sie als Mutter?
JB: Als Mutter? Ich war ja nie nur eine Mutter. Lou hatte ihr Kind mit 19 Jahren, genau wie ich mit John Barry. Dann hat er mich verlassen und ich dachte, ich müsste sterben. Ich habe ihn so begehrt, weil er so talentiert war. Ich ging nach Amerika und spielte im Film „Blow up“ diese Nacktszene. Das Leben endet nicht, auch wenn man es manchmal denkt. Ich traf im Anschluss Serge Gainsbourg und mein Leben veränderte sich erneut komplett. Stellen Sie sich vor, John Barry hätte mich nicht verlassen. Ich wäre eine Hausfrau geworden, Suppen kochend und immer von der Angst und Eifersucht um meinen Ehemann geplagt.

Ich kann schwer glauben, dass Sie Hausfrau geworden wären …
JB: Auf jeden Fall! Ich hätte ein bürgerliches Leben geführt und wäre nie nach Frankreich gegangen. Ich hatte damals versucht, die perfek- te Hausfrau zu sein. Kein einziger Film wäre je entstanden. Dann hatte ich mit 25 Jahren meine zweite Tochter, Charlotte – mit Serge zusammen. Viel später wurde dann Lou geboren. Sie ist 16 Jahre jünger als meine erste Tochter. Bei Lou war ich so glücklich, noch einmal Mutter sein zu können. Nicht wie damals mit 19 Jahren, als ich selbst noch ein Teenager war. Ich wurde ehrlicher zu meinen Töchtern, jede hat einen anderen Vater. Für Kate wollte ich immer beste Freundin sein, ich wünschte mir so sehr, dass sie mich liebt, und stellte deshalb keine Regeln auf. Sie fand das verwirrend.

Welche Fehler haben Sie gemacht?
JB: Jedes Kind fragt seine Eltern früher oder später: Bin ich so geworden, wie ihr mich wolltet? Es ist eine ständige Sorge, ob man so wird, wie die Eltern es möchten. Ich habe meine Kinder immer ermutigt, so zu werden, wie sie wollen. Nicht für mich, sondern für sich. Ich war froh, als Charlotte mit zwölf Jahren einen Part in einem Film bekam. Als Kate Designerin werden wollte, habe ich ihr die Adresse von einem Bekannten bei Lanvin gegeben. Jetzt ist sie Fotografin. Ich musste verstehen, dass sich meine Töchter selbst ausdrücken wollten und nicht wie ich eine Rolle spielen wollten. Ich war ja nichts! Keine große Sängerin, keine Schauspielerin, nichts – meine Töchter haben Talent. Ich war einfach für sie da.

Wie sehr hat Sie Ihr Elternhaus geprägt?
JB: Meine Eltern schickten mich auf ein Internat. Das war schlimm, aber ich habe sie nie dafür verantwortlich gemacht. Für meinen Bruder war es gut. Es ist so wichtig zu berücksichtigen, wo- her die Eltern kommen! Meine Mutter kam aus einer Bauernfamilie, sie wollte ein Zuhause und entschied sich deshalb für meinen Vater. Obwohl sie anders war. Mein Vater wollte nie, dass sie Schauspielerin wird. Er war mit dieser schönen Frau zusammen, wollte sie für sich allein. Mein Vater war wundervoll, aber auch egoistisch. Als er starb, war das furchtbar. Kurz zuvor war Serge gestorben. Meine Mutter ging danach aber wieder ins Theater, sie wechselte ihren Namen, hatte eine eigene Show und konnte zum Glück noch 15 Jahre ihres Lebens so sein, wie sie wirklich war.

Was haben Sie von Ihren Kindern gelernt?
JB: Ich lerne jeden Tag. Ich halte mich zurück, dass ich nicht zu lange mit ihnen telefoniere. Sie haben doch ihr eigenes Leben, und ich erzähle dann immer so viel. Lou hat mich gelehrt zu sagen: Ich liebe dich – ohne dass es sich peinlich anfühlt. Das ist eigentlich sehr amerikanisch, aber eben auch schön. Lou hat es ihrem Vater gesagt und mir auch. Ich musste es wirklich lernen, ihr das auch zu sagen. Kate hat mir gesagt: Vergiss die Vergangenheit, rede nicht mehr davon. Charlotte hat mir gezeigt, wie toll man sich um seine Kinder kümmern kann. Alle Mütter wollen Liebe geben – aber ich habe meinen Kindern auch Liebe gegeben, weil sie mir selbst gefehlt hat.

Sind Sie eine bessere Großmutter als Mutter?
JB: Als ich mit meinen Enkelkindern in den Ferien war, haben wir Piraten und Indianer gespielt. Ich war so glücklich wie noch nie – weil ich selbst wieder Kind wurde. So schließt sich der Kreis. Ich will in diesem Sommer die Kinder und Enkelkinder in mein Haus in Britney nehmen und am liebsten nur noch Piraten und Indianer mit ihnen spielen. Wie bei Peter Pan.

Angel Haze

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IN DIESEM JAHR IST SIE DIE WICHTIGSTE WEIBLICHE STIMME IM HIP-HOP. DIE WUCHT IHRER TEXTE ZIEHT ANGEL HAZE AUS EINER JUGEND ZWISCHEN MISSBRAUCH UND RELIGIÖSEM FANATISMUS.

Bam! Rapperin Angel Haze ist nicht aufzu- halten. Mit ihren Worten bläst sie die Zuhö- rer weg. Ihre schnellen Wortkaskaden klin- gen düster, zerstört, hart. In Videos tritt sie mit bizarren Masken auf, schlägt in die Linse der Kamera und stampft auf den Boden. In dem Song „Cleaning out my closet“ beschreibt Angel Haze den sexu- ellen Missbrauch, den sie jahrelang er- lebt hat, so detailliert, dass es kaum zu ertragen ist. Ihre Worte klingen dabei wie Salven aus einem Maschinenge- wehr. Entschlossen und gnadenlos. Angel Haze ist so „real“, dass es dem Zuhörer wehtut. Das macht sie mit ihrem kommenden ersten Album „Dirty Gold“ neben dem verkifften Hipster Asap Rocky zur wahrscheinlich wichtigsten Stimme des Hip-Hops in diesem Jahr.

Das ging alles ganz schön schnell. Ein Mixtape mit dem Titel „Reservation“ stellte die gerade mal 21-Jährige im letzten Jahr als frei- en Download ins Netz. Ihre Fange- meinde wurde schnell so groß, dass Majorlabels um sie buhlten. So ähn- lich liefen die Erfolgsgeschichten von vielen jungen Hip-Hop-Künstlern in den letzten Jahren ab. Inhaltlich unter- scheidet Angel Haze sich aber deutlich von ihren männlichen Kollegen, die in ihren Texten immer noch am liebsten Bling-Bling, Bräute und fette Autos abfei- ern. Angel Haze ist ernster. Ausdrucks- stärker, auf eine im Hip-Hop bis heute kaum gekannte Art.

Diese Stärke zieht sie aus ihrer schwierigen Vergangenheit. Ihr Vater starb, als sie noch ein Kind war. Die Mutter zog in eine strenge, apostolische Glaubens- gemeinde in Virginia. Musik war verboten. Während der Jahre dort wurde Raykeea Wilson – wie Angel Haze mit bürgerlichem Namen heißt – sexuell missbraucht. Zu- flucht bot ihr das Alleinsein: Sie schrieb Gedichte. Mit 16 Jahren durfte sie endlich Musik hören. Doch das war kein Hip-Hop, sondern Coldplay oder Bob Dylan. Erst als sie von Virginia nach Brooklyn, New York, zog, entdeckte sie die Rapmusik. Sie hatte einen unverstellten Blick auf das Genre und konnte die Kunstform Hip-Hop für ihre Zwecke einsetzen, vor allem um die Wut in ihr zu kanalisieren. Die manifestiert sich in ihren messerscharf geschriebenen Texten: Sie rappt vom Schmerz ihrer Jugend und der Auseinandersetzung mit sich selbst – von Selbstmordgedanken und ihrem Kampf mit dem Leben. Angel Haze will in ihren Texten morden, quälen und töten, aber rappt gleichzeitig von Liebe und ihrem Wunsch Kinder zu be- kommen. Sie nennt sich „Superbitch“, wirkt in Interviews oft sarkastisch und unnahbar, aber zeigt sich in ihren Songs gleichzeitig so verletzlich und ehrlich wie nur wenig andere Künstler. Raykeea Wilson ist unter dem Namen Angel Haze zur jungen, wütenden Kämpferin geworden. Und wir als Publikum, wir profitieren enorm von ihrer frischen kraftvollen Stimme. Denn für die Dauer eines Popsongs rockt Raykeea Wilson nicht nur ihren privaten Dreck weg, sondern auch den, der sich in uns angestaut hat.

Eine Stunde im Leben: Nicola Forster1. Juni 2013

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Nicola Forster, 28, Chef des Thinktanks Foraus, hatte einen Termin bei Aussenminister Burkhalter. Und er nützte ihn.

Ich war nicht sehr nervös, als ich im Vorzimmer von Bundesrat Didier Burkhalter sass, dachte aber dann doch: Ein Bundesrat wartet auf dich. Was sagst du genau, wenn du hinter dieser Tür bist?

Neben uns «wachte» der Weibel, und ich ertappte mich dabei, wie ich tatsächlich die Krawatte noch einmal zurechtzupfte. Das mache ich sonst nie. Dann ging die Tür schon auf, wir traten ein, und Bundesrat Burkhalter kam auf uns zu.

Zu meiner Überraschung fand ich ihn ziemlich witzig und schlagfertig. Vorher hielt ich Burkhalter für einen recht trockenen Menschen. Am Anfang haben wir in einem Mix aus Deutsch und Französisch gesprochen – typisch Bundesverwaltung. Dann auf Französisch: Monsieur le Conseiller fédéral.

Unerwartet war für mich, dass er nicht einfach nur zuhörte, sondern auch fragte: Was würdet ihr in meiner Situation tun? Ich dachte, wir müssten zunächst einmal unsere Arbeit als Thinktank vorstellen. Aber Burkhalter wusste bereits alles Wesentliche darüber und wollte gleich Tacheles mit uns reden.

Vor einem Jahr haben wir von «Foraus – Forum Aussenpolitik» eine Studie zum Schweizer Verhältnis mit der EU veröffentlicht. Bundesrat Burkhalter hatte anscheinend Wind davon bekommen. Einige Tage nach der Publikation erhielt ich eine Mail von seinem persönlichen Mitarbeiter: «Am Montag hat Herr Burkhalter von vier bis fünf Uhr Zeit für ein Gespräch.»

Aussenminister Didier Burkhalter ist die entscheidende Referenzperson in der Schweizer Aussenpolitik, folglich auch für unsere Arbeit. Wir sind quasi beide auf dem gleichen Markt aktiv. Es gibt nicht so viele Player in der Schweizer Aussenpolitik. Man versteht sich deshalb als Partner, lotet die Interessen aus. Ich glaube, deshalb kann der Bundesrat auch von unseren Ideen profitieren.

Vor drei Jahren, als wir Foraus gründeten, kamen Treffen mit Politikern oft nur zustande, weil es nach aussen gut aussah. Sie wollten mit uns sprechen, weil wir jung und engagiert sind, aber kaum über die konkreten Inhalte, mit denen wir uns beschäftigen. Das hat sich geändert. Die Qualität unserer Inputs ist nun entscheidend, nicht unser Alter. Dass Bundesrat Burkhalter ein echtes Interesse bekundete, spürte ich: Er gab während unseres Treffens immer wieder Instruktionen an seinen Mitarbeiter – bring sie mit diesen Leuten in Kontakt, organisiere dort ein Treffen für Foraus, lass uns in diesem Bereich mit ihnen zusammenarbeiten.

Dieses Treffen war daher der endgültige Reality-Check für Foraus: Das Konzept eines jungen politischen Thinktanks geht auf! Es war der Beweis: Die Ideen, die unsere ehrenamtlichen Mitglieder in die öffentliche Debatte einbringen, haben Einfluss auf die Schweizer Aussenpolitik – bis ganz nach oben. Und das, obwohl diese Welt der Diplomatie nach wie vor von älteren Herren dominiert wird – für die wir Exoten sind.

Zwei Monate später hat Burkhalter im Ständerat gesagt: «Ich schätze Foraus sehr. Ihre Ideen zur Europapolitik haben mir bei meiner Arbeit sehr geholfen, und ich messe ihnen grosse Bedeutung zu.» Das war einer der Momente, die meine Arbeit für mich so wertvoll machen – weil sie direkt bei den Entscheidungsträgern ankommt. Ich sehe Foraus als Start-up, in dem viel Herzblut steckt, trotz wenig Lohn. Wenn wir dann solche Signale bekommen, gibt das mir und den mittlerweile sechshundert Mitgliedern eine Menge Energie.

Protokoll David TorcassoBild Herbert Zimmermann

Die Filme von Charles und Ray Eames: Poesie in bewegten Bildern31. Mai 2013

Online-Artikel unter: http://film.fluter.de/de/523/film/11588/

Charles und Ray Eames bei der gemeinsamen Arbeit, 1975 | title

Charles und Ray Eames bei der gemeinsamen Arbeit, 1975 | © akg-images / Erich Lessing

Das Ehepaar Charles und Ray Eames gehört zu den bedeutendsten Designern des 20. Jahrhunderts. Ihre Entwürfe und Möbel stehen millionenfach in Büros, Wohnzimmern oder Cafés – und im Museum of Modern Art, New York. Obwohl die beiden Amerikaner den meisten als Möbeldesigner bekannt sind, ist ihr Werk weitaus vielschichtiger: Architektur, Landschaft, Skulptur, Malerei, Keramik, Bücher, Grafikdesign und sogar Spielzeuge gehören zu ihrem Oeuvre. Die beiden vermieden es jedoch, als Künstler bezeichnet zu werden – lieber nannten sie sich Schöpfer. Ein weiteres, wichtiges Werk der Eames waren ihre Filme: Sie rundeten den Anspruch der Designer ab, den Menschen die Welt durch ihre Augen zu zeigen.

Neues Sehen

Die Eames produzierten zwischen 1952 und 1980 über hundert Filme, nur wenige sind bekannt. Ihre Filme erhielten keine große Aufmerksamkeit in einer breiten Öffentlichkeit, weil viele als Dokumentar- oder Werbefilme im Auftrag entstanden sind und nicht den Weg ins Kino oder ins Fernsehen fanden. Manche produzierten sie für ihr in Kalifornien gelegenes Büro, das noch heute existierende “Eames Office”, um ihre technisch innovativen Möbelentwürfe zu erklären. Manche machten sie einfach nur zum Spaß. Ray Eames war berühmt für ihre Sammelleidenschaft; der liebevoll produzierte Animationsfilm “Tocatta for Toy Trains” (1957) zeigt eine große Variation alter Spielzeugeisenbahnen. Der wohl bekannteste und schönste Kurzfilm der Eames ist und bleibt: “Powers of Ten”, “Hoch zehn”, den sie für IBM produzierten. Der Film zeigt eine imaginäre Reise in das Universum und zurück in den Mikrokosmos – eine perfekte Kamerafahrt in das Innenleben des Menschen. Hier machten Ray und Charles in der Abfolge ihres szenischen Timings Begrifflichkeiten der Wissenschaft und die unvorstellbaren Entfernungen und Größen des Alls fassbar. Ausgehend von einem in einem Park am Lake Michigan liegenden Paar zieht die Kamera auf in die Totale, hinaus in das Weltall. Danach zoomt die Kamera zurück, bis in die kleinsten Atome des Körpers. Und das alles in nur neun Minuten.

Kunst im Auftrag

Die Filme von Charles und Ray Eames sind eigentlich typisches Lehrmaterial für das Klassenzimmer: Oft gibt es Sprecher, die das Gezeigte geduldig erklären, idyllische Musik, Nahaufnahmen von bewegten Gegenständen und Menschen in meist hellem Licht, die fasziniert und angetan mit den neuesten Technik-Gadgets hantieren.

Im Werbefilm “SX-70″ stellten sie die neue Polaroid aus dem Jahre 1972 vor. Wohl auch, um die trockene Produktpräsentation zu brechen, streuten die Eames im Film ihre persönlichen Polaroidfotos ein. So präsentierte das Paar bereits vor 40 Jahren einen Werbefilm nicht als offensichtliches Verkaufsargument, sondern verwischte geschickt Grenzen zwischen Kommerz und Kreation. Filme waren für die Eames ein Werkzeug, ein bewegtes Transportmittel für ihre Ideen und Visionen. In ihnen konnte sie sich vielleicht am besten damit auseinandersetzen, was der Spagat zwischen Auftragsarbeit, Design und Kunst für sie bedeutete.

Technikbegeistert und detailversessen

Auch wenn die Strahlkraft der Eames-Möbelentwürfe in der Öffentlichkeit überwiegt, setzt sich ihr filmisches Werk auf originelle und künstlerische Weise mit der Technik und dem Zeitgeist der 1950er bis 1970er-Jahre auseinander. Wiederum für IBM dokumentierten sie 1964 den Ausstellungspavillon auf der New Yorker Weltausstellung. Hier gelang es ihnen, mit der damals noch nicht bekannten FastForward-Filmtechnik ihren künstlerischen Ansatz gelungen umzusetzen, für einen Film, der eine große Unbeschwertheit ausstrahlt.

Menschen, Ideen, Objekte

Charles und Ray Eames experimentierten mit dem Einsatz verschiedenster Filmtechniken: In “The Fiberglass Chair” etwa nutzten sie die sogenannte Splitscreen-Technik für einen Einblick in die Produktion ihrer legendären Stühle. Das Paar hat auch eine Reihe von 35mm-Stills in den Film über ihr eigenes Haus, das berühmte Case Study House #8, eingebunden: Subtile Details wie kleine Gläser, Fotos oder Zimmer aus verschiedenen Perspektiven ließen sie mit einer speziellen Technik optisch verblassen. Was technisch möglich war, wurde von den Eames ausgereizt – ob in ihren Filmen oder in Möbelentwürfen, bei denen sie mit Schichtholz oder Fiberglas experimentierten.

Charles Eames sagte einmal: “Wahrscheinlich gehört alles zusammen, Menschen, Ideen, Objekte.” Mit dieser nahezu philosophischen Haltung schufen die Eames eine Ästhetik, die heute im Zuge der Retro-Welle von zeitgenössischen Filmemachern wie etwa Wes Anderson verwendet wird – deutlich zu sehen in seinem letzten Film “Moonrise Kingdom”. Die Liebe zum Puren, zu schlichten Gegenständen wie etwa einem bewegten Kreisel, dem sie in einem ihrer Kurzfilme fasziniert zuschauten, spiegelt sich bei den Eames in ihrem ganzen, großen, vielschichtigen Werk.

David Torcasso (29) lebt als freier Journalist in Berlin und Zürich.

Die Königliche sprüht vor Lebensenergie27. April 2013

20 Minuten - Die Königliche sprüht vor Lebensenergie - Reisen_Seite_1

von David Torcasso - Madrid steht bei den Städtereisen nach Spanien oft im Schatten von Barcelona. Dabei ist die Hauptstadt vielfältiger als die Metropole am Meer. Prunkvolle Gebäude mit gewaltigen Säulen wie der Palacio Real oder die Catedral de la Almudena prägen das Stadtbild – es ist unübersehbar, dass Madrid im 16.Jahrhundert einmal stolze Welthauptstadt war. Das Herz von Madrid bildet die «Plaza Mayor» mit ihren majestätischen Gebäuden. Von dort gelangt man ins angesagte Viertel Latina, wo die Tappas-Bars am Abend proppenvoll mit jungen Madrilenen sind, deren herzhaftes Lachen ansteckend ist. Wer ausgiebig Shoppen will, geht am besten ins In-Quartier Chueca. In einer ehemaligen Markthalle bieten junge Designer aus Madrid ihre Mode an, entlang der Strasse Calle del Fuencarral gibts dutzende Shops von Fashionlabels. Früher wegen Drogen und Prostitution gemieden, ist das Viertel heute nicht nur bei Schwulen, sondern auch bei jungen Kreativen und Partygängern beliebt. Nicht zu verfehlen ist die Grande Via, wo man sich wegen der eklektische Architektur und dem hektischen Verkehr wie in New York fühlt. Trotz dem grossen Anteil verkehrsfreier Zonen und Grünflachen ist Madrid eben eine Grossstadt. Wird es Nacht, wacht Madrid auf: Beispielsweise in der Kultbar Honky Tonk, wo Einheimische zur Musik der besten Rock-und Indiebands Spaniens tanzen. Wer es edel mag, kann versuchen, ins «Midnight» zu kommen. Hübsche Frauen haben gute Chancen bei den Türstehern.

Ein «Eichhörnchen» tanzt den Mächtigen auf der Nase herum20. April 2013

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Aktionskünstlerin Cécile Lecomte, 32, Lüneburg, DE

Die Umweltaktivistin Cécile Lecomte steigt Wolkenkratzer hoch und bringt Atommülltransporte zum Stillstand. Die französische Ex-Meisterin im Sportklettern setzt sich mit Leib und Seele “ür politischen Widerstand ein.

Von David Torcasso — Dutzende von Polizisten sind ratlos. Sie hatten die Strecke nach Rotterdam mit einem Helikopter abgesucht. Der Wärmemonitor ortete nur eine Person – keine Gefahr. Jetzt steht der Zug mit dem radioaktiven Material trotzdem still. In zehn Metern Höhe hängt eine Frau an Seilen vor der Lokomotive: Cécile Lecomte. Die Beamten haben keine Kletterausrüstung. Erst nach sechs Stunden schaffen sie es, Lecomte herunterzuholen. Die spektakuläre Aktion ging 2008 durch die Medien und machte die Umweltaktivistin bekannt.«Ich verbinde mit Klettern Spass, Freiheit und Politik», sagt Cécile Lecomte, die von ihren Freunden «Eichhörnchen» genannt wird.

Das Thema Atomkraft interessiert die gebürtige Französin, seit sie in Deutschland ein Erasmus- Jahr absolvierte. Damals studierte sie Betriebswirtschaftslehre. «Ich begriff, dass es in der Welt nur noch um Wachstum geht. Dabei muss die Wirtschaft dringend schrumpfen, sonst fahren wir uns gegen die Wand.»

Anstatt Worte lässt Lecomte Taten sprechen: «Mit dem, was ich am besten kann – klettern.» Monatelang wohnt sie in Baumkronen, um gegen Fluglärm zu demonstrieren, legt sich in eine Baggerschaufel beim Protest gegen Stuttgart 21, verhindert mit Abseilaktionen Naziaufmärsche und Castor-Transporte oder ist beim Besteigen eines Wolkenkratzers in Frankfurt «dem Kapitalismus auf der Nase herumgetanzt», wie sie sagt. Diese Arbeit sei nicht einfach – doch
sie macht weiter. «Die Menschen kritisieren andauernd die Gesellschaft, tun aber nichts für ihre Verbesserung.» Dabei könne sich jeder
mit seinen ganz speziellen Fähigkeiten für die Umwelt einsetzen. Ihr Kampf für die Umwelt ist oft belastend: Cécile Lecomte verbrachte «bestimmt schon über hundert Stunden» im Gefängnis. Wegen ihrer «Störaktionen» wird sie von der Polizei überwacht und steht praktisch jede Woche vor Gericht. Auf eine Karriere als Lehrerin hat sie verzichtet. Ihr Engagement wurde vom Schulvorstand nicht geduldet: Eines Tages stand die Polizei im Lehrerzimmer.

Den politischen Widerstand lebt die «Aktionskletterkünstlerin» mit medienwirksamen Inszenierungen. «Ich möchte die Menschen wachrütteln. Die Medien sind ein Mittel zum Zweck.» Viele schätzen ihren unermüdlichen Einsatz und helfen ehrenamtlich. «Freiwillige verteidigen mich vor Gericht oder bringen mir Tee, wenn ich in einer Baumkrone sitze», erzählt sie. Der Widerstand lebe davon, wie vielfältig sich Leute engagierten. «Kreativität ist eine gute Waffe»

Cécile Lecomte geht mit gutem Beispiel voran. Wenn sie nicht klettert, recherchiert sie über AKW-Baupläne und Hochspannungsleitungen, macht Radiosendungen und Übersetzungen und hält Vorträge sowie Referate über Atompolitik. Damit verdient sie einen Teil ihres Lebensunterhalts. Daneben erhält sie Zuwendungen von der Bewegungsstiftung in Verden, die soziale Projekte für Ökologie und Menschenrechte fördert. Viel zum Leben braucht die Umweltaktivistin nicht. Sie wohnt in Lüneburg in einem ausrangierten Bauwaggon. Oft geht sie «containern»: Aus Protest gegen die Konsumgesellschaft sammelt sie abends vor den Supermärkten weggeworfene Lebensmittel. Den Strom für ihren Laptop, auf dem sie gerade ein Buch über ihre Aktivitäten schreibt, speisen Solarpanels ein.

Kenneth Goldsmith: Wunderbares Chaos26. März 2013

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Kenneth Goldsmith beschäftigt sich in seinen Arbeiten vorwiegend mit der Rolle der Sprache im digitalen Zeitalter. Er bewundert Journalismus, der von Maschinen gemacht ist, und empfiehlt seinen Studenten zu stehlen.

Herr Goldsmith, was ist Uncreative Writing?
Meine Studenten lernen zu stehlen und zu lügen. Sie kopieren aus dem Internet, aus Büchern, aus dem Radio. Übersetzen beispielsweise zählt nicht, weil es Neues kreiert.

Als Journalist fragt man sich auch, ob man Neues schreiben soll. Alles ist doch schon geschrieben und verfügbar, Newsportale schreiben sich dauernd gegenseitig ab…
Der amerikanische Informatiker Larry Birnbaum hat ein Programm geschrieben, dass aus Statistiken voll- ständige Zeitungsartikel erschaffen kann. Er nimmt Sportstatistiken, kombiniert sie mit einer Software mit den üblichen Dramaturgien in einem Spiel und nach Sekunden entsteht ein Artikel, der sich nicht mehr von einem menschengemachten Artikel unterscheiden lässt. Ich bewundere diese Schreib-Maschine und wünsche mir, selbst so zu sein.

Wie verändert diese Entwicklung, wie wir lesen?
Inhalt zählt heute nicht mehr. Es liest ihn sowieso niemand. Die Menschen „bewegen“ sich durch Artikel, überfliegen sie, kopieren sie, legen sie in Ordner ab, stellen sie auf Facebook oder Twitter. Aber lesen? Nein. Es ist so viel Material da draußen im Netz. Warum noch mehr Neues schreiben? Das bringt doch nichts.

Als Journalist kann das unglaublich frustrierend sein!
Sie sollten Bildhauer werden. Das kann man nicht digital machen.

Sie selbst waren Bildhauer, bevor Sie sich mit der Sprache im digitalen Zeitalter befasst haben. Warum haben Sie die Profession gewechselt?
Als ich das Internet entdeckte, konnte ich nicht mehr zurück.

Was bleibt in Hunderten von Jahren von unserer Kultur übrig? Wie sollen Archäologen Facebook finden? Oder wird alles in Bits und Bytes aufgelöst sein?
Das ist eine gute Frage. Es ist ein totales Chaos heute. Das ist wunderbar. Es wird aber einen Zeitpunkt geben, in dem die Menschen dieses ganze Chaos wieder aufräumen.

Forscher des Europäischen Instituts für Bioinformatik wollen digitale Informationen auf einem Biomolekül speichern und in Menschen einpflanzen. Der Körper wird digital oder die Information wird zum Körper. Ist das unser Zukunftsszenario?
Das klingt großartig! Es gibt auch Entwicklungen von Brillen, die im Auge integriert sind. Die Menschen wollten immer Superhelden sein. Jetzt ist es langsam so weit. Das ist doch toll.

Ich bin nicht sicher, ob Sie diese Entwicklung wirklich so gelassen nehmen…
Ich bin glücklich über die Zeit, in der wir leben. Es ist eine bemerkenswerte Zeit. Technologie ist al- les. Der Fortschritt ist unaufhaltsam. Ich bin dankbar, dass wir nicht in die 1980er-Jahren zurückgehen müssen. Damals hatten wir all diese wunderbaren Sachen nicht. Wir sind doch zufrieden heute, oder etwa nicht?

Warum zeigen dann so viele Zukunftsfilme dunkle, zerstörte Welten?
Diese Zukunft, die jetzt unsere Gegenwart ist, ist doch in Ordnung. Sie ist nicht so düster geworden wie prophezeit. Wir haben schlichtweg mehr Technologie zur Verfügung. Aber wir kämpfen immer noch, wir lieben immer noch, wir haben immer noch Sex.

In Ihrer These werden Bücher in Zukunft kopiert, umgeschrieben, Collagen aus Bestehendem entstehen. Das ist doch ein Widerspruch zur realen Entwicklung?
Das ist die neue Avantgarde. Das werden nicht alle machen. Es wird weiterhin zahlreiche Menschen geben, die ihre Geschichte erzählen. Wir haben aber zurzeit nur eine Art zu schreiben. Es wäre gut, weniger davon zu haben, dafür mehr von anderen Stilen.

Diese Copy/Paste-Aktion haben bereits viele Künstler angewendet. In der Musik wird es andauernd gemacht. Warum ist es in der Literatur so verpönt?
Es wurde vorher nicht gemacht, weil es schlicht weg zu viel Arbeit war. Jetzt kann man ein ganzes Buch in Sekunden aus dem Internet zusammenstellen.

Sie sind auch ein Kurator der Sprache und Erfinder von Ubu Web, einer Ansammlung von avantgardistischen Inhalten, ein Archiv für Internetkunst. Das ist eine große Ansammlung von Informationen. Ich frage mich dann, wer das alles lesen soll.
Man liest ja auch keine ganze Bib- liothek. Nur weil viel vorhanden ist, muss man nicht alles lesen. In einer Zeit, in der Informationen im Überfluss vorhanden ist, wird der beste Autor, der beste Künstler derjenige sein, der sich durch das ganze Chaos navigieren und das Beste auswählen kann. Er muss den Inhalt nicht mehr selbst schaffen.

Ab heute braucht nichts Neues mehr geschrieben zu werden, Herr Goldsmith? Auch dieser Artikel nicht…
Sie können noch mehr Sachen schreiben und produzieren. Aber wer liest das alles? Es gibt Millionen von Blogs. Jeder schreibt vom anderen ab, kopiert, verlinkt, re-bloggt. Das liest doch niemand. Es erscheint mir sinnlos. Das ist die Wahrheit. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit diesem „Es ist meine individuelle Stimme, meine eigene Meinung“. Millionen von Menschen da draußen haben die- selben Ansichten und Meinungen wie Sie.

Also ist die Performance, die Präsentation der Sprache wichtiger als der Inhalt?
Heute geht es darum, Sprache oder Inhalte zu ordnen, zu vervielfältigen, abzulegen, weiterzuschicken, sie zu managen. Es geht um die Sammlung der Sprache. Der Inhalt rückt in den Hintergrund. Schauen Sie doch Ihren iPod an. Sie haben so viel Musik auf Ihrer Festplatte, dass Sie nie alle 209 Lieder hören könnten. Aber Sie hören nicht auf, weitere Lieder auf irgendwelchen MP3-Portalen runterzuladen! Warum? Dann kaufen Sie weitere Festplatten, um haufenweise Lieder auszulagern. Sie sind mit der Organisation der Musik beschäftigt, anstatt sie zu hören. Genauso mit Digitalfotografie. Sie schießen im Urlaub Unmengen von Fotos – wann sollten Sie denn alle anschauen?

Unser Hirn wird zerplatzen!
Nehmen Sie eine LP – das erste Beatles-Album. Die Menschen hatten die Zeit und Muße, sich auf die Musik einzulassen. Jetzt gehen Sie auf PirateBay und sie kriegen alles, was die Beatles jemals produziert haben auf einen Schlag. Wir können es nicht verarbeiten. Aber nehmen es trotzdem. Weil es da ist. Dann laden wir das gesamte Beatles-Werk herunter, legen es irgendwo ab, bevor wir uns dem ganzen Material von den Rolling Stones widmen. Heute geht es darum, Sachen zu kriegen, nicht sie zu verstehen. Informationen zu organisieren ist interessanter geworden als die Information selbst. Das ist verrückt und deshalb neu.

Sie waren kürzlich ins Weiße Haus eingeladen. Haben Sie Präsident Obama Uncreative Writing beigebracht?
Nicht ganz. Ich habe einen Poesie-Workshop an Michelle Obama und High-School- Studenten gegeben. Dabei habe ich Miss Obama genau die gleichen Sa- chen gesagt wie Ihnen jetzt. Sie war fasziniert und hat viele Fragen gestellt.

Am Abend haben Sie dann vor einem großen Publikum im Weißen Haus Ihre Poesie vorgetragen.
Exakt, ich habe transkribierte Verkehrsmeldungen vorgelesen.

Sie haben einmal jedes Wort aufgeschrieben, das Sie innerhalb einer Woche gesagt haben und das dann veröffentlicht. Das war mutig!
Ich habe dadurch leider alle meine Freunde verloren, meine Frau war wütend. Während dieser Woche sagte Sie, bevor wir Sex hatten, „Schalt jetzt das Aufnahmegerät aus.“ Ich sagte, ich könne nicht. Natürlich hatten wir dann keinen Sex, dafür Streit. Der ganze Streit ist wiederum im Buch enthalten.

Haben Sie dieses Werk aus der Sicht eines Künstlers oder Sprachwissenschaftlers gemacht? Beides. Ich wollte ein- fach analysieren, wie viel in einer Woche gesprochen wird. Glauben Sie mir, es war viel. Das Meiste war kompletter Bullshit.

Milo Manara: Fantasia Land

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In Paris hat ihn jeder zweite Intellektuelle auf dem Klo liegen. Und selbst Frauen finden seine erotisch-lasziven Pin-up-Comics unwiderstehlich sexy. Wie macht der italienische Alt-68er Milo Manara das bloß?

Haben Sie wie alle Kinder auf dieser Welt oft gezeichnet?
Klar, andauernd. Das Zeichnen ist früh zu meiner großen Leidenschaft geworden. Seit ich denken kann, ist mein Leben mit ihm verbunden.

Dann hatten Sie viele Malbücher und Comics zu Hause?
Nein, gar nicht. Meine Mutter war Professorin. Professoren mögen keine Comics. Sie denken, sie sind schädlich und machen dumm. Weil es darin nicht viel zu lesen gibt. Wir mussten richtige Bücher lesen. Was Comics angeht, gab es bei uns eine Prohibition.

Hatte Ihre Mutter recht?
Nun, es war ein Vorurteil, das damals vorherrschte. Wie heute bei Mobiltelefonen und Facebook, so war es früher bei Comics. Alle hatten Angst, sie bringen die Jungen vom Lesen weg und lassen sie verblöden. Dabei geht es doch immer um die Betrachtungsweise. Nichts ist per se schädlich. Es kommt darauf an, wie man damit umgeht.

Sie sind kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren worden, wie haben Sie Italien damals erlebt? Meine ersten Erinnerungen stehen mit dem Zweiten Weltkrieg in Zusammenhang: In Italien herrschte eine große Armut. Nur wenige konnten ihre Schule oder ihr Studium normal fortsetzen. Als Sohn einer Professorin war ich natürlich privilegiert, weil meine Mutter uns immer darin unterstützte, uns zu bilden. Ich konnte deshalb auch ein Kunststudium anfangen.

Danach haben Sie jedoch Architektur studiert. Wie kam es zu diesem Wechsel?
Ich dachte, das sei auch ein interessanter, aber eben vor allem ein „richtiger“ Beruf. Kunst galt damals als unseriös. Doch trotz angefangenem Architekturstudium fing ich schließlich als Assistent bei einem spanischen Bildhauer in der Nähe von Verona an. Seine Frau war Französin und brachte immer Comics aus Frankreich mit. Die Comic-Heldin Barbarella gefiel mir besonders gut. Ich habe mich in diese Comics verliebt, mein Studium abgebrochen und nur noch gezeichnet. Schließlich fand ich sogar einen Verleger.

Wie alt waren Sie damals?
Das war 1968. Ich war 23 Jahre alt. Dieses Jahr war natürlich äußerst interessant. Die 68er-Revolution kam von San Francisco nach Europa, der berühmte Mai 68 in Paris war aufgebrandet und schwappte auch nach Italien herüber. Die ganzen neuen Ideen der Zeit verbreiteten
sich rasch in alle Gesellschaftsschichten und Disziplinen, natürlich auch in die Kunst. In Venedig demonstrierten wir gegen die Biennale. Wir diskutierten über die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft und stellten die intellektuelle Elite infrage. Comics sind damals aus demVolk he-
raus entstanden und waren deren Ausdrucksmittel. Sie waren auch ein Protest gegen die elitäre Bildende Kunst. Das hat mich bestärkt, noch mehr zu zeichnen

Waren Ihre Comics politisch?
Comics waren ein gutes Mittel, sich mit den Themen der Revolution auseinanderzusetzen. Sie waren in der Studentenbewegung wichtig und verbreitet. Es gab eine große Szene von Untergrundcomics. Die Form des Comics hatte für uns etwas Oppositionelles, das zu den Botschaften damals passte. Am 12. Dezember 1969 gab es ein großes Attentat auf eine Bank in Mailand, bei dem 17 Menschen starben. Dieser Vorfall erschütterte Italien und war sehr gravierend, weil man vermutete, dass der Staat mit einer neofaschistischen Idee dahintersteckt. Bis heute ist das Attentat nicht ganz aufgeklärt. Damals hat es das Land zerrissen. Ich versuchte diese Stimmung in meinen Comics auszudrücken. Comics waren eine Gegenöffentlichkeit zu den sonst kursierenden Medienberichten.

Wie kamen Sie schließlich dazu, nackte Frauen zu zeichnen?
Mein erster Verleger bot mir einen längerfristigen Vertrag an. Ich sollte einen bestimmten Charakter jede zweite Woche in einer neuen Geschichte auf ein Abenteuer schicken. Zu dieser Zeit veröffentlichten Verlage in Italien oft Horror-Comics. Mein Chef damals war aber mehr an erotischen Geschichten interessiert. Ich fand ebenfalls Geschmack daran, weil es eine – im Sinne des Wortes – schöne Arbeit war. Aber ich habe auch in diesen Comics versucht, die Gesellschaft abzubilden und zu hinterfragen.

Wie sah diese Kritik im Zusammenhang mit nackten Frauen aus?
Mein erster Erotik-Comic hieß „The Click“, zu Deutsch: Das Spiel. „The Click“ wurde auf der ganzen Welt berühmt, weil sich eine puritanische Frau dem erotischen Spiel hingibt. Dieser Comic kam zur Zeit der sexuelle Befreiung heraus und stand damit unmittelbar in einem politischen Zusammenhang. Besonders im katholischen Italien rückte das Private und Öffentliche näher zusammen. Die Menschen hatten weniger Angst, sich zu verstellen.

Ihre Comic wurden weltweit wurden weltweit bekannt. Auch bei DC Comics in den USA wurden sie veröffentlicht… „The Click“ wurde wohl auch bekannt, weil er aus dem Gebiet des Comics hinaustrat, verfilmt wurde und auch im Theater aufgeführt wurde.

Herr Manara, nochmals: Warum haben Sie nackte Frauen gezeichnet?
Na ja, ich habe diesen Job doch auch gewählt, um Spaß zu haben. Mit 23 Jahren war ich sehr intensiv am weiblichen Geschlecht interessiert. Wie meine Freunde auch. Wir dachten oft an Erotik. Aber das tue ich auch heute noch (lacht). Frauen sind eine Leidenschaft von mir. Das Objekt der nackten Frau hat in der Menschheitsgeschichte schon immer fasziniert: Klimt, Schiller, Picasso. Alle großen Künstler haben immer wieder dieses Sujet gewählt. Und jeder Künstler hat bestimmt irgendwo ein geheimes Album mit nackten Frauen. Da bin ich wahrlich nicht der Einzige. Ich denke, es war darüber hinaus wichtig für meine Karriere, ein Spezialgebiet zu definieren. Ich lebe ja ausschließlich von meinen Büchern. Ich schäme mich nie für meine Arbeit. Ich bin stolz auf sie.

Warum denken Sie, haben die Leute Ihre Comics gekauft? Sie hätten ja auch einen „Playboy“ mit Nacktfotos kaufen können.
Es gibt einen Unterschied zwischen dem „Playboy“ und Comics. In meiner Arbeit werden Geschichten erzählt. Unser wichtigstes Sexorgan – auch bei den Männern – ist das Gehirn. Comics regen die Fantasie an. Sie haben nicht die Brutalität von Fotos. Wenn ich eine Geschichte über Sadismus erzählen wollte, kann ich diese in der Literatur gut umsetzen. Nehmen wir als Beispiel die Geschichten von Marquis de Sade. Sie mit Film oder Fotografie zu erzählen, ist schwierig bei all dem Blut und der Gewalt. Nur wenige Menschen würden sie sich ansehen. Comics bieten einen Zwischenweg. Sie sind vor allem intellektuell und nicht physisch stimulierend. Ich spreche mit meiner Arbeit den Geist an.

Haben Sie für das Zeichnen der Comics Nacktmodelle engagiert oder entstammt alles aus Ihrer Fantasie?
Für gewisse Illustrationen, die Wahl der Farben und die Arrangements der Anatomie haben Frauen für mich Modell gestanden. Für das Zeichnen der Geschichte natürlich nicht. Das Modell hätte sich ja an sieben Tagen 24 Stunden lang verrenken müssen.

Haben Sie auch Frauen auf der Straße gesehen, also eine reale Frau, die Sie dann in eine Darstellerin in Ihren Comics umgewandelt haben?

Ja, das ist oft passiert. Wobei die Frauen in meinen Comics deutlich schöner sind als die auf der Straße (lacht). Ernsthaft, die realen Frauen sind natürlich viel schöner, weil sie eine Ausstrahlung haben. Meine Arbeit basiert auf Fantasie, es entstehen Träume und dafür braucht es Platz. Es gibt nicht so viel Reibung zwischen der Realität und der Welt meiner Comics, aber die echte Welt ist für uns in meinen Zeichnungen erkennbar.

Lesen auch Frauen Ihre Comics?
Es lesen sogar mehr Frauen als Männer meine Comics! Wenn ich in Europa auf die Festivals in Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland oder England gehe, sehe ich immer mehr junge Frauen, die mich nach meiner Arbeit oder nach einer Unterschrift fragen als Männer. Sogar an einem Festival in Rio de Janeiro war das so. Auch mir zugesandte E-Mails und Briefe stammen meist von jungen Frauen. Einige senden mir Fotos von sich zu und schreiben, sie erkennen sich selbst in meinen Figuren.

Wenn ein Mann sich das ganze Leben mit Frauen beschäftigt, denken Frauen, dass er sie versteht, und Sie werden dadurch für sie attraktiv…
Es kann passieren, dass Leser Projektionen und Vorstellungen in einen Autor hineinprojizieren, der solche Comics malt. Ich bin aber nur ein Zeichner und kein Sexexperte. Natürlich schreiben mir manchmal schöne Frauen. Aber da muss ich vorsichtig sein, weil ich eine eifersüchtige Ehefrau habe (lacht). Dabei sehen viele Charaktere in meinen Comics genauso aus wie meine Frau in jungen Jahren!

Sie haben auch für das Modelabel Chanel gearbeitet, wie kam es dazu?
Ich habe zwei oder drei Kampagnen für Chanel gezeichnet. Es waren auch Moodboards für Luc Besson darunter. Er drehte einen Film zum Parfüm Chanel No.5. Diese Arbeit war interessant und gab mir eben eine Abwechslung zu den Frauen, mit denen ich mich meistens beschäftige. Obwohl ich die natürlich am liebsten zeichne. Sie sind mein Leben.

A$AP Rocky: Bye-bye Bling-Bling?

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A$AP Rocky atmet Hip- Hop, sagt er. Sein Vater saß im Knast, der Bruder wurde erschossen. Er gilt als das next big thing! Aber hat er mehr zu bieten als Ferrari zu fahren und über Mode- Labels wie Comme des Garçons und Jil Sander zu rappen?

New York ist die Geburtsstätte des Hip- Hop – und die von A$AP Rocky. Die Musik wurde ihm im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt. Denn in Wirklichkeit heißt er Rakim Meyers. Sein Vorname ist inspiriert von dem Rapper Rakim, der in den späten Achtzigern zusammen mit Erik B. den heute als Klassiker des Genres geltenden Song „Paid in Full“ geschrieben hatte. A$AP Rocky hat Hip-Hop geatmet, seit er ein kleiner Junge war. Auch seine Biografie liest sich wie das Drehbuch der Karriere eines Gangsta-Rappers. Als er zwölf Jahre alt war, kam sein Vater ins Gefängnis. Rakim beginnt Drogen zu verkaufen, um die Familie zu ernähren. Ein Jahr später wird sein Bruder erschossen. Eine Zeit lang lebt er mit seiner Mutter in einem Tierheim. Der Unterschied zu anderen Gangsta-Rappern wie zum Beispiel 50 Cent liegt aber darin, dass A$AP davon auf seinem Debütalbum „Live.Love.A$AP.“, das Anfang des Jahres in den USA an die Spitze der Billboardcharts kletterte, so gut wie gar nicht erzählt. A$AP Rocky feiert in seinen Texten stattdessen seine neusten Sneakers und das gemeinsame Joint-Rauchen mit seiner Crew. Das Band der Freundschaft steht bei ihm über dem aufgeblähten Ego anderer Rapper.

Für den Hip-Hop steht der 25-Jährige für eine neue Generation von Musikern, denen das harte Street-Getue zu klischeehaft geworden ist. Und tatsächlich, 50 Cents dickköpfiges Beharren auf seine Streetcredibility, das andauernde Lamentieren über harten Zeiten als Teenager in New York wirkt plump gegen den cleveren Humor, die cosmopolitische Perspektive in A$AP Rockys Texten und seiner Musik, in der er sich nicht nur an amerikanischen Megastars wie Jay-Z und Kanye West orientiert, sondern auch an britischem Dupstep. Trotzdem kennt sich der Internet-geschulte A$AP Rocky auch in der Musik- geschichte seiner Stadt bestens aus und nennt die Harlemer Gangsta-Rap-Legende Cam ́ron als eines seiner Vorbilder.

Auch modisch inszeniert sich A$AP Rocky anders. „Klar will ich in coolen Klamotten rumlaufen. Das gehört doch dazu.“ Fashion ist wie Drogen eine Selbstverständlichkeit seiner Generation, sagt er. Darum will er gar nicht viel Aufsehen machen. Aber das ist natürlich ein Understatement. Bei Preisverleihungen tritt die wahre modische Kreativität des Rappers hervor. Eine Mischung aus Avantgarde mit Labels wie Raf Simons oder Martin Margiela, einen Hauch von Samurai mit Stirnbändern, kombiniert zu schmalen Jeans und klobigen Sneakers oder auch glänzenden Prada-Schuhen. Dagegen wirkt selbst der modeverrückte Kanye West wie ein Anfänger. Statt der üblichen Bling-Bling-Brands wie Gucci sind seine Videoclips gespickt mit im Hip-Hop bislang kaum prä- senten Labels wie Comme des Garçons oder Rick Owens. Manchmal wirken sie wie ein bewegter Streetstyle-Blog. Auf die Spitze treibt es Rocky mit seinem Song „Fashion Killa“ – im Prinzip kaum mehr als eine Aufzählung von Labelnamen. Es kommt einem vor, als seien Jil Sander, Alexander Wang und Ann Demeulemeester seine besten Buddys.

A$AP Rocky besitzt mittlerweile auch einen Ferrari, hat Millionen Fans. Nicht nur in New York, sondern auf der ganzen Welt. Er kann sich die Zähne vergolden und die neusten Designerklamotten kaufen. Aber er macht es aus der Sicht eines smarten Streetkids, das dann doch lieber seine Vans-Sneakers überzieht und mit seiner Crew vor dem Store „Booze“ trinkt als einen auf new rich zu machen. „Diamanten sind im Endeffekt doch nur eine Fassade“, sagt er.

Carsten Fock: Soldat im Schlachtfeld

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Carsten Fock liebt Pop! Er macht T-Shirts, arbeitet mit Bernhard Wilhelm, gestaltet Plattencover und sieht sich trotzdem als ernst zu nehmender Künstler. Dem Titelschriftzug der L’Officiel Hommes verlieh er seine Handschrift.

Carsten Focks Wohnung ist zugestellt mit seinen Bildern. Sie stehen an der Wand, liegen auf dem Boden oder übereinander gestapelt auf Kartonkisten. Er habe hier mehr Bilder als im Atelier, sagt Fock, und nennt sein Apartment eine Studentenwohnung. Es mag daran liegen, dass Fock hier ohnehin nur wenig Zeit verbringt. Meistens ist der Künstler unterwegs. Er reist ständig zu Ausstellungen, verbringt Monate zur Inspiration in Wien und Andratx auf Mallorca oder arbeitet in seinem Atelier.

Vor dem Fenster führen die Gleise der Berliner S-Bahn entlang. Etwas trostlos, aber auch inspirierend. In seinem Schlafzimmer liegen zwei Reisetaschen bereit – eine für längere, eine andere für kürzere Reisen. Carsten Fock ist in Bewegung, im Leben wie auch in der Kunst. Geboren 1968, ist er 19 Jahre alt, als er über die Grenze nach Westdeutschland flieht. Ein Jahr später fällt die Mauer. „Im Osten war die Kunst ideologisch geprägt. Es ging immer um die Lesbarkeit. Das hat mir nicht entsprochen“, sagt der Künstler. Die Entscheidung zur Flucht lässt auf den Mut des späteren Malers schließen, sich dem Risiko auszusetzen und sich ständig mit der Frage zu beschäftigen: „Wohin mit mir“ – im Leben wie in der Kunst. „Malen ist Denken, nicht nur Handeln“, sagt Fock. Er liest in seinen jungen Jahren Texte über Kunstgeschichte und malt etwas hilflos Bilder von Natur und Landschaften. „Ich habe den Inhalt und das Tun anfänglich nicht zusammenbekommen.“

Ein Medium, mit dem sich der Künstler am Anfang seiner Karriere zum ersten Mal richtig austoben konnte, war der Filzstift. Er war nicht mit Bedeutung aufgeladen wie der Pinsel, er war unverbraucht, meint Fock. „Ich konnte den Geruch von Ölfarben zu dieser Zeit nicht mehr ertragen.“ Die Entdeckung des Filzstifts führte auch dazu, dass Fock Typografie und Schriften in seine Bilder einfügte. „Ich setze Begriffe, es entstehen Linien und dann die Architektur.“ Diese Zeichnungen sind aber nur ein Vorspiel für die Gemälde, die Carsten Fock in den letzten Jahren bekannt gemacht haben. „Nach einer Phase des Zeichnens gehe ich in die Malerei über. Ich zeichne jeden Tag, wie Joggen. Beim Malen ist das schwieriger.“ In seinen Gemälden interpretiert Carsten Fock malerische Ideen aus vorigen Jahrhunderten und lässt sie wieder auferstehen. Dabei nimmt er die klassischen Sujets aus ihren gewohnten Kontexten und legt sie neu auf – der Soldat steht nicht mehr im Schlachtfeld, sondern allein da, genauso wie die Maria. Sein Oeuvre ist geprägt von Misstrauen, Heimatlosigkeit, Zähigkeit. Es geht um große Themen wie Religion, Hoffnung – um den Menschen.

Unverwechselbarer ist seine Typografie. Typografie war auch das zentrale Ausdrucksmittel in seinem Crossover von der Kunst in die Mode und Musik. Vor sieben Jahren hat Fock angefangen mit dem deutschen Mode-Designer Bernhard Wilhelm zusammenzuarbeiten. Für Wilhelm gestaltete Fock Schriftzüge und Prints. Er wirkte auch an der Farb- und Materialauswahl mit. „Bernhard hat keine Angst vor Kitsch. Er hat keine Angst, Fehler zu machen, und ist deshalb so frei“, sagt Fock. Die Hinwendung zum Design war damals für Fock eine Erlösung – weg von der Schwere der Malerei, der Einsamkeit des Malers, der allein mit der Leinwand kämpft hin zum kreativen Aus- tausch eines Designprozesses. Für die neue L’Officiel Hommes gestaltete Fock nun den Titelschriftzug. „Solche Zusammenarbeiten bereichern mich“, sagt der 44-Jährige. Auch die Idee für die Gestaltung der LP-Hüllen von Elektromusiker Fetisch/Terranova sei beim gemeinsamen Spaziergang entstanden. Bereits als Student bedruckte Fock T- Shirts mit der Aufschrift „Lives and works in Frankfurt and Main“. Am Anfang sagten seine Kommilitonen: „Das ist doch Popscheiße.“ Dann trugen plötzlich alle die T-Shirts. „Es hat etwas ausgelöst“, sagt Fock heute noch begeistert. Er selbst habe zwar keine Angst vor Pop, sagt er, könne sie bei anderen Künstlern allerdings verstehen. Oberflächlichkeit in der Kunst hat seinen Reiz, aber sie wird schal, wenn nichts anderes übrig bleibt als eine schicke Fassade.

Im Crossover findet Carsten Fock seine Erfüllung, sagt er im Gespräch und strahlt dabei trotz der überlegten Worte eine warme Herzlich- keit aus. Man spürt, dass ihm der Austausch mit anderen Menschen, und strahlt dabei trotz der überlegten Worte eine warm Herzlichkeit aus. Man spürt, dass ihm der Austausch mit anderen Menschen, Kreativen, wichtig ist, sei es mit Wilhelm, Fetisch oder dem Choreografen William Forsythe. Fock treibt die Vorstellung eines künstlerischen Gesamtkunstwerks. Er bewahrt sich die Demut. Er ist hart zu sich selbst, fragt sich andauernd: Kann ich meine Kunst verantworten?

„Ich vertrete in meiner Kunst Positionen, von denen ich hoffe, dass sie auch in zehn Jahren noch Bestand haben. Das ist in der heutigen Welt eine große Aufgabe.“ Die Sehnsucht ist bei Zweifler Carsten Fock immerzu präsent. Sie richtet sich auch auf die Mode. „Ich habe heute nicht mehr so viel Kapazität für Mode wie früher“, sagt Fock, als er einmal 130 Paar Turnschuhe des gleichen Herstellers besaß. Diese Sehnsucht nach der Mode führt aber wiederum zu seinem Ursprung: „In der DDR war die Mode, die Musik begrenzt. Ich sah Lastwagen mit den gleichen Klamotten ankommen und wusste, mir fehlt etwas.“ Fock braucht die Bewegung, einen Zustand, in dem nichts bestimmt ist, es vieles zu hinterfragen gibt. In einer Ausstellung hat er für die Bilder einmal eigene Wände schräg in den Saal bauen lassen. Symbolisch für seine Kunst und sein Tun. Fock erlaubt sich selbst, zu scheitern, sich zu verändern, zu hoffen. Das verleiht seinem Oeuvre eine Dynamik, die in einem großen Misstrauen gipfelt und seine Arbeiten dadurch immer wieder neu positioniert und verhandelt. Kunst ist ein geistiger Freiraum, der sonst fast nirgendwo mehr möglich ist, nicht in der Mode, nicht in der Musik. Diesen Freiraum möchte Fock bewahren – ohne ihn zu isolieren.

Auf Achse23. März 2013

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Nicht nur Taxifahrer oder Buschauffeure sind ständig auf Achse. Diese fünf Männer sind immer in Bewegung, weil sie spezielle Fahrzeuge oder Objekte bewegen: Ferraris, Riesenräder, Leichenwagen, Fahrräder oder Lokomotiven.

Text: David Torcasso Fotografie: Yves Suter

Michael Müller, 31 transportiert jeden Tag Leichen durch die Stadt Zürich. Manch-mal bringt ihn sein Beruf sogar in andere Länder, wo er von einem ganzen Dorf empfangen wird.

Michael Müller fährt eine spezielle Fracht durch Zürich: Tote. Leichen hat in Zürich sonst niemand einfach so im Fond liegen. Der Bestatter der Stadt Zürich betrachtet sein Transportgut aber ganz nüchtern: «Taxis fahren lebendige Menschen ans Ziel, ich verstorbene Menschen», sagt er. In seinem Job als Bestatter sei das sein Transportgut. Müller ist sich aber der Bedeutung seiner Fracht bewusst und wählt deshalb einen «dezenten» Fahrstil, wie er sagt.

Müller fährt aber nicht in einem klassischen Leichenwagen durch Zürich, sondern in einem schwarzen Mercedes-Kas-tenwagen. «Einerseits kann man darin zwei Särge unterbringen, anderseits erschreckt ein weitherum sichtbarer Sarg heute manche Leute», erklärt Müller. In Zürich gibt es zwischen 15 und 20 Todesfälle pro Tag. Müller überführt täglich zwischen fünf und sieben Verstorbene. Der Beruf des Bestatters sei vielseitig: Müller fährt mit dem Leichenwagen, arbeitet aber auch mit den Händen, indem er Leichen trägt, einkleidet oder wäscht. Das geschieht entweder mit den Angehörigen zu Hause oder in Räumlichkeiten des Bestattungsamts.

Neben diesen praktischen Tätigkeiten ist Müller auch Seelsorger. Er ist der erste Ansprechpartner der Hinterbliebenen, die nach einem Todesfall das Bedürfnis haben zu reden. «Die Angehörigen erzählen mir die Lebensgeschichte, die interessant, aber auch traurig sein kann.» Dabei erlebt er, wie die Menschen mit Trauer und Tod umgehen. «Manche Angehörigen weinen, bei anderen ist zu erkennen, dass sie froh sind, wenn eine Person von ihrem Leiden erlöst wurde.» Auch während der Fahrt im Wagen reagieren Passanten unterschiedlich. Ein schwarzer Kastenwagen, zwei Mitarbeiter im Anzug und die Aufschrift Bestattungsamt der Stadt Zürich. «Ein paar Leute bekreuzigen sich, andere wenden sich ab, aber sie lachen oder winken auch.»

Was viele nicht wissen: Das Be­stattungsamt der Stadt Zürich bietet auch Auslandüberführungen an. Müller bringt die verstorbene Person dann in ihren Hei­matort zurück, wo sie begraben wird. Dafür fährt er manchmal tagelang durch Europa. Beispielsweise nach Sizilien. «Dort hat uns das ganze Dorf empfangen. Die Leute standen am Strassenrand und winkten uns zu.»

 

René Bourquin , 43 ist Chilbi-Fahrer und Inhaber der René Bourquin Schaustellerbetriebe. Als Kind ist er kaum mehr von den Bahnen runtergekommen.

Kaum jemand kennt den Chilbibetrieb so gut wie René Bourquin, Schausteller in fünfter Generation. In seiner Jugendzeit musste er seinem Vater oft helfen und hatte kaum Freizeit. Dafür lebte er den Traum von vielen Kindern. «Ich konnte in jeder freien Minute gratis auf den Bahnen fahren, und kam fast nicht mehr runter davon», erinnert sich Bourquin. Und alle wollten mit ihm befreundet sein. «Früher haben wir auf dem Piratenschiff zu Abend gegessen und schwankten über eine halbe Stunde hin- und her», lacht Bourquin. Seine erste Freundin, die jetzt seine Frau ist, hat Bourquin natürlich auf das Riesenrad ausgeführt. Am Abend, wenn die Besucher schon längst zu Hause waren und er mit seiner Angebeteten ganz allein den Blick auf den nächtlichen Zürichsee geniessen konnte.

Noch heute fährt Bourquin Auto-scooter und Eisenbahn auf der Chilbi, denn er besitzt eine Autoscooter-Anlage, eine Kindereisenbahn und ein Riesenrad, welches die meisten Zürcher vom Bürkliplatz kennen. Und natürlich fährt Bourquin deshalb ab und zu selbst Autoscooter und Riesenrad. Manchmal mit seinem Sohn, aber oft, um die Anlagen vor dem Einsatz am Bürkliplatz oder dem Knabenschiessen zu testen. «Ich nehme nach dem Aufbau Feinjustierungen vor und drehe selbst eine Runde. Ich achte darauf, ob die Geschwindigkeit angenehm für die Besucher ist, ob es nicht ruckelt», erklärt der 42-Jährige. Steht auch die Autoscooter-Anlage auf dem Chilbiplatz, fahren er und seine Mitarbeiter Testrunden. Ist genug Druck auf den Aussenreifen, damit die Gäste keinen zu harten Schlag verspüren?

Heute hält sich Bourquin zurück – auch weil er in der Kindheit so oft rumgekurvt ist. «Es wäre doch komisch, wenn ich jeden Abend noch meine Runde auf dem Autoscooter drehen würde – was würden meine Angestellten denken.» Er setzt sich höchstens kurz in einen Autoscooter, um den Effekt eines neuen Discolichts in der Praxis zu testen. Sein Sohn hingegen will andauernd fahren, genauso wie der Senior früher.

Bourquins private Leidenschaft sind heute Autos. «Ich wollte früher Formel- 1-Rennfahrer werden». Manchmal hat er mit seinem Vater auch Autoscooters aufgemotzt, ein Licht angebracht, Auspuffe angebaut. Lachend winkt er ab und erzählt, wie sich das Chilbi-Business verändert habe und er auch etwas enttäuscht sei, dass er in diesem Jahr wegen der Bauarbeiten das Riesenrad nicht auf dem Bürkliplatz aufstellen dürfe.

 

Adrian Hofstetter , 39 arbeitet seit über zehn Jahren bei der SBB und fährt täglich hunderte Tonnen durch die Schweiz.

Lokomotivführer war nicht der Bubentraum von Adrian Hofstetter. Er hat vorher bei der Swissair als Flight Attendant gearbeitet und verliess die Fluggesellschaft kurz vor dem Grounding. Durch einen Bekannten kam er zu den SBB und absolvierte dort die Ausbildung zum Lokführer. Seit zwölf Jahren ist Hofstetter im Raum Zürich tätig. «Es ist ein schöner Beruf, weil ich selbständig arbeiten und grosse Eigenverantwortung habe.» Mit dem dichten Schienenverkehr rund um den HB Zürich ist Hofstetter mittlerweile routiniert. «Alle Bahnhöfe und Strecken die ich befahre, kenne ich bis ins kleinste Detail.» Die «Streckenkundigkeit» gehört zur Ausbildung des Lokführers.

Täglich führt Hofstetter Intercitys, Neigezüge, S-Bahnen oder Interregios durch die Schweiz. Er hat die Verantwortung über 1000 Tonnen Stahl und Hunderte Passagiere. Im Führerstand sitzt Hofstetter aber ganz allein. Kontakt mit Menschen hat er während seiner Arbeit selten. «Ich fühle mich aber nicht einsam», sagt der 39-Jährige.

Manchmal kommuniziert Hof-stetter doch mit den Passagieren – etwa bei einer Durchsage zu Verspätungen. Dann kann er den Ärger förmlich durch die Lokwand spüren. «Meist weiss ich bei Unterbrüchen aber nicht mehr als die Reisenden und verstehe den Ärger. Oder auch, wenn ich die S-Bahn-Tür schliesse, obwohl noch jemand angerannt kommt. Aber der Fahrplan ist mittlerweile sehr eng gehalten.» Obwohl Hofstetter in seinem Job Hunderte Menschen von A nach B bringt, sagt kaum jemand danke.

Das mache ihm nichts aus: «Ich mache meinen Job und erwarte keinen Dank. Ich bin froh, wenn die Leute Zug fahren», sagt er bescheiden. Sehr nett seien die Menschen an Weihnachten. Dann hätten Leute schon an die Scheibe ge-klopft und ihm aufrichtig auch frohe Weihnachten gewünscht. «Das ist schön. Denn an diesem Tag fühlt man sich vielleicht ein wenig allein», räumt Hofstetter ein. Die Lokführer könnten aber bezüglich ihrer Einteilung Wünsche anbringen, die, wenn genügend Personal vorhanden ist, meist
bewilligt werden.

Ob er manchmal davon träume, in einem Hochgeschwindigkeitszug wie dem ICE mit 300 km/h zu fahren? Hofstetter winkt ab. Er fahre manchmal mit dem
TGV nach Basel, nicht Hochgeschwindigkeit, aber in den modernen Führerständen sitzend. Auf Dauer wären ihm die modernen Züge aber zu langweilig. «Das Salz in der
Suppe beim Job als Lokführer ist die Abwechslung.» Je mehr Triebfahrzeuge Hof-stetter fahren kann, desto spannender ist sein Job. «Ich mag auch die älteren Loks. Dort kommt die rohe Technik zur Geltung, und es ist noch mehr Handarbeit, den Zug zu führen und metergenau zu stoppen.»

 

Tobias Schär, 28 ist Velokurier bei Veloblitz und bei jedem Wetter unterwegs. Statt Briefe bewegt er im digitalen Zeitalter vermehrt Zahnprothesen, Blutproben oder Nahrungsmittel durch Zürichs Strassen.

Tobias Schär kam nach der Teilnahme an einer Velokurier-Meisterschaft in Zürich vor einigen Jahren zu Veloblitz. «Ich wusste nicht genau, was mich erwartet, habe aber schnell gemerkt, dass es nicht bloss velofahren ist», sagt Schär. Der Einstieg sei am schwierigsten gewesen. Schär hatte das falsche Velo, musste sich an den Zürcher Verkehr gewöhnen und auch daran, bei jedem Wetter rauszugehen. «Der Job als Velokurier ist auch Kopfarbeit. Ich bereite mich mental darauf vor, wenn es den ganzen Tag regnet, damit ich nicht schlechter Laune bin.» Mittlerweile ist Tobias Schär geübt: «Du lernst, welche Strassen schneller sind, wie du den Verkehr überlisten kannst und wie du dich am Ziel richtig und effizient bewegen musst.»

Obwohl er die Strassen und die Stadt Zürich in- und auswendig kennt, geniesst Schär seine Fahrten noch immer – auch im Winter. «Ich entdecke Orte und Blickwinkel, die sonst niemand kennt», erzählt er. An einem verschneiten Wintermorgen sei die Uetlibergspitze golden von der Sonne beleuchtet worden. Das sei schön gewesen. Im Sommer macht das Fahren aber mehr Spass. «Auch weil ich nicht so viele Kleider tragen muss.» Schär ist ein Held des Alltags – besonders wenn er in einem Büro ankommt. Die Leute haben Mitleid, wenn es regnet, verspüren aber genauso Neid, wenn draussen ein schöner Sommertag ist. Der Zusammenhalt unter den Velokurieren habe sich etwas geändert: «Früher waren wir noch mehr eine Familie und etwas wilder unterwegs.» «Aber auch heute gehen wir manchmal feiern.» Er hat auch im kürzlich erschienenen Velokurier-Kinofilm «Dead fucking last», mit Mike Müller, als Statist mitgespielt.

Verändert hat sich die Art der Lieferungen. Dokumente können dank mehr Datenleistung digital verschickt werden. Darum liefert Veloblitz vermehrt Laborproben aus, die man nicht digital versenden kann. Tobias Schär fährt alles in der Welt herum, was in seine Messenger-Bag passt – abends auch Thai-Nudeln. «Das Schrägste bisher war eine Ladung Blutegel oder die kaum verpackte Urinprobe», erzählt Schär.  Der Veloblitz hat bis 22 Uhr geöffnet. «Wir spüren die 24-Stunden-Gesellschaft. Die Leute arbeiten länger, die Läden schliessen später.» Er hingegen brauche zur Kompensation der körperlichen Anstrengung im Winter viel Schlaf, um seine Schicht zu leisten.

 

Mehdi Al-Kenani , 37, parkt im Hotel Hyatt teure Sportschlitten. Wie es sich für den Service eines Fünfsternehotels gehört, bleibt er dabei stets diskret und höflich. Ausser ein Gast ist betrunken.

Valet Parking ist in der Schweiz nicht so verbreitet wie etwa in den USA. Deshalb gibt es in Zürich wenige Orte, wo dieser Service angeboten wird. Beim Luxushotel Park Hyatt Zürich im Herzen von Zürich gehört Valet Parking zur Tradition. Gäste oder Besucher der Bar können ihr Gefährt nach der Ankunft bei den Hotelangestellten abgeben. Sie stellen es im hauseigenen Parkhaus unter. «Die Gäste sollen stressfrei bei uns ankommen», erklärt Al-Kenani, der als Teamleiter Belldesk beim «Park Hyatt» arbeitet.

Besonders im Sommer bei schönem Wetter herrscht vor dem «Park Hyatt» zwischen Donnerstag und Samstagabend reger Verkehr. Ein Porsche, ein Ferrari, ein Lamborghini nach dem anderen kommt an. Die Besitzer überreichen Al-Kenani den Schlüssel und bestellen in der «Onyx Bar» einen Drink. Besonders junge Besitzer von Edelschlitten zelebrieren das Vorfahren regelrecht. Sie steigen langsam aus ihrem Lamborghini, schauen sich erst mal einige Minuten um, damit auch jeder sieht, dass sie ein solches Auto fahren, und geben den Schlüssel dann ab. Diese Show kümmert Al-Kenani wenig: «Es ist etwas ärgerlich, wenn jemand eine halbe Stunde mit seinem Auto vor dem Eingang parkt und den Schlüssel nicht abgeben will. Das hält die auf, die vom Valet Parking Gebrauch machen möchten.»

Ob man mit einer alten Ente den Valet-Parking-Dienst in Anspruch nehmen könnte? «Ich würde mich sehr freuen, mit einer Ente zu fahren. Die neuen Autos sind nicht schwer zu lenken», sagt Al-Kenani. Und versichert: «Wir machen keinen Unter-schied zwischen neuen oder alten Autos. Solange das Benzin reicht, um wieder aus der Garage raus zu fahren, sind alle willkommen.»

Illusionen, es sei sein eigenes Auto, macht sich Al-Kenani nicht. «Ich freue mich immer, schöne Autos zu fahren. Aber seien wir mal ehrlich: Einparken ist nicht wirklich eine Freude. Wenn ich mit einem solchen Auto durch die Stadt fahren könnte, wäre der Genuss wohl anders.» So fährt Al-Kenani an einem guten Tag Dutzende von Autos raus und rein. Beschädigt hat er noch keins: «Ich kenne unsere Garage bis auf den letzten Zentimeter.» Das Tolle an seinem Job sei nicht das Parken der Autos, sondern dass er viele Menschen kennen­lerne, meint er.

Al-Kenani geht dabei so dezent vor, wie man es vom Personal eines Fünf­sternehotels erwartet. Nur bei einem Thema ist er strikt: Wenn ein Gast nach einem Abend sein Auto zurückfordert und der Parking-Profi realisiert, dass er nicht mehr imstande ist zu fahren, rückt er den Schlüs­sel ausnahmsweise nicht heraus. Er weist den Gast freundlich darauf hin, eine Alternative wie ein Taxi oder einen Fahrdienst aufzusuchen. «Schliesslich haben wir auch ein wunderschönes Hotel zur Übernachtung», schmunzelt er.

ÜBERFLÜSSIG/ÜBERDRÜSSIG — EINE SERIE VON FEHLKÄUFEN9. März 2013

Für Das Magazin von Tages-Anzeiger durfte ich in Zusammenarbeit mit dem einzigartigen Schweizer Fotografen Maurice Haas und dem Studio Andreas Wellnitz in Berlin eine tolle Portraitstrecke über Fehlkäufe realisieren.

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Grafik zwischen Tradition und Moderne/The Typographic Revolution20. Februar 2013

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Grafik zwischen Tradition und Moderne/ The Typographic Revolution

Text: David Torcasso Bilder/Images: Studio Kargah

Die arabische Schrift hat im vergangenen Jahrzehnt eine Modernisierung erlebt: Junge Grafikpioniere wie Peyman Pourhosein und Aria Kasaei vom Studio Kargah in Teheran bringen arabische bzw. persische und lateinische Schrift in experimentellen Ensembles zusammen.

Neben der politischen Revolution des Arabischen Frühlings fand in den vergangenen Jahren auch eine stille Revolution im Nahen Osten statt: die Modernisierung der arabischen und persischen Schrift. Die beiden Revolutionen hängen in gewisser Weise zusammen: Zwar haben sich die Veränderungen im Schrift- und Grafikdesign bereits früher bemerkbar gemacht – besonders der Iran erhielt schon vor der Absetzung des Schahs international Beachtung in der Grafikszene. In arabischen Ländern hat die Entwicklung neuer Schriftarten aber erst durch die politischen Umwälzungen und deren Ausdruck auf der Straße an Bedeutung gewonnen. Die Botschaften des Arabischen Frühlings werden hauptsächlich über Schriftsprache, Grafiken und Illustrationen verbreitet; auf den Straßen als Graffiti, Tags, Schablonen und Transparente und anschließend über soziale Netzwerke.

Nicht nur der politische Ausdruck mit Schrift und Illustrationen, sondern auch Grafikprogramme wie Open Type und Unicode haben die arabische und iranische Szene in den vergangenen Jahren geformt. Junge Designer aus der Region wollen eine Brücke zwischen lokalen visuellen Traditionen und einem internationalen Grafikstil schlagen. Zwei Vertreter dieser neuen Generation sind Peyman Pourhosein und Aria Kasaei vom Studio Kargah (Farsi: Studio) in Teheran. Die iranischen Designer interpretieren kalligrafische Stile neu, komponieren Bilder mit persicher und lateinischer Schrift und loten Grenzen bis hin zur Abstraktion aus. „Die persische Ästhetik ist stark von Textilien, Architektur, Keramik, Malerei, Büchern und natürlich Kalligrafie geprägt. All diese Künste sind unsere Referenzen, aber genauso auch die Zeichen und Schriften auf den Teheraner Straßen“, sagt Pourhosein und bringt den Kern seiner Arbeit auf den Punkt: „In meinem Designprozess wirken unterbewusst zwei Einflüsse mit. Einerseits die Kultur meiner Zeit, die digital ist, andererseits aber die teils handwerkliche Kultur meines Heimatlandes Iran.“ Sein Partner im Büro Kargha, Aria Kasaei, meint: „Grafikdesign muss nicht in erster Linie Ausdruck des persönlichen Stils sein, sondern den Zeitgeist widerspiegeln. Deshalb dürfen Schriften nicht als reine technische Errungenschaften angesehen werden.“

Der experimentelle Charakter der Schriften, die typografischen Herausforderungen und die bilinguale Anwendung der lateinischen und persischen Schrift inspirierten das Berliner Grafikstudio Eps51 zu seiner Ausstellung Right-to-Left – in Anlehnung an die Schreibrichtung der Schrift –, die bis Anfang Dezember 2012 im Künstlerhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg zu sehen war. Über 40 Künstler und Grafikdesigner, zum Beispiel aus dem Libanon, dem Iran oder aus Ägypten, bespielten die Ausstellung mit über 160 Plakaten. „Was auffällt, ist, dass arabische oder iranische Designer den westlichen Stil nicht kopieren, sondern dass sie selbstbewusst auf ihren Traditionen aufbauen, jedoch mit Einflüssen westlicher Typografie“, sagt Grafikdesigner Ben Wittner von Eps51. Ex- perimentelles Grafikdesign mit traditionellem Hintergrund nennt er das.„Niemand möchte heute die arabische mit der lateinischen Schrift überdecken.“

Wittner kennt und schätzt die Grafiker des Studios Kargah: „Sie haben einen gekonnten Umgang mit der arabischen Schrift, bei der das Handgemachte der Kalligrafie durch moderne Schriftgestaltung interpretiert wird.“ Die gezeigten Werke bei Right-to-left spiegelten die vielfältige Formensprache der arabischen und persischen Kultur wider und nahmen Bezug auf kulturelle Referenzen, somit das gesamte Spektrum aus experi- menteller Typografie und Schriftgestaltung bis hin zu Street-Art und Graffiti. Viele Plakate der Ausstellung stammten aus dem Iran, darunter auch die des Studios Kargah. Der Grund dafür liegt für Ben Wittner auf der Hand: „Grafiker brauchen für ein Werkbuch eine Bewilligung vom Staat – für Plakate nicht. Deshalb nutzen sie Plakate so oft als Ausdrucksmittel.“

The past decade has seen a modernisation of Middle-Eastern scripts. Pio- neering young typographers, such as Peyman Pourhosein and Aria Kasaei of Studio Kargah in Tehran, are creating experimental ensembles that com- bine Arabic, or in this case Persian, and Latin text forms.

In recent years, the Middle East has been rocked not just by the political tur- moil of the Arab Spring, but also by a second, much quieter revolution: the modernisation of the Arabic and Persian scripts. The two revolutions hang together, even if only up to a point. After all, the overhaul of graphic design and typography has long been underway, and the work being done in Iran in particular attracted international acclaim even before the Shah was deposed. In the Arab countries, however, the development of new typefaces has be- come inseparable from the drive for political change expressed in the events unfolding on the streets. The rallying cries of the Arab Spring are broadcast in words and pictures, which on the street means graffiti, tags, stencils and banners, and, of course via the social networks, too.

But it is not just the need to channel political expression that has transformed the Arab and Iranian graphic design scene in recent years; graphic programs like Open Type and Unicode have also had an important role to play. Young designers in the region have set out to bridge the gap between local visual traditions and international graphic style. Two key figures in this new generation of graphic artists are Peyman Pourhosein and Aria Kasaei of Studio Kargah (Kargah is the Farsi word for ‘studio’) in Tehran. Having become adept at reinterpreting calligraphic styles, these two Iranian designers now create compositions that combine Persian and Latin script, while at the same time pushing the boundaries of abstraction: “The Persian aesthetic developed in various arts: from flat woven fabrics, architecture and pottery to painting, bookmaking and calligraphy, which has always been the most highly respected art form in Iran. All of these can be our references in design.

Sometimes Persian literature is too, just as the letter forms and signs of Tehran cityscapes are a source of inspiration”, says Pourhosein, who sums up the essence of what he does as follows: “I do not insist on having a personal style in my work; but during the de- sign process – maybe unconsciously – two different things appear in my work. One is the culture of my age, which is a digital culture, and the other is the culture of my place of birth, which is Iran”. His partner at Kargah, Aria Kasaei, takes a similar view: “I think graphic design reflects the spirit of the age. So I open myself up to be receptive to sources of inspiration and concepts from all around. I do not believe in style as a purely technical achievement” .

The experimental character of script, the typographic challenges and bilingual application of Latin and Persian script, were the inspiration for an exhibition entitled Right-to-Left – the name is an allusion to the direc- tion in which Arabic and Persian are written – hosted by the Berlin-based graphic studio, Eps51. The show at the Künstlerhaus Bethanien in Berlin- Kreuzberg, that ran until December 2012, featured over 160 posters by some forty artists and graphic designers, including some from Lebanon, Iran and Egypt. “What is striking is that Arab and Iranian designers do not simply copy Western style; instead they build on their own traditions and are self-confident enough to allow Western typography to influence them”, says Ben Wittner, himself a graphic designer at Eps51, explaining what he calls experimental graphic design with a traditional background:

“No one these days wants to see Latin script blotting out Arabic”. Wittner knows the graphic designers at Studio Kargah and thinks highly of their work: “Their skilled handling of the Arabic script translates the handcrafted aspect of calligraphy into a typographic idiom”, he says. The works on show at Right-to-Left reflected the manifold vocabulary of forms on which both Arabic and Persian culture can draw as well as a wide range of cultural references extending from experimental typography and script design to street art and graffiti. Many of the posters in the exhibition came from Iran, including some from Studio Kargah. The reason for this is obvious, Wittner believes: “Graphic designers need state approval for a book but not for posters. That’s why posters for them are so often the expressive medium of choice”.

facebook.com/studiokargah

Mighty Mittelstand19. Februar 2013

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“Die Ideen feiern, wo sie geschehen”15. Februar 2013

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Jörg Koch, kreativer Kopf hinter dem Kunst- und Kulturmagazin «032c», ist seit einem Jahr auch Chefredakteur der deutschen Ausgabe des Andy-Warhol-Magazins «Interview» – ein Porträt.
David Torcasso

Jörg Koch geht durch sein Atelier in Berlin-Mitte. Der Betonraum mit dem massiven Glaskasten ist an diesem Freitagabend proppenvoll mit Künstlern, Verlegern, Regisseuren oder Gastronomen. Der Schweizer Fotograf Walter Pfeiffer präsentiert sein Fotobuch. Das zieht die Kreativen an. Und obwohl sich der Hausherr des «032c»-Workshops recht unauffällig bewegt, ist er nicht zu übersehen. Mit seiner Körpergrösse von zwei Metern überragt Jörg Koch alle. Dabei schaut er keineswegs von oben herab, sondern schüttelt gleichzeitig Hände, dreht an der Musikanlage und räumt leere Gläser ab.

Während viele in Berlin nur zuschauen und sich dazustellen, wo vermeintlich Interessantes geschieht, ist Jörg Koch, 39, ein Macher. An diesem Ort hat er – «so schön idealistisch, wie man nur im jungen Alter in Berlin sein kann» – vor fünfzehn Jahren einen Ausstellungsraum mit Freunden gegründet. «Den Raum benutzten wir als dreidimensionales Fanzine», erzählt Koch. Dazu wollten sie ursprünglich auch eine Video-Onlineplattform lancieren. Doch damals fehlte die Bandbreite dafür.

«Das ist das Drama meines Lebens: Ich war immer zu früh», sagt er – nicht selbstsicher, sondern nüchtern. So entstand schliesslich zusammen mit Sandra von Mayer-Myrtenhain die Idee des Magazins «032c», benannt nach dem gleichnamigen Code der Farbe Rot bei Pantone. «Das Magazin war ein totales Do-it-yourself-Projekt», sagt Koch. Bereits als er Mitte der neunziger Jahre nach Berlin kam, lernte Koch Journalismus nicht durch eine Schule kennen, sondern durch Erlebnisse – mitten im Leben, das in Berlin vor allem auch nachts pulsiert.

Heute ist «032c» eines der beliebtesten Kunst- und Kulturmagazine Europas und vereint Architektur, Urbanität, Literatur und Mode. Beflügelt hat den Erfolg des Magazins der «Berlin-Hype» nach der Jahrtausendwende. «Wir hatten kein Geld, aber Zeit», sagt Jörg Koch, «daraus entsteht eine andere Sprache und Haltung, als wenn ein Magazin in einem grossen Verlag am Reissbrett entsteht.» «032c» sei nicht kommerziell ausgerichtet gewesen. «Sonst hätten wir kaum so einen bescheuerten Namen gewählt», sagt Koch lachend.

Jenseits des Mainstreams

Blättert man in der roten Zeitschrift, fällt auf, wie radikal die Bildsprache, wie untypisch die Grafik ist, wie anders die Fotostrecken und wie vorausblickend die Geschichten sind. «Diese Anti-Position konnte man sich in Berlin leisten», sagt Koch. Die Modelabels schätzten den neuen Ansatz und buchten Anzeigen. Apropos Mode: «Wenn wir Fashion im Magazin zeigen wollen, dann gehen wir aufs Ganze», sagt Koch, «mit Fotografen wie Juergen Teller, Danko Steiner oder Alasdair McLellan haben wir Geschichten realisiert, die eine grosse Intensität haben und aus dem visuellen Einheitsbrei hervorstechen.»

Seine visionäre Arbeitsweise verhalf Jörg Koch vor Jahresfrist zu einem weiteren gewichtigen Amt: Er wurde Chefredakteur der neugegründeten deutschsprachigen Ausgabe des Andy-Warhol-Magazins «Interview». In Zeiten, wo Chefredaktionen doppelt besetzt werden, führt er nun also zwei Magazine in Personalunion. Dabei agiere er wie ein Architekt, der einmal ein Hochhaus, aber auch eine Stadtvilla baue. «Warum sollte das im heutigen Journalismus nicht möglich sein?», fragt Koch selbstbewusst.

«Die Tonalität der beiden Magazine ist sehr unterschiedlich», erklärt Koch. Die Geschichten von «032c» seien sperrig und avantgardistisch, «Interview» hingegen sei ein kommerzielles Entertainment-Magazin. «Interview» entsteht in Westberlin, «032c» im ehemaligen Osten. «‹032c› muss immer wieder mit neuen Bedeutungen aufgeladen werden und vorwärtsgehen. ‹Interview› ist dagegen mehr Leuten zugänglich. Ich mag dieses Spannungsfeld», sagt Koch.

Sein erstes Jahr als Chefredakteur bei «Interview» betrachtet Jörg Koch als Reise in das «dunkle Herz der Celebrity-Culture». Er habe viel über Prominente gelernt, sagt Koch, und ergänzt: «Es ist wenig Prätentiöses dabei. Was banal ist, ist banal, was klug ist, ist klug – und das kann nebeneinanderstehen.» «032c» vergleicht er dagegen mit einem Feuilleton. «Es sind viele anachronistische Codes enthalten, die man nicht erwartet. Viel Osteuropäisches und Referenzsysteme zwischen Kunst, Kultur und Politik», so beschreibt Koch den Inhalt. Es ist das Spannungsfeld, das auch Berlin ausmacht.

Und in Berlin kennt Jörg Koch alle und jeden. Koch ist nicht einer, der Kontakte wie Schmetterlinge an die Wand spiesst, seine Zusammenarbeit mit bekannten Fotografen, Designern und Musikern entwickelt er über Jahre. Wenn er sich für jemand entschieden hat, taucht dieser immer wieder in seinem Kosmos auf. Er wolle vor allem sozialen Raum schaffen, wo die Musik, die Drinks und die Kunst stimmen – wie eben in seinem «032c»-Workshop. Die «New York Times» bezeichnete Jörg Koch in einem Porträt als Berliner Stil- und Designguru. Er winkt ab: «Heute werden unabhängige Magazine rasch personalisiert. Das ist aber nicht der Eitelkeit geschuldet, sondern die kaltblütige Erkenntnis dazu, wie ein Magazin in der heutigen Zeit funktionieren kann.»

Den Zeitgeist demontieren

«032c» hat neue Medientrends früh aufgegriffen – etwa die Vereinigung von Print und Online, woran Koch zurzeit bei «032c» intensiv arbeitet. «Wichtig ist, nicht nostalgisch oder sentimental zu reagieren», sagt Koch. Weil das Gedruckte für Koch mehr Bedeutung hat, weil es besser archiviert werden kann als Material im überfüllten Internet, ist er auch für die Zukunft des Magazins zuversichtlich: «‹032c› funktioniert weltweit. Deshalb wird es immer genug Verrückte geben, die das Magazin lesen.» Auch für «Interview» ist er zuversichtlich: «Wir konnten in den letzten Monaten einige grossartige Geschichten realisieren.»

Was Jörg Koch von anderen Akteuren im Medienfach unterscheidet, ist sein Verständnis eines zeitgenössischen Magazins: «Es muss Momente geben, in denen der Zeitgeist absichtlich demontiert wird.» Ihn inspiriere Innenarchitektur oder Design und nicht nur Mode oder Filme, wie man es heute bei den meisten Lifestyle-Magazinen als Referenzpunkte sieht. Kochs Ideen sind nicht von Marken und Meinungsmachern angeschoben, sondern erzählen von ungewöhnlichen Orten und Menschen. «Nur so können die Magazine eine Schnittstelle zwischen Mode, Kunst, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Design werden, weil in Räumen alles kollidiert», sagt Jörg Koch. «Am Ende feiern wir Ideen, wo immer sie geschehen.»

I love you (Berlin)13. Februar 2013

Ein visuell schön gemachtes Magazin aus Berlin mit zwei Beiträgen von mir über die Zukunft des 3D-Foodprinters und Künstler Frederic Klein (in Englisch)

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“Männer warten, bis jeder mit der gleichen Hose herumläuft”1. Februar 2013

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Christopher Sanderson sagt Firmen wie Louis Vuitton, wer was in Zukunft kauft. Warum Apple ersetzt wird, das Kondom aber nicht, erklärt der Trendforscher im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Sanderson, braucht man Selbstbewusstsein um die Zukunft vorauszusagen?

Christopher Sanderson: Nein, das hat damit nichts zu tun. Es ist eine Fähigkeit zu verstehen, wie man Tendenzen herausfiltern kann, um ein präzises Urteil zu fällen. In der Regel achten die Menschen auf Gemeinsamkeiten. Für mich zählen die Unterschiede.

ZEIT ONLINE: Papierlose Büros, fliegende Autos – werden Zukunftsprophezeiungen nicht immer wiederlegt?

Sanderson: Der amerikanische Denker William Gibson sagt: “Die Zukunft ist schon passiert. Aber nicht jeder hat Zugriff darauf.” Das stimmt. Alles was morgen passieren wird, geschieht bereits jetzt. Es ist nur noch nicht greifbar oder gedeutet. Die Zukunft findet in Nischen statt, nicht im Mainstream. Die meisten Menschen fühlen sich wohl, wenn sie sich in der Masse bewegen. Jeans für Männer sind ein interessantes Beispiel: Der Geschmack wechselt alle drei bis fünf Jahre, nicht jede Saison. Männer warten, bis jeder mit der gleichen Hose herumläuft und lassen sich von der Masse leiten. Ansonsten fühlen sie sich doof. Aber eine Gruppe von Menschen handelt immer anders als die meisten und so erkenne ich, wo ein Wechsel stattfindet.

ZEIT ONLINE: Und wo finden die Wechsel statt?

Sanderson: Es gibt in jeder Gesellschaft Meinungsmacher, die mit einem geschärften Sinn Kontraste aufnehmen. Es gibt Orte, wo die Konzentration solcher Menschen höher ist. Wer nach einem Wandel sucht, findet ihn sicher nicht in Mannheim, sondern muss nach Berlin oder London.

ZEIT ONLINE: Weil man dort auf diejenigen trifft, die wissen, was hip oder cool ist?

Sanderson: Ein Vordenker spürt dort Anerkennung, kann Verbindungen eingehen und wird in seinem Handeln unterstützt, ja. Trends ergeben sich allerdings nicht nur in der Mode oder dem Design, sondern auch im Hinblick auf Essen, Architektur, in der Kunst. Eine gute Idee wächst, indem sie Anhänger findet. Aber ich habe ein Problem mit diesen Wörtern – hip und cool.

ZEIT ONLINE: Warum?

Sanderson: Was wir hier machen, ist nicht hip oder cool. Wir beschäftigen uns nicht damit, wie lang oder eng ein Rock sein darf, sondern mit gesellschaftlichen Entwicklungen. In den vergangenen Jahren habe ich meinen Kunden versucht zu erklären, welche Auswirkungen die Frau auf das 21. Jahrhundert hat. Unternehmen werden von Männern dominiert – wie sollen die Firmen verstehen, wie sie Frauen als Konsumenten gewinnen können? Noch ein Beispiel: Die Konsumenten in der westlichen Welt werden in Zukunft weniger Geld ausgeben. Darauf müssen sich Unternehmen vorbereiten.

ZEIT ONLINE: Was bedeuten würde, dass irgendwann wieder weniger Menschen Geld für Louis-Vuitton-Taschen ausgeben. Für Sie und Ihre Klienten eine Katastrophe

Sanderson: Nicht für mich, ich mache keine Produkte, sondern predige seit Jahren: Wacht auf, ein neues Zeitalter bricht an! Es wird kein Wachstum mehrgeben! Die Gesellschaft denkt um. Jetzt erst kommen die Kunden und fragen: Wie war das mit dem ethischen Konsum? Wir investieren sehr viel Zeit, ihnen den Wechsel zu erklären. Sie verstehen es nur sehr schwer.

ZEIT ONLINE: Schon heute tragen Menschen, die monatlich 10.000 Euro verdienen, abgewetzte Strickjacken vom Flohmarkt. Warum?

Sanderson: Altes Handwerk, Vererbtes und hochwertige Materialien sind wieder gefragt. Im Englischen spricht man von Revivalism. Auf einem Flohmarkt einzukaufen ist ein klares Statement. Es zeigt, dass wir etwas Individuelles suchen. Modemarken kopieren diesen Secondhand-Stil bereits. Martin Margiela entwirft zum Beispiel Hemden, die exakt so anmuten wie die vom Flohmarkt, nur kosten sie 400 Euro.

ZEIT ONLINE: Junge Menschen investieren viel Zeit und Geld, um Gemüse auf den Dächern von New York anzubauen und nennen das Urban Farming, obwohl sie Möhren und Äpfel auch bequem und günstig im Supermarkt erhalten. Auch nur Lifestyle?

Sanderson: Unsere Gesellschaft muss dringend überdenken, wie sie künftig frisches Gemüse und Früchte auf ihre Teller bringt. Das ist kein Lifestyle! Die Vereinten Nationen sagen, dass die Kosten für Lebensmittel in den nächsten Jahren um 40 Prozent steigen werden. Der westliche Standard wird zum ersten Mal seit 50 Jahren einbrechen.

ZEIT ONLINE: Und die Großstadt-Farmer bereiten sich darauf schon mal vor?

Sanderson: Wir beobachten, dass Marken an Bedeutung verlieren. Bei der Ernährung, beim Wohnen, in der Mode. Die Menschen möchten nicht in einem Restaurant essen, dass “Le Chef” heißt und an jeder Ecke zu finden ist. Sie wollen lokaler konsumieren und selbst herausfinden, was gut für sie ist.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir AppleGoogle oder Facebook. Wie viele Menschen sind täglich in Kontakt mit diesen Marken – mehrere Milliarden. Sie haben bislang nicht an Bedeutung verloren.

Sanderson: Diese drei Marken pflegen tatsächlich eine Hegemonie, die aber auch schnell wieder vorbei sein kann. Zum Beispiel Yahoo. Der Erfolg ging über Nacht zu Ende. Ich bin mir sicher, dass Apple als technologisches Kultunternehmen in den kommenden Jahren von einem anderen Konzern ersetzt wird, wahrscheinlich von einem chinesischen. Wir sind bei diesen Unternehmen nicht an der Marke interessiert, sondern an einer Dienstleistung. Diese können auch andere erbringen.

ZEIT ONLINE: Welches Produkt existiert in 15 Jahren nicht mehr?

Sanderson: Die Kreditkarte auf jeden Fall, aber auch Mobiltelefone wird es nicht mehr geben.

ZEIT ONLINE: Was ist mit dem Kondom?

Sanderson: Ich sehe im Moment kein anderes Mittel, das seinen Zweck besser erfüllen könnte.

Christopher Sanderson, 44 Jahre, gründete 2001 gemeinsam mit Martin Raymond The Future Laboratory in London, das rund 50 Mitarbeiter beschäftigt und Unternehmen wie Louis Vuitton, BMW oder HSBC berät. Davor war er Kommunikationschef eines internationalen Modeunternehmens. Sanderson unterrichtet an der University of Arts in London und ist Fernsehmoderator.

Buoyant market31. Januar 2013

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Wooden-hull motorboats were a status symbol on the lakes of Germany’s leafy capital between the world wars; their shape earned them the nickname “Berlin cigars”. Today, Klink & Krüger, a shipyard on the shores of the city’s popular Müggel lake, is restoring these rare luxury ves- sels for aficionados; up to 5,000 man hours are required to get each boat seaworthy. “During the Second World War, many of these jewels were sunk or removed
by the Russians,” says Carsten Klink, co-owner of Klink & Krüger. As a result, even less-than- pristine examples can fetch up
to €15,000. “Our staff turns every screw and sands every inch of wood by hand,” says Klink. “It’s a scene that takes joy in the crafts- manship of the boats. It’s got nothing to do with jet-set boaters on the French Riviera.” Partner Malte Krüger concurs. “Our customers are more comparable with wealthy bicycle freaks than snobby Ferrari drivers.” — dt

Gesucht: Die Blondine in der zweiten Reihe30. Januar 2013

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In der Bibliothek in einen attraktiven Menschen verguckt, aber den richtigen Moment verpasst. Oder mal wieder die Schüchternheit nicht überwunden? Sogenanntes Spotting soll Flirt-Angsthasen an Schweizer Unis auf die Sprünge helfen.
David Torcasso

«Süsses Mädchen mit langen braunen Haaren und hellblauem Pulli. Ich sitze dir schon den ganzen Tag gegenüber und hoffe auf ein Zeichen von dir. Ein Augenzwinkern würde mir schon reichen». Oder: «Gross gewachsener Blonder im 2. Stock in der Bibliothek gesichtet! Ich lächle – lächle doch zurück!»

Fast jeder Student kennt diese Situation: In der Bibliothek gegenüber sitzt die Traumfrau, in der Mensa huscht der gut gebaute Lockenkopf vorbei, in der Vorlesung zwirbelt die geheimnisvolle Brünette mit dem Stift ihre Haare auf. Aber wie im Club, in der Bar oder im Tram: Die wenigsten wagen sich, ihren Schwarm anzusprechen. Besonders nicht in der Uni-Bibliothek, wo Reden sowieso verpönt ist.

Anonyme Nachrichten

Die neuen «Spotted»-Facebook-Seiten an Universitäten in ganz Europa schaffen Abhilfe: Studierende schreiben über die Administratoren der Facebook-Seite eine Botschaft an ihren Schwarm. Nach einer Prüfung werden die flammenden Liebeserklärungen oder die platten Baggersprüche auf der Seite anonym publiziert.

Fühlt sich jemand angesprochen, stellen die Administratoren den Kontakt zwischen den einsamen Herzen her. Die Grenzen zwischen ernst gemeinter, verzweifelter Hoffnung eines scheuen Bücherwurms und mitunter sexistischen Kommentaren von Selbstüberschätzern verwischen.

Weil es jeden treffen kann, ist das Interesse der Studentenschaft gross. Es geht um Eitelkeiten, Bestätigung, Überwindung, Scheu und wie immer die ewige Sehnsucht nach der grossen Liebe – oder zumindest einem Abenteuer.

Ursprünglich kam diese Bewegung aus England, hat in den letzten Tagen in Deutschland ihren ersten Höhepunkt erreicht und nun, pünktlich zur Prüfungszeit, erfasst sie auch die Schweizer Unis. Spitzenreiter ist die Universität St. Gallen. Inzwischen verfolgen fast 2000 Mitglieder die «Spotted»-Facebook-Seite der HSG. Sie ist erst seit wenigen Tagen online.

Auf einen Kaffee

Julie Rielle, HSG-Studentin im Assessment-Jahr, sagt: «Spotten ist der neue Trend an der HSG». Sie selbst sei noch nie «gespottet» worden, weil sie selten in der Bibliothek sei. «Eine Freundin hat durch einen Aufruf auf der Facebook-Seite jedoch eine Bekanntschaft gemacht, die sie nun öfter trifft», berichtet die Studentin. Auch an der Universität und ETHZürich gibt es eine «Spotted»-Seite. Deren Mitgliederzahlen sind allerdings noch nicht so hoch wie bei den Kollegen in der Ostschweiz.

Eine Studentin der HSG, die nicht namentlich genannt werden möchte, sagt: «Mich hat es auch erwischt!» Sie «spotte» aber meist nur in der Bibliothek, manchmal auch in der Sporthalle. «Wobei dort die Muskeln der Jungs im Mittelpunkt stehen.» Sie mache es aus Spass, räumt aber ein: «Es gibt Leute, die das ernst nehmen und mit ihrem Objekt der Begierde in Kontakt getreten sind.» Von ihrem eigenen «Spotter» sei sie in der Bibliothek entdeckt worden. Man habe sich auf einen Kaffee getroffen. Mehr sei daraus aber nicht geworden.

Neu ist «Spotten» nicht. Die bekannte Zürcher Onlineplattform Ron Orp hat auf seinem täglichen Newsletter die Rubrik «Gesehen». Dort haben verpasste Flirtchancen schon bis vor den Altar geführt. In der amerikanischen Erfolgsserie «Gossip Girl» hat die Stimme der Erzählerin jede Einleitung mit den Worten «Spotted» eröffnet. «Spotten» hat nichts mit Spot im Deutschen zu tun, sondern stammt von «spotting», zu Deutsch: auskundschaften.

Gut für das Ego

An den grossen deutschen Universitäten ist die Zahl der «Spotter»-Fans beträchtlich höher als in der Schweiz – im Vergleich zu den Studentenzahlen. Von Berlin über München bis nach Heidelberg grassiert das Spotting-Fieber. Ein Heidelberger Student hat jetzt sogar ein eigenständiges Portal – losgelöst von Facebook – gegründet: Bibflirt. Dort können sich Interessierte direkt bei den Gesuchten melden. Auch ausserhalb der Uni.

Für das Ego erfüllt die Plattform sicherlich ihren Zweck. Und sie hat den Touch der amerikanischen Highschool-Filme in die digitale Welt von heute übersetzt. Wie andere Hypes wird «Spotten» vermutlich wieder an Reiz verlieren. Oder aber noch mehr Bedürfnisse von Studenten hervorrufen: Ähnlich viele Mitglieder wie die «Spotted»-Gruppe hat auch die Gruppe «Verspotted» an der Universität St. Gallen. Dort nutzen Studenten die Gelegenheit, sich online über Missstände und Ärgernisse an der Universität zu äussern.

Die «Spotterin» von der Universität St. Gallen nimmt den Hype nicht allzu ernst: «Ein Trend passt sich an – an den St. Galler Nebel und die intensive Lernphase. Der Frühling kann kommen und dazu wieder die echten Gefühle.»

Link zum Artikel:

Einmalig – Die Schülerzeitschrift19. Januar 2013

Im Rahmen einer Wirtschaftswoche an der Carl-Zeiss-Oberschule in Berlin-Lichterfelde habe ich mit Schülern der 11. Klasse eine Schülerzeitung erstellt. Ich nahm dabei die Rolle eines “Trainers” ein, die aber eigentlich dem Lehrer entsprach, da die Schüler eine Woche lang nur bei mir Unterricht hatten und ich für sie als Ansprechpartner fungierte.

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Kind, wie siehst du nur aus?11. Januar 2013

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Die Soziologin Diana Weis hat mit dem Berliner Archiv der Jugendkulturen ein lesenswertes Buch über Geschichte und Gegenwart der Jugendmode publiziert.

David Torcasso

Haben Sie früher eine schwarze Lederjacke als Uniform der Unangepassten getragen? Oder «Doc Martens» mit Hosenträger und Glatze? Trafen Sie sich zu illegalen Partys in Kellern? Oder verkörperten Sie das pure Gegenteil: ein schicker Mod mit einer Vespa und Scheitel? Waren Sie gar ein Popper, der mit teuren Mänteln und Loafer bereits mit 16 Jahren wie ein 40-Jähriger wirken wollte?

Arbeiterschuh wird Kultobjekt

Jeder von uns hat Jugendkultur gelebt – und sich bewusst oder unbewusst mit Kleidung als Teil einer Bewegung verstanden. Die Mode des Mainstreams oder der Älteren war stets Bezugspunkt von jugendkulturellen Stilen, die entweder als Gegenpol oder Zerrbild der Gesellschaft funktionierten. Wer kannte sie nicht, die Punks mit ihren von Sicherheitsnadeln gehaltenen Kleidern auf der Strasse? Blättert man heute in einem x-beliebigen Modemagazin, sind die Referenzen an die Punks zahlreich. Kollektionen wie jene von Designer Junya Watanabe sind dem Stil von Besuchern eines Jugendtreffs abgeschaut. Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die Jugendlichen zu Trendsettern hochstilisiert. Dankbar begann sich die Modeindustrie an deren Image zu bedienen, um ihren Kollektionen etwas Rohheit und Kreativität einzuhauchen. Die Jugendlichen waren die Ersten, die einen neuen Stilbegriff schufen, der nicht nur für Geld zu haben war.

Das Buch «Cool aussehen» zeigt, dass sich Jugendkultur aber über das blosse Tragen von Kleidung hinaus manifestiert. Die Herausgeberin Diana Weis unterrichtete an der Akademie für Mode und Design in Berlin das Fach Modetheorie. Zur Idee des Buches sagt sie: «Irgendwann merkte ich, dass junge Studenten zwar die Ausprägung, aber den Ursprung der Jugendkulturen kaum kennen.» Weis’ Buch versammelt auf 240 Seiten 22 Autoren und ist als Gemeinschaftsprojekt auf einer Crowdfunding-Plattform entstanden. Zahlreiche Bilder stammen aus dem Archiv der Jugendkultur, einer öffentlichen Bibliothek in Berlin, die Mode, Magazine und sonstige Gegenstände der Jugendkultur sammelt. «An der Mode von Jugendlichen fasziniert mich ihre Bedingungslosigkeit – die Identität durch sie ist viel grösser als bei Erwachsenen», erklärt Weis.

«Jugendliche wollen individuell sein, aber trotzdem nicht komplett allein dastehen. Kleidung eignet sich dafür sehr gut, weil man sie direkt am Körper trägt und damit die Persönlichkeit anzeigen kann», so Diana Weis. Die in ihrem Buch getroffene Auswahl ist natürlich unvollständig. Doch gerade weil die Autoren zum Teil autobiografische Bezüge zu diesen Jugendkulturen haben und sie in den Texten verarbeiten konnten, wird das Buch zu einem attraktiven Zeitdokument. Der Leser trifft auf Punks, Popper, Metals, Mods, Emos, Riot Girls oder Technojünger. Oder auf prägende Kleidungsstücke wie die Lederjacke, enge Jeans oder das Palästinensertuch.

So beschäftigt sich Autor Christian Tjaben mit englischen Marken und deren Botschaftern, die in der Punk- oder der Skinheadszene zu finden sind. Er untersucht, wie Sportmarken Kult wurden bei englischen Jugendlichen, die am Samstag ins Fussballstadion gingen. Schuhe der Marke Doc Martens etwa entwickelten sich unter ihnen vom Arbeiterschuh zum Kultobjekt. «Docs» wurden beim Höhepunkt der Mods-gegen-Rocker-Welle in England von Rockern getragen, danach von Skinheads, die Hippies verdroschen. Die Stiefel erlebten Anfang der 1980er Jahre ein Revival, und heute, 2013, sieht man auf den Strassen der europäischen Metropolen erneut viele Doc-Martens-Schuhe.

Des Weiteren befasst sich das Buch mit der Lederjacke, dem Evergreen der Jugendmode, sowie mit der Bomberjacke, einem widersprüchlichen Kleidungsstück, das in Deutschland gerne von rechten Skinheads getragen wird, aber genauso von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Dies wohl, weil beide Gruppen mit der ultramaskulinen Silhouette Männlichkeit, Kraft und Gewaltbereitschaft vermitteln möchten. Und dann waren da die Popper. Verstörend an dieser Bewegung war, dass sie die Biederkeit ihrer Eltern als Protest zelebrierten. Es war die hanseatische Variante des Brit Chic, auch benannt nach Hamburgs Reichenviertel Poppenbüttel. 16-Jährige trugen Rolex-Uhren, Lacoste-Hemden und Seglerschuhe. Durch ihre angepasste Haltung wurden die Popper zum Feindbild: der «ehrliche Rock» gegen den «oberflächlichen» Pop.

Junge sehen heute alt aus

Schliesslich kamen die 1990er Jahre mit Piercing, Rave und Techno. In einem Interview schildert Urgestein Martin Wuttke, dass sie ihre Kleidung damals aus dem Altkleidersack rezyklierten und an Partys mit Plateauschuhen aufkreuzten. Parallel entwickelte sich mit Courtney Love als Anführerin Mitte der neunziger Jahre die Riot-Girl-Bewegung, die zwanzig Jahre später in Russland erneut für Furore sorgte.

Einige der Kapitel in «Cool aussehen» sind, für die einst zerrissene Hauptstadt Berlin nicht überraschend, sehr deutsch. Da wird der Stil der Hannover Punkband Blitzkrieg gezeigt oder das Lebensgefühl deutscher Punks – beschrieben von Autor Heinrich Dubel, der selber Punk war. Auch die DDR-Mode wird ausgiebig analysiert. Die bis Ende der 1990er Jahre deutlich benennbaren Ausprägungen der Jugendkulturen fallen mit dem Millennium zusehends auseinander. Die Skinny-Jeans hält Einzug und formt geschlechtsneutrale Jugendliche. Dann folgen der Preppy-Look und bei den Teenagern das Emo-Lebensgefühl, eine Art Neuauflage des New-Wave-Lifestyles. Das Buch schliesst mit einem Fazit: «Die Jungen sehen heute alt aus – ein halbes Jahrhundert Jugendwahn geht zu Ende», schreibt Autor Jan Joswig im letzten Kapitel. Die Erwachsenen wollen nicht mehr wie Jugendliche aussehen, die Jugendlichen dafür wie sie. Dieses Imitieren des Establishments lässt sich so deuten, dass der Druck, schnell in die erwachsene Arbeitswelt einzusteigen, zugenommen hat.

Einst bedeutete Jugendkultur Protest. Heute können die Jugendlichen ihre Stile sekundenschnell über die digitalen Medien verbreiten. Das erschwert Abgrenzung wie Einordnung neuerer Strömungen in erheblichem Masse. Kaum ist ein Trend geboren, ist er schon Mainstream und wird persifliert. Die Codes werden im 21. Jahrhundert komplexer: Eine neue Barbour-Jacke hat heute bereits eine ganz andere Bedeutung als ein abgewetztes Exemplar desselben Herstellers. Das Buch «Cool aussehen» kann bezüglich dieser Phänomene als Nachschlagewerk verstanden werden. Es ist aber keineswegs nur ein visuelles Werk, denn die teilweise jungen Autoren haben sich nicht vor dem Schreiben langer Texte gescheut. Erstaunlich ist nach deren Lektüre die Erkenntnis, dass viele der scheinbar vergangenen Jugendkulturen noch heute auf der Strasse anzutreffen sind und sich in Revivals manifestieren. Die Bomberjacke ist ein Evergreen. Die Lederjacke stirbt sowieso nie. Und Doc-Martens-Stiefel trifft man 2013 zu später Stunde in den Klubs beim Tanzen.

Diana Weis (Hrsg.): Cool aussehen, 240 S., € 36.–. www.jugendkulturen.de

Hannah Cohen19. Dezember 2012

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Als Model wurde Hannah Cohen von Terry Richardson, Richard Prince oder Ryan McGinley fotografiert. Als Sängerin hat die 26-Jährige gerade ihr erstes Album veröffentlicht. Wir haben die New Yorkerin für unsere Rubrik „Das trag’ ich für die Ewigkeit“ gefragt, womit sie am liebsten beerdigt werden möchte. Hannah Cohen wählte ein Kleid aus den dreißiger Jahren und erzählte uns, wie sie sich ihren Tod vorstellt.

Ich habe mich im vergangenen Jahr oft mit dem Thema Tod beschäftigt. Im Februar ist ein guter Freund gestorben. Ich habe viel Zeit mit seiner Frau verbracht und mit ihr alt. Das ist sehr traurig – aber ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte. Manchmal bin ich gelassen gegenüber dem Tod, manchmal macht mir die leben nach dem Tod weiter, vielleicht in einfach die Lichter ausgehen und Schluss ist. Ich bin kürzlich mit einer Freundin von „Mach dir keine Sorgen. Wir werden nicht bei einem Flugzeugabsturz sterben. Das haben wir nicht verdient.“ Ich denke, ich wer-de im Schlaf sterben. Ganz friedlich, natürlich und unspektakulär.

Viele meiner Freunde und Verwandten sind Musiker und teilweise früh an Krebs oder Alkohol gestorben, weil sie ein ziemlich exzessives Leben geführt haben. Mein Vater hat viel Zeit mit ihnen im Krankenhaus verbracht. Als ich mit 17 Jahren von zu Hause auszog, in New York als Model arbeitete, gerne feierte und häufig aus war, habe ich irgendwann realisiert, dass die Kerze bei diesem Lifestyle relativ rasch runterbrennt. Nun passe ich mehr auf mich auf. Ich bin nicht für dieses  „live fast, die young“-­Ding, das man Musikern gerne zuschreibt.

Ich beschäftige mich auch in meinen Songs mit dem Tod – aber nicht nur mit dem Tod als Ende des Lebens, sondern auch etwa mit dem Tod von Beziehungen. Das Ende der Liebe kann wie ein “kleiner Tod” sein. Ich hatte im letzten Sommer großen Liebeskummer. Ich habe Trauer und Schmerz empfunden. Es hat sich angefühlt, als wäre ein guter Freund oder Angehöriger gestorben. Aber ich habe alles überlebt.

Ich finde den Gedanken, in einem Sarg zu liegen in meiner jetzigen Lebensphase amüsant. Und habe mir mit 26 Jahren auch noch keine großen Gedanken darüber gemacht. Aber mein Sarg sollte auf jeden Fall farbig sein und meine persönlichsten Gegenstände aufbewahren. Ich habe einen kleinen Schrein in meinem Zimmer über einem Cheminée, wo viele kleine Dinge stehen, die ich auf meinen Reisen sammle. Accessoires, Souvenirs, Geschenke, Bücher. Meine Schwester lebt in London, meine Eltern in San Francisco, ich in New York. Auf dem Schrein stehen auch Sachen, die mich an sie erinnern. Die Mutter von meinem Produzenten hat mir vor einigen Monaten ein wunderschönes Kleid geschenkt. Ich trage es auf dem Foto. Es ist von der Mutter ihres Mannes – also aus den 30er-Jahren. Es ist nicht nur schön, sondern trägt auch eine Geschichte in sich. Ich trage es nur zu besonderen Anlässen, etwa für meine Geburtstag. Ich bin so verliebt in das Kleid, dass ich es gerne in meinem Grab tragen würde.

Ich möchte auch, dass an meinem Begräbnis coole Musik, vielleicht von James Brown, gespielt wird. Ich würde mir sowieso wünschen, dass die Leute an meinem Begräbnis eine Party machen. Nicht weil sie sich freuen, dass ich gegangen bin, sondern weil das Weinen und Trauern nicht in meinem Sinne ist. Die Gäste meiner Beerdigung sollten sich auf eine positive Art von mir verabschieden. Meine Familie und Freunde sollten fröhlich, nicht traurig sein, wenn sie das letzte Mal mit mir “zusammen” sind. Ich war mit einer Freundin in Japan und sie erzählte mir, wie sie dort ein Begräbnis veranstalten. Der Körper des Toten wird zuerst verbrannt, dann versammelt sich die Familie in einem Kreis um die Urne, essen Bohnen und verabschieden sich so von dem Toten. Das ist ein sehr schöner Weg. Ich hoffe auch, dass das letzte Essen vor meinem Tod ein besonders gutes sein wird. Weil ich mag gutes Essen.

Die traditionelle Totenzeremonie in der westlichen Welt macht in meinen Augen keinen Sinn mehr. Ein Priester, der dich nicht kennt, spricht über dich – das ist doch seltsam. Das sollten nur deine Freunde tun. Ich habe aber noch genug Zeit zu entscheiden, ob ich mich verbrennen lassen oder in einem Sarg begraben werden soll. Verbrennen und die Asche an meinem Lieblingsort ausstreuen ist irgendwie auch eine schöne Vorstellung. Falls ich begraben werde, sollen mein Grabstein mit einem schönen Spruch beschriftet werden. Ich würde gerne eine Familie und Kinder haben. Die sollten das tun, weil sie mich kennen. Vielleicht wird es aber auch eine Textzeile aus meinen Songs sein. Wobei das ist jetzt noch zu früh. Meine besten Songs habe ich noch nicht geschrieben.

HANNAH COHEN zog im Teenager-Alter von San Francisco nach New York und arbeitete dort als Model. Nebenbei brachte sie sich das Gitarre spielen bei. Ihr Debütalbum “Child Bride” ist bei Bella Union/Cooperative Music erschienen. 

Schweizer Zigaretten-Marke hat in Berlin schon Kultstatus18. Dezember 2012

BERLIN. In Berlin sind die Glimmstängel von Parisienne hip. Die Szene mag das Design und schätzt den tiefen Preis.

Die Deutschen stehen auf die Schweizer Zigarette Parisienne. Im August 2011 wurde sie vor allem im Grenzgebiet des grossen Kantons lanciert. Mittlerweile findet die Zigi aus dem Jura auch in Berlin immer mehr Anhänger.

«Junge, alternative Leute drehen sich ihre Zigaretten selbst – oder sie kaufen Parisienne, weil das keine grosse bekannte amerikanische Marke ist», so das Fazit von Ulas Ballikaya, dessen Laden in Berlin-Kreuzberg steht. Der Grossteil der Käufer seien Männer bis 35 Jahre.

«Wir haben Parisienne vor rund einem halben Jahr ins Sortiment genommen. Seither verkaufen wir immer mehr», erzählt Gürkun Kahyoglu. Sein 24-Stunden-Shop Leine 6 steht in Neukölln. «Ich finde den Namen der Marke sexy. Der passt zu mir. Auch die Grafik der Verpackung gefällt mir», sagt etwa Frederic Klein, Kunststudent aus Amsterdam. Dass Parisienne eine Szenemarke ist, bestätigt auch Tonislav Kostic vom Urban Kiosk im U-Bahnhof Kottbusser Tor. Seit acht Monaten bietet er die Zigaretten an. Die Nachfrage sei gross. «Besonders am Donnerstag und Samstag nach Mitternacht.»

Doch sexy Name hin, cooles Design her. Parisienne hat in den Läden Berlins noch ein anderes, unschlagbares Verkaufsargument: den Preis. Ein Päckchen kostet 4.60 Euro, rund 30 Cent weniger als die gängigen Marken. David Torcasso

Die längere Online-Version gibt es hier

Stilikone Joseph Beuys30. November 2012

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David Torcasso Die «Soziale Plastik» war der erweiterte Kunstbegriff des deutschen Jahrhundertkünstlers Joseph Beuys. Er kreierte Kunst, mit welcher er die Gesellschaft verändern wollte. Dabei beschränkte er sich nicht nur auf das materiell vorhandene Œuvre. Auch Kleidung half Beuys, seine Botschaft zu transportieren. In der Performance «Iphigenie/Titus Andronicus», die Beuys 1969 in Frankfurt zeigte, trug der Deutsche beispielsweise einen Pelzmantel. In Einklang mit einem lebenden Schimmel auf der Bühne verfestigte sich beim Betrachter das Bild des Schamanen. Sonst trug Beuys eine Art Uniform: weisses Hemd, eine Weste mit aufgesetzten Taschen, Blue Jeans, Lederstiefel und den obligatorischen Filzhut (von Stetson). Diese Kleidung schien aus seiner Aktionskunst heraus entstanden zu sein. Beuys war ein «Kunst-Konstrukteur», der einer Arbeitskleidung bedurfte.

Das sah der Künstler selbst genauso. Auf seine Garderobe angesprochen, antwortete er stets: «Das ist eine Aktionsform.» Die Uniform war Beuys’ Identität in der Öffentlichkeit – zumal er sowieso nicht zwischen privat und öffentlich unterschied. So sagte er in einem Gespräch mit Joachim Rönneper einmal: «Seit 1960 trage ich immer dasselbe (. . .) Wie eben ein Hase sich ja auch nicht dauernd umzieht (. . .) Ich erscheine also immer als diese Figur.» Zugleich waren Hut und Weste ein biografischer Hinweis auf seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Damals überlebte Beuys einen Absturz im Schneesturm nur, weil er mit Fett einbalsamiert und in Filz eingewickelt wurde. Diese Materialien prägten sein Werk. Wie viele Avantgardisten versuchte Beuys, sich eine Kleidung zuzulegen, die unabhängig von der Mode funktionierte. Das weisse Hemd als Projektionsfläche, die Jeans als Hommage an die Jugendkultur und den Hut als Schutzfunktion. Beuys’ Kleidung war als «Ikonographie im Bilde» zu deuten, wie es im Buch «Joseph Beuys – von der Kunstfigur zur Kultfigur» heisst. Der Künstler wurde zum Popstar. Selbst Kunstbanausen erkannten Beuys wegen seiner Erscheinung. Er begriff früh, dass zur Kunst die Selbstdarstellung gehört. Beuys verstand Mode als Bruch mit Konventionen, der sich in seiner Funktionskleidung manifestierte. Sein Hut wird heute als Replica auf Ebay versteigert. Der von ihm kreierte Filzanzug ist Museumsstück. Mit diesem wollte Beuys an die Phantasie des Betrachters appellieren. Er verstand ihn als Antithese zum grauen Anzug. Etwas, das Modedesigner in Erinnerung behalten sollten.

Pioniere des Brettsports24. November 2012

Sie durften mit ihren Brettern auf keinen Skilift, verkauften die ersten Boarder-Klamotten in Europa und haben alle Berge der Welt gestürmt: Fünf Männer, heute Veteranen ihres Sports, haben ihr Leben dem Snowboard gewidmet.

Text: David Torcasso Fotografie: Lorenz Richard

Benny Sacks, 45 ist im Herzen Surfer und eröffnete 1993 den Snowboardshop «Playground in Paradise» im Herzen von St.Moritz.

«Surfen ist eigentlich mein Ding – aber das kann ich dank dem Snowboard auch im Schnee», sagt Benny Sacks. Mit elf Jahren bekam er sein erstes Skateboard geschenkt, mit dem er rumkurvte. Dann verreiste er mit seinen Eltern nach Lanzarote und stand plötzlich auf einem Surfbrett. Der junge Sacks war so angefressen vom Wellenreiten, dass er in Zürich mit Freunden aus Surfbrettschaum einen Prototyp von einem Schneebrett bastelte, mit dem er versuchte, den Berg runterzufahren. Das war 1980. In diesem Sommer verkaufte er in Kilchberg Surfboards. Schliesslich kam der später bekannte Schweizer Boarder Jose Fernandez in den Laden und zeigte ihm ein Snowboard mit den Worten: «Das wird der nächste Shit.»

Sacks stellte das Snowboard neben seine Surfbretter ins Sortiment. Ein Brett mit zwei Gummischlaufen, das man mit den Wanderschuhen bestieg. So verkaufte Sacks der Wintersport-Avantgarde im Raum Zürich die ersten Snowboards. Ende der achtziger Jahre heuerte Sacks als Snowboardlehrer an. Sie seien verhasst gewesen, weil sie die Piste demolierten. «Die Leute spuckten vom Sessellift auf mich hinunter», erinnert sich Sacks. Vergebens schaute er sich dabei immer wieder nach der passenden Ausrüstung um. Bis er genug hatte: «Playground in Paradise», benannt nach dem bekannten Surferfilm, nannte Sacks seinen eigenen Laden, gleich neben dem Sessellift zum Corvatsch.

Inzwischen sind zwanzig Jahre vergangen, und Sacks ist immer noch da. Verleidet ist ihm der Laden nie. Er wohnt seit 25 Jahren in St.Moritz und hat eine Familie und zwei Kinder. Kurz hält er inne, schaut nach draussen und beobachtet die ersten Russen der Saison, die im Mercedes ins Dorf einfahren. In solchen Momenten plagt den 45-Jährigen die Sehnsucht nach dem Wellenreiten. Dann winkt er ab und meint fröhlich: «Ich kann hier ja auch jeden Tag surfen, wenn es Schnee hat.» Mit 45 Jahren fühlt er sich auf dem Brett noch gleich wie mit 20 Jahren – bis er absteigt und die Knochen spürt. Erklären kann Sacks seine Leidenschaft wie alle anderen «Brettfreaks» nicht in Worten: «Es hat mich einfach gepackt! Und ich will noch mit 80 Jahren auf dem Longboard stehen – Das ist mein Traum.»

 

Andy Tanner, 50 Chef von Alprausch und ehemaliger Besitzer des ersten Snowboard-Shops in Europa, Beach Mountain in Zürich

«Snowboarden kommt nicht vom Skifahren, sondern vom Surfen und Skaten, also vom Strand und von der Strasse», sagt Andy Tanner. So kam auch der Alprausch-Gründer auf den Geschmack: Als Teenager entdeckte er in einem Magazin ein Holzbrett mit einer Leine, mit dem man im Schnee skaten konnte. 1981 stand der damals junge Skateboarder zum ersten Mal auf so einem Teil im Schnee. (Randnotiz: Der Norweger Wolle Nyvelt baut heute wieder Snowboards, die gänzlich ohne Bindung funktionieren sollen.) Tanner sitzt in der Sonne vor dem Hauptsitz von Alprausch in Zürich-Binz. Mit seinen Vans-Schuhen und dem bunten T-Shirt wirkt Tanner alterslos. Man sieht noch immer den Skater. Nur seine Rolex-Uhr scheint nicht so recht zu passen. «Erwachsen werden will ich noch immer nicht», grinst der 50-Jährige. Und doch ist er es geworden. Schliesslich hat er ein paar Dutzend Mitarbeiter und ist für ein Unternehmen verantwortlich. Nennt man heute seinen Namen in der Snowboardszene, nicken alle anerkennend.

Tanner und Jose Fernandez waren die ersten Europäer, die in Nordamerika Rennen gefahren sind. Tanner wurde in den frühen achtziger Jahren Vize-Europameister. Mit 21 Jahren nahm der damaliger Bankangestellte ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub und fuhr nur noch Snowboardrennen. Danach war für ihn klar: «Ich möchte nie mehr in mein altes Leben zurück.» 1985 eröffnete Tanner den Beach Mountain in Zürich, den ersten Snowboard-Shop in Europa. Zur richtigen Zeit: Die Welle mit den Schneebrettern schwappte nach Europa. Jeder wollte die passenden Klamotten und die besten Boards besitzen. Durch die Wettkämpfe in den USA hatte er gute Kontakte und kam an die coolsten Teile ran. Tanner gestikuliert: «Das Snowboard war etwas, auf das sich alle stürzten.» Die Leute rannten ihm die Bude ein. «Ich habe für das Snowboarden gelebt. Sobald die erste Schneeflocke auf einen Gletscher fiel, zogen wir los», erinnert sich Andy Tanner. Tanner und seine Clique gingen jeden zweiten Abend die Rigi-Bahn hoch und fuhren bis ein Uhr nachts, erwischten knapp den letzten Zug. Heute blickt der Routinier etwas wehmütig auf die Anfänge zurück. «Wir mussten viel geben, um diesen Spass zu leben. Wir konnten es nicht einfach kaufen. Heute wird nur noch konsumiert.» Trotz allem zollt Tanner der heutigen Weltspitze Respekt: «Was die Profis heute machen, ist Akrobatik, Kunsturnen im Schnee. Es sind nicht mehr 540-Drehungen, sondern es muss mindestens eine 1280-Drehung sein!»

Vor elf Jahren hat Tanner seinen Laden verkauft und das Label Alprausch gegründet. Der Name spricht für sich: «Der Rausch, wenn du einen Hang runterfährst.» Seine Angestellten wählt der Mann, der noch immer den rebellischen Geist des Boarders lebt, nicht nach Jobtiteln aus. Lieber stellt er die Frage: «Warst du schon mal in der Nacht Plakate kleben?»

 

Michi Albin, 36 zehn Jahre lang Pro-Rider bei Burton, arbeitet heute im Marketing eines Ärztezentrums.

Michi Albin war als einer der ersten Schweizer Pro-Rider bei Burton und ist auf fast allen Bergen der Welt gefahren. Mit zwölf Jahren begann der in Pontresina geborene Michi Albin mit Snowboarden. In seinem Dorf hatte es schon zwei Profis. Albin wusste gleich, «So möchte ich auch werden.» Die Eltern staunten nicht schlecht, als er zwei Wochen nach Weihnachten die neuen Skis stehen liess und ein Snowboard wollte. «Es hat mich einfach gepackt. Snowboarden war anders als andere Sportarten, und alle Fahrer verschmolzen zu einer Familie.» Dann wuchs die Industrie. Snowboarden wurde Mittelpunkt bei den Olympischen Spielen. Innert fünf Jahren explodierte es richtig, erinnert sich Albin. Andere Pro-Rider wie Iker Fernandez attestieren Albin einen «sehr spontanen und mutigen» Fahrstil. Und er sei seiner Zeit voraus gewesen: Bereits Mitte der neunziger Jahre bot Albin spektakuläre 900-Drehungen in seinen Filmen.

Sein Geheimnis: «Beim Snowboarden muss man den Berg lesen können», sagt Albin. «Es ist nicht so, dass du einfach spontan den Hang runterfährst. Ich machte Polaroid-Fotos vom Hang, um zu wissen, wo ich durchfahren muss, um nicht zu Tode zu stürzen.» Heute sagt Albin: «Freeriden ist immer noch die Königsklasse, auch wenn ein hoher Kicker cool zum Springen ist.» Zwei Jahre nach seinem Début wurde Albin bereits von Burton gesponsert. 1994 gewann er in Laax. Das brachte ihn zum internationalen Burton-Team. Von da an war er nur noch am Reisen und Snowboardfahren.
Michi Albin erlebte die Blütezeit des Snowboardens: «Ich verdiente gut, durfte selber wählen, wohin ich reisen wollte, und meine Freunde waren immer dabei. Ich führte tatsächlich ein Rockstar-Leben.» Albin lebte fast zwei Dekaden vom Snowboarden. Sechs Jahre führte Albin auch sein eigenes Label – Albin Snowboards. Bis 2001 hatte er noch ein Pro Model bei Burton. Das letzte leuchtete fluoreszierend in der Nacht. Im Winter fuhr Albin als Pro viele Wettkämpfe und Big Airs – und drehte Filme für seine Sponsoren.

Jetzt sitzt Albin in einem Restaurant am Hauptbahnhof Zürich. Er sieht noch immer jung aus. Nach seiner Pro-Karriere sei er zuerst ratlos gewesen: «Ich führte lange ein Leben abseits der Realität und hatte grosse Angst vor einem 08/15-Job», räumt er ein. Jetzt macht Albin Marketing für ein Ärztezentrum, das bald eröffnet. Der Job gefalle ihm, aber die ersten zwei Wochen sei er nur am Schwitzen gewesen: «Mein Körper rebellierte, weil ich den ganzen Tag lang am Bürotisch hockte.»

 

Marco Nussbaum, 56 stand vielleicht als erster Tessiner auf einem Skateboard und ist heute Trainer, Skibauer und Hausmann.

Früher war der Ski der Mittelpunkt von Marco Nussbaums Leben. Der gebürtige Tessiner hat in den siebziger Jahren Skiakrobatik betrieben und im Swisscup gewonnen. 1975 fuhr er als Grafikstudent in Lugano bereits mit einem Skateboard zur Vorlesung. Vielleicht als erster Tessiner überhaupt. Der Schritt zum Snowboard war für Nussbaum also nur logisch. Anfang der achtziger Jahre arbeitete Marco Nussbaum in St.Moritz als Skilehrer. Zu dieser Zeit kam auch Snowboard-Legende Tom Sims für einen Film um das Modelabel Willy Bogner in die Alpenmetropole. Am nächsten Tag ging Nussbaum in ein Sportgeschäft und sah ein Wellenbrett für den Schnee. Die Amerikaner hatten eins dagelassen. Der Verkäufer meinte nur: «Dieses Berg-Surfbrett funktioniert nicht. Niemand kann es fahren.» Nussbaum schnappte sich das Holzteil und fuhr den Corvatsch hinunter. Sein Kumpel machte Fotos. «Ich habe dreissig Diafotos von dieser Tour. Das war einer der schönsten Tage in meinem Leben», erzählt er im Garten seines Hauses am Lago Maggiore.

Das Haus, in dem Nussbaum mit seiner Frau und den Kindern wohnt, fällt auf mit den riesigen Fenstern, die auf den See hinaus ragen. Seine Frau ist Architektin. Sein Reich ist die kleine Hütte, wo Nussbaum sein erstes Snowboard aufgehängt hat. Mit den heutigen Modellen hat es nichts gemeinsam. Es heisst «Burton Backhill». Warum er damals mit Snowboarden angefangen habe? Nussbaum lacht: «Wenn sich die Leute aufregen, und das war am Anfang bei den Snowboardern so, heisst das für mich, dass es etwas Gutes ist.» Weil er den Skiliftwart in St. Moritz kannte, durfte Nussbaum damals mit dem Board auf den Lift. Die anderen Wintersportler beschimpften ihn als «Freak». Für hundert Franken hat er das Board schliesslich gekauft und ist zwei Saisons lang damit gefahren. «Ich war der King in St. Moritz», lacht Nussbaum. Dann brachte ihm ein Freund ein richtiges Brett aus den USA mit. «Man konnte damit nur Tiefschnee fahren. Die wahre Philosophie», erzählt Nussbaum. Die Snowboard-Szene der Face­book-Generation beurteilt Nussbaum heute kritisch: «Anstatt dem leisen Rieseln der Kristalle bei der Landung zu lauschen, brettern die heutigen Kids Metallgeländer hinunter.» Ins Italienische wechselnd sagt er: «Die magische Ruhe der Natur hören sie nicht mehr, weil sie sich so pushen und nur noch auf Tricks konzentrieren.»

 

Marco Bruni, 43 ehemaliger Snowboard- Nationaltrainer und Trainer von Iouri Podladtchikov.

Marco Bruni stand mit 16 Jahren zum ersten Mal auf einem «Snowboard». Das war 1985. «Zu dieser Zeit war es uns verboten, den Skilift zu benutzen», erzählt der ehemalige Trainer der Schweizer Snowboard-Nationalmannschaft. Das hielt Bruni nicht davon ab, bereits am dritten Tag einen Backflip, also einen Rückwartssalto, zu stehen. Die meiste Zeit sei er jedoch mit dem Brett unter dem Arm den Hang hochgekraxelt.Bruni stand zwar wie viele Schweizer zuerst auf Skis, ist aber als Jugendlicher Skateboard gefahren und hat in seinem Heimatdorf am Zürichsee Windsurfing be­trieben. «Ich habe damals eine KV-Lehre absolviert. An jedem Wochenende stand ich auf dem Brett und brach aus dem Alltag aus. Snowboarden war und ist für mich Freiheit pur», sagt der 43-Jährige. Kaum volljährig, verbrachte Bruni ein Jahr auf Hawaii zum Surfen. Bis er die Berge vermisste.

Obwohl er ein Vorreiter war hat es Bruni nicht zu einer Profikarriere gereicht. Bereut hat er dies nie. «Ein Freund stellt mich immer als ‹almost Pro› vor», lacht Bruni. Er sei nie der Wettkampftyp gewesen. Mit 21 Jahren wohnte er in den Bergen lernte seine jetzige Frau kennen und schwebte auf Wolke Sieben. Seine Erfahrungen gibt er nun weiter. Bruni trainiert den bekanntesten Snowboarder der Schweiz: Iouri Podladtchikov. Sein Schützling gehört zu den besten Fahrern der Welt. «Iouri hat neben seinem Riesentalent die Konsequenz und den Ehrgeiz, ein Profi zu sein», erklärt Bruni. Er habe sein Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. «Ich kann Iouri keine Tricks zeigen, die kann er eh besser. Aber ich kann ihm helfen, seine Ziele zu verfolgen.» Die Energie des 24-Jährigen strahle auch auf ihn selbst ab, sagt Bruni. «Ich arbeite gerne mit Jungen zusammen und versuche, ihnen meine Erfahrung von den ersten Tagen dieses Sports weiterzugeben.»

Bis im Frühling war Bruni zehn Jahre lang Nationaltrainer der Schweizer Snowboardmannschaft. Sein Fazit: «Das Niveau ist im Vergleich zu 1986 enorm gestiegen. Was auf der Playstation ein Spiel war, ist heute Realität geworden.» Inzwischen ist er von Zürich ins Tessin gezogen, wo er ein eigenes Haus hat und als Manager von jungen Athleten nach neuen Talenten Ausschau hält. Auf der Rückreise von Neuseeland im vergangenen Oktober stoppt er nach zwanzig Jahren auch wieder auf Hawaii und bringt das, was ein Brett in ihm erzeugen kann, auf den Punkt: «Das Gefühl bei einem Backflip oder in der perfekten Welle kann man nicht beschreiben. Man will es einfach immer wiederhaben.» 

 

Löwenbräu Areal Zürich: Galerien & Aktuelle Ausstellungen

Zürich hat mit dem Löwenbräu Areal ein neues Kunstzentrum. Eine Tour durch die interessantesten Galerien und aktuellen Ausstellungen mit Amelie Schüle von der Galerie Hauser & Wirth.

Eine Tour mit einer Kunstexpertin durch das Löwenbräu Areal

Die 23-jährige Amelie Schüle arbeitet bei der renommierten Schweizer Galerie Hauser & Wirth, die auf dem Löwenbräu-Areal einen neuen Standort eröffnet haben. Begeistert erzählt sie von der Architektur des neuen Kunstzentrum, die unter der Regie des bekannten Schweizer Architekturbüros Gigon/Guyer entstanden ist. Jene Architekten, die das höchste Gebäude der Schweiz gleich um die Ecke von Löwenbräu erbaut haben. Die Vereinigung von altem Backstein und weissem Beton auf dem Löwenbräu-Areal soll den Aufbruch der Zürcher Kunstszene hinaus in die Welt signalisieren. Traditionelle Institutionen wie die Kunsthalle Zürich treffen hier auf kommerzielle Galerien – was einmalig in Europa sein will. “Nur die Beschriftung ist etwas verwirrend. Viele Besucher fragen uns am Front Desk, wo sich welche Galerie befindet“, meint Amelie.

Kunsthalle Zürich

Unsere erster Station ist dann auch gleich keine Galerie, sondern die Kunsthalle Zürich. Eine der wichtigsten Schweizer Kunstinstitution zeigt seit der Eröffnung eine Ausstellung von Wolfgang Tillmans. Seit dessen letzten Ausstellung in der Kunsthalle Zürich vor einigen Jahren, ist sein Name weltweit ein Begriff geworden. Die Direktorin der Kunsthalle schätzt sich glücklich, gleich zu Beginn mit einem solchen Künstler Besucher anlocken zu dürfen. Denn, obwohl es zur Eröffnung des Löwenbräu Areals Gratulationen aus der ganzen Welt regnete, wird es noch eine Weile brauchen, bis sich der Ort unter den Kunstfreunden und Sammlern herumgesprochen hat. Auch die Stadt Zürich ist zwar als Umschlagplatz für Kunst bekannt, nicht zuletzt wegen der potenten Käuferschaft, hat aber natürlich nicht die Strahlenkraft von Berlin oder New York.

 

Galerie Bob von Orsouw

Einen Stock unter der Kunsthalle befindet sich die Galerie Bob von Orsouw, ein Urgestein der Privatgaleristen in der Schweiz. Er vertritt Künstler wie Shirana Shabazi oder Paul Morrison. Aktuell zeigt von Orsouw im Areal Arbeiten von Ann Veronica Janssens, Werner Feiersinger, Gabriel Kuri und Navid Nuur. Die Präsenz seiner Galerie ist gelungen: Hinten gibt es ein modernes Büro, wo man auf dem Sofa bei einem Kaffee über Kunst und deren Kauf ungestört reden kann.

Galerie Eva Presenhuber

Auch die Galerie Eva Presenhuber ist in das Löwenbräu-Areal gezogen. Die Galeristin hat sich nicht nur in der Schweizer Kunstszene einen Namen gemacht und überrascht immer wieder mit spannenden Künstlern. So auch mit der Ausstellung Bent Paintings /Why Horses Paint des amerikanischen Künstlers Alex Hubbard. Mit seiner ersten Solo-Ausstellung in der Galerie will der New Yorker Künstler die Konventionen der klassischen Malerei mit einem skulpturalen Charakter brechen. Nicht fehlen darf hier auch eine Kunstbuchhandlung – die gibt es auch im Löwenbräu-Areal mit dem passenden Namen Kunstgriff. Eine reichhaltige Sammlung von Bildbänden und Ausstellungsbücher der wichtigsten Künstler, darunter auch zahlreiche Schweizer, findet sich hier.

Für den Kaffee zwischendurch

Wer sich nach dem Betrachten der Kunst einen Kaffee gönnen möchte, sucht im Areal jedoch vergebens. Abhilfe gegen den Durst schafft die nahe gelegene Markthalle in den Viaduktbögen. Ein Besuch in dem modernisierten Eisenbahnviadukt, wo seit rund zwei Jahren zahlreiche Shops um urbane Käuferschaft buhlt, lohnt sich alleweil: Die grosse Markthalle bietet frische Erzeugnisse aus der Region – und eben guten Kaffee, die kleinen Läden eine tolle Auswahl an Kleidung und Design. Ganz nach dem Gusto der Kunstfreunde.

Junge Galerien auf dem Löwenbräu Gelände

Zurück im neuen Leuchtturm der Kunststadt Zürich: Das Areal hat eine private und öffentliche Trägerschaft. Doch nicht nur Galerien, die international in der Topliga spielen, sind hier untergebracht. Zu den jüngeren Galerien gehört Freymond Guth Fine Arts. Galerist Jean Claude Freymond-Guth zieht nach knapp drei Monaten Eröffnung eine positives Bilanz:

Wir haben hier eine interessierte Laufkundschaft, die unsere Künstler entdecken können.

Vorher war seine Galerie im belebten Langstrassenquartier stationiert. Wer in die Galerie kam, kam nicht zufällig vorbei, sondern musste davon wissen. Heute ist das anders:

Es braucht noch etwas Zeit, bis sich das Löwenbräu etabliert hat. Aber ich spüre schon jetzt, wie täglich mehr Kunstinteressierte und eben auch Käufer bei uns vorbeikommen,

sagt Freymond-Guth. Er zeigt seit einer Woche die Werke von der in Zürich lebenden italienischen Künstlerin Loredana Sperini. Mit ihrer ersten Soloshow tra di noi zeigt sie verschiedenste Materialien wie durchlässigen Wachs und hermetischen Zement und wechselt zwischen kühlem Metall und weichem Holz.

Hauser & Wirth

Im Erdgeschoss des Areals führt uns Amelie Schüle schliesslich in „ihre“ Galerie: Hauser & Wirth. Eine der bekanntesten Galerien der Welt und die mit Abstand grösste Schweizer Ursprung. Die 1992 von Iwan Wirth und Manuela Hauser gegründete Galerie hat Niederlassungen in Zürich, London und New York und vertritt namhafte Künstler wie Roman Signer, Dan Graham, Paul McCarthy oder Pipilotti Rist sowie den vor zwei Jahren verstorbenen deutschen Künstler von Weltrang – Christoph Schlingensief.
Hauser & Wirth beansprucht für sich auch die grösste Fläche der Galerien auf dem Löwenbräu-Areal. Neben der öffentlich zugänglichen Ausstellung gibt es noch einen Raum für Sammler, den man auf Anfrage besuchen kann. Die aktuelle Ausstellung zeigt den chinesischen Künstler Zhang Enli. Dieser hat sich mit dem Malen von Alltagsobjekten wie Röhren, Schläuche oder Kabeln einen Namen gemacht. Bereits bei der Vernissage seien einige Werke verkauft worden. „Enli schafft es, scheinbar triviale Gegenstände in faszinierende Sujets zu verwandeln“, erklärt Amelie Schüle.

Die Museen ziehen Leute an, aber die Ausstellungen der Galerien sind fast noch spannender. Manchmal kommen weit mehr als hundert Besucher pro Tag in die Galerie.

Amelie bringt damit das Spezielle und eben auch die Faszination des Löwenbräu-Areals als Kunstzentrum auf den Punkt: „Die Mischung aus Museen und Galerien ist einmalig“, sagt sie. Die Leute hätten im Vergleich zu früher keine Hemmungen mehr, die Türen einer Galerie zu öffnen und sich die Werke anzuschauen.

Die Galerien sind dank der grosszügigen Architektur für jeden zugänglich und sind somit auch kleine Museen.

http://www.artberlin.de/galerien-berlin/loewenbraeu-areal-zuerich-galerien/

Löwenbräu-Areal: Aufbruch in der Kunststadt Zürich23. November 2012

Seit drei Monaten ist das neue Löwenbräu-Kunstareal in Zürich geöffnet. Galerien und Kunstmuseen sind hier Tür an Tür. Die grösste Schweizer Stadt erhofft sich mit dem neuen Zentrum für Gegenwartskunst weltweit mehr Bekanntheit zu erlangen.

Löwenbräu Areal: Erst kamen Kunst und Museen dann die Stadt Zürich

Löwenbräu kennt man in der Schweiz seit Jahrzehnten für Biergenuss – seit den 1990er-Jahren aber in ausgewählten Kreisen auch für zeitgenössische Kunst. Bereits Mitte der Achtziger Jahren hatten die KUNSTHALLE ZÜRICH und das MIGROS MUSEUM FÜR GEGENWARTSKUNST sowie private Galerien das brachliegende Gelände der ehemaligen Bierbrauerei Löwenbräu als Standort gewählt.

Das Areal mit den markanten, roten Backsteinen passte zur Kunst. Doch der Besitzer des Areals wechselte während der Jahre andauernd. Schliesslich baten die Kunstschaffenden die Stadt Zürich um Unterstützung. Im November 2005 schliesslich setzte Zürichs Stadtregierung einen Gestaltungsplan für das Areal auf und bekundete ihre Unterstützung für das Kunstzentrum. Der Gestaltungsplan geriet in die Poliktikmühle und es dauerte bis im Mai 2011, bis die Stadt in die Löwenbräu Kunst AG einstieg. Nun ist die Stadt stolz auf ihr Engagement. Die Stadtregierung möchte mit dem Löwenbräu-Areal den Ruf von Zürich als Kulturstadt in Europa stärken und sich als attraktiver Standort für die Kunst- und Kreativschaffenden weiter etablieren.

 

Seit 2012 häufen sich die Eröffnungen auf dem Löwenbräu Kunstgelände

Das markante Hochhaus im boomenden Stadtteil Zürich-West ist heute noch eine Baustelle. Das eigentliche Kunstareal seit Ende August fertig – das Migros Museum für Gegenwartskunst eröffnete am 16. November 2012. Drinnen tummeln sich an diesem Samstagnachmittag ein paar Dutzend Besucher und Kunstinteressierte. Englisch und italienische Wortfetzen sind zu hören. Junge Leute mit farbigen Sneakers und Ältere mit Seidenfoulards reichen sie die Türklinken in die Hand. Seit dem 31. August will Zürich mit dem Löwenbräu-Areal ein Magnet auf dem internationalen Kunstparkett werden: Neben den beiden Kunstmuseen Kunsthalle Zürich und Migros Museum lockte das Areal und sein Versprechen auf internationale Klientel auch wieder eine Hand voll Galerien in den architektonisch einzigartigen Bau.

 

Züricher Galerien auf dem Löwenbräu Areal

Unter den Galerien sind weltbekannte wie HAUSER & WIRTH, aber auch Schweizer Kunsthändler wie Bob von Oursouw oder die namhafte Zürcher Galerie Eva Presshuber. Doch das Löwenbräu soll nicht nur grossen Namen vorbehalten sein. So findet sich im Erdgeschoss auch die Galerie Freymond-Guth, dessen Besitzer Jean Claude Freymond-Guth noch relativ neu in der Branche ist. Ein Augenschein vor Ort.

Wir treffen auf die 23-jährige Amelie Schüle, die bei Hauser & Wirth arbeitet. Sie uns mit auf einen charmant geführten Rundgang durch die Galerien auf dem Löwenbräu Gelände. Wen wir hier getroffen haben und welche Galerien man sich unbedingt ansehen sollte, gibt es morgen an dieser Stelle zu lesen.

Text & Fotos: David Torcasso

http://www.artberlin.de/loewenbraeu-areal-zuerich/

Die Glücklichmacher16. November 2012

„The Germans“ sucht nach dem Selbstverständnis der jungen Deutschen  

Seit einigen Tagen liegt am Kiosk ein neues Heft namens „The Germans“. Es ist keine Sonderausgabe, die versucht, das Selbstverständnis der wirtschaftlich bestimmenden Nation in Europa zu ergründen, wie sie der britische „Guar- dian“ unter dem Titel „The accidental empire“ herausgab. Das Heft in einer Premierenauflage von 50 000 Exemplaren ist auch kein Leitfaden für Expatriates und andere Zuwanderer in Berlin.

Das Titelbild zeigt einen nackten, bärtigen Mann im seichten Wasser liegend und ein auf seiner Brust herumturnendes Kind. Wie Otto, der eineinhalbjährige Sohn der Chefredakteurin und Gründerin von „The Germans“, Nicole Zepter. Otto wippt in einem Café in Berlin-Mitte auf dem Schoß seiner Mutter auf und ab. Zepter war zuvor Chefredakteurin des Stadtmagazins „Prinz“. Die Leser von „The Germans“ begrüßt sie mit den Worten: „Willkommen in einer neuen Welt.“

Gemeint ist die Welt der 18- bis 35-Jährigen. Zepter sagt, sie möchte dieser Generation eine Stimme geben, die in den großen Meinungsblättern Deutschlands zu wenig Gehör finde. „Wir sehen uns als Alternative zu den etablierten Medien, ohne alternativ zu sein.“ Dabei kann es ja durchaus als alternativ gelten, im Zeitalter der Blogs ein gedrucktes Magazin he- rauszugeben. So richtet sich „The Germans“, das 4,80 Euro am Kiosk kostet und zehn Mal im Jahr erscheinen soll, auch an jene Digitalmüden, die sich auf lange Lesestücke einlassen wollen. „Gut leben statt viel haben, ist die neue Devise der Überflussgesellschaft“, meint der Demokratieforscher Wolfgang Gründinger im Leitartikel. Unter dem Titel „Aufbruch in eine neue Zeit“ beschreibt Grün- dinger, dass sich seine Generation mit einem Bruch konfrontiert sieht und reflektiert über Familienglück, Engagement für ein Ehrenamt und bewusstes Leben.

Die Herausforderung für das Magazin mit dem Claim „Meinung, Zeitgeist, Hintergrund“ wird sein, eine Lücke zwischen den zahlreichen anderen Heften für die „Urban Creative Group“, wie Zepter ihre Leser nennt, zu finden. Diese Gruppe ist im deutschsprachigen Raum mit Lese- stoff und Magazinen überladen. Auch Ta- geszeitungen versuchen der Dauerberie- selung durch reine Nachrichten auf dem Smartphone mit Hintergrund zu begegnen. Auch Zeitschriften wie „Neon“ haben den Anspruch, sich gesellschaftspolitisch zu äußern. In den Nullerjahren führte der Drang, eine alternative Stimme zu etablieren, zu Neugründungen wie „Dummy“, „Monopol“ und „Cicero“. „Wir wollen und dürfen Stellung beziehen, wenn auch nicht in eine politische Richtung“, sagt Zepter. Tatsächlich argumentiert Autor David Iselin durchaus schlüssig, warum sich männliche Manager zunehmend „pöbelnd“ verhalten: Sie sind dauererschöpft und eingeschüchtert durch neue weibliche Konkurrenz.

„The Germans“ schreibt aus nationaler Perspektive, die sich zur globalen Welt öffnet. Das setzt eine Souveränität im Umgang mit dem Deutsch-Sein voraus. Das Magazin will zeigen, dass sich in ei- ner globalisierten Welt auch in Deutsch- land die Dinge verändern: Familie, Arbeit, Bildung, Internet, das sind die Schlagworte um die das Heft kreist. „,The Germans’ spiegelt ein neues Selbstverständnis, das unsere Leser längst haben“, glaubt Zepter. Dazu gehört die Einsicht, dass in Deutschland nicht nur gute Ingenieure, sondern hervorragende Musiker, Stadtplaner, Designer und Wissenschaftler leben.

Zum Auftakt präsentiert „The Germans“ unter dem Titel „Was jetzt glücklich macht“ 25 Ideen aus Deutschland, darunter ein alternatives Energie- versorgungsmodell aus Berlin. Die stilprägende Hauptstadt darf nicht fehlen, schließlich „hat Berlin uns ein neues Selbstbewusstsein gegeben“, wie Zepter schreibt. Schöne Kleider, der luxuriöse Lieblingssessel für zu Hause gehören auch zu den 25 Dingen für die Zukunft.

Politik, Meinung und Debatte als Lifestyle neben Bio-Konsum und Mode. „The Germans“ ist ein mit Politik garniertes Stilmagazin. „Es ist für mich selbstver- ständlich, dass Politik, Mode und Kultur mit gleichem Ernst besprochen werden“, sagt Zepter. Dem ersten Heft gelingt die- ser Spagat, dank nicht zu gefälliger Mei- nungstexte und gehaltvoller Erzählun- gen, wie jene der in Paris lebenden Deutsch-Iranerin Jina Khayyer, die ihre Verwandten in Teheran besuchte und auf „The Germans“ elf Seiten lang anregend nah davon berichtet. „Der Titel ist“, so Zepter, „ein Synonym für die Deutschen in einer globalisierten Welt“. Entspannt und souverän treiben sie in dieser Welt herum, ganz wie der Mann auf dem Titelblatt. Spätestens wieder am 17. Dezember.

Wohlsituierte, verträumte Weltläufigkeit8. November 2012

Noch ein Magazin für Großstadt-Bohemiens: “The Germans” will die Stimme derer sein, die in Deutschland leben, aber europäisch denken. Das könnte dem Heft sogar gelingen.

Von David Torcasso

Seit einigen Tagen liegt am Kiosk ein neues Heft namens The Germans. Es ist keine Sonderausgabe, die versucht das Selbstverständnis der zurzeit wirtschaftlich bestimmenden Nation in Europa zu ergründen, wie sie der britische Guardian unter dem Titel The accidental empire kürzlich herausgab. Das Heft ist auch kein Leitfaden für Expatriates und andere Zuwanderer in Berlin. Das Titelbild zeigt einen nackten, bärtigen Mann im seichten Wasser liegend und ein auf seiner Brust herumturnendes Kind.

Wie Otto, der eineinhalbjährige Sohn der Chefredakteurin und Gründerin von The Germans, Nicole Zepter. Otto wippt in einem Café in Berlin Mitte auf dem Schoß seiner Mutter auf und ab. Zepter war zuvor Chefredakteurin des Stadtmagazins Prinz. Die Leser von The Germans begrüßt sie mit den Worten: Willkommen in einer neuen Welt.

Gemeint ist damit die Welt der 18- bis 35-Jährigen. Zepter sagt, sie möchte dieser – ihrer – Generation, eine Stimme geben, die in den großen Meinungsblättern Deutschlands zu wenig Gehör finde. “Wir sehen uns als Alternative zu den etablierten Medien, ohne alternativ zu sein”, sagt die Chefredakteurin.

Der Nachrichtenflut mit Meinung begegnen

Dabei kann es ja durchaus als alternativ gelten, im Zeitalter der Blogs ein gedrucktes Magazin herauszugeben. So richtet sich The Germans auch an jene Digitalmüden, die gern wieder zu Stricknadel und Nähmaschine greifen und sich auf lange Lesestücke einlassen wollen. “Gut leben, statt viel haben, ist die neue Devise der Überflussgesellschaft”, schreibt derDemokratieforscher Wolfgang Gründinger in seinem Leitartikel. Unter dem Titel “Aufbruch in eine neue Zeit” beschreibt Gründinger, dass sich seine Generation mit einem Bruch konfrontiert sieht, und reflektiert über Familienglück, Engagement für ein Ehrenamt, Sparen und bewusstes Leben. Alles gute Denkanstöße, die man aber auch beim Essen mit Freunden schon einmal diskutiert hat.

Die Herausforderung für das Magazin mit dem Claim “Meinung, Zeitgeist, Hintergrund” wird sein, eine Lücke zwischen den zahlreichen anderen Heften für die “Urban Creative Group“, wie Zepter ihre Leser nennt, zu finden. Denn diese Gruppe ist im deutschsprachigen Raum mit Lesestoff und Magazinen überladen. Auch Tageszeitungen versuchen der Dauerberieselung durch reine Nachrichten auf dem Smartphone mit Hintergrund und Meinung zu begegnen. Auch Zeitschriften wie Neon haben den Anspruch, sich gesellschaftspolitisch zu äußern.

In den Nullerjahren führte der Drang, eine alternative Stimme zu etablieren, zu Neugründungen wie DummyMonopol und Cicero. Vor zwanzig Jahren kam das Lifestyle-MagazinTempo, das aber bereits im Namen das Lebensgefühl der damaligen Generation benannte, das vor Hedonismus nur so strotzte.

Eine von 25 Ideen für die Zukunft: Ein Abend mit dem Tänzer Marian Walter im Berliner Staatsballett

Eine von 25 Ideen für die Zukunft: Ein Abend mit dem Tänzer Marian Walter im Berliner Staatsballett

“Wir wollen und dürfen Stellung beziehen, wenn auch nicht in eine politische Richtung”, drückt Zepter etwas schwammig den Anspruch ihres Heftes aus. Tatsächlich argumentiert Autor David Iselin durchaus schlüssig, warum sich männliche Manager zunehmend “pöbelnd” verhalten: Sie sind dauererschöpft und eingeschüchtert durch neue, weibliche Konkurrenz. Pointiert nimmt das Magazin auch Stellung zum Thema Demokratie. Wer in China das Modell der Zukunft vermutet, liegt falsch, vielmehr erwartet uns der Aufstand der Jungen, die in lokalen Occupy-Bewegungen ihr Mitspracherecht einfordern werden.

Die Deutschen in einer globalisierten Welt

The Germans schreibt aus nationaler Perspektive, die sich zur globalen Welt öffnet. Das setzt eine Souveränität im Umgang mit dem Deutsch-Sein voraus, die man so bisher nicht kannte. Das Magazin will zeigen, dass sich in einer globalisierten Welt auch in Deutschland die Dinge verändern: FamilieArbeitBildungInternet, das sind die Schlagworte um die das Heft kreist. “The Germans spiegelt ein neues Selbstverständnis, das unsere Leser längst haben”, glaubt Zepter.

Dazu gehört die Einsicht, dass in Deutschland nicht nur gute Ingenieure, sondern hervorragende und durchaus eigenwillige Musiker, Stadtplaner, Designer und Wissenschaftler leben. Und die Überzeugung, dass hier alle zu Europa gehören und, dass die segregierte Überflussgesellschaft eine neue Gemeinschaftsform finden muss.

Zum Auftakt präsentiert The Germans unter dem Titel “Was jetzt glücklich macht” 25 Ideen aus Deutschland, darunter ist auch ein alternatives Energieversorgungsmodell aus Berlin. Die stilprägende Hauptstadt darf nicht fehlen, schließlich “hat Berlin uns ein neues Selbstbewusstsein gegeben”, wie Zepter im Editorial schreibt. Schöne Kleider, ein Café mit Seele oder der luxuriöse Lieblingssessel für zu Hause gehören ebenfalls zu den 25 Dingen für die Zukunft.

Politik, Meinung und Debatte als Lifestyle neben Bio-Konsum und ModeThe Germans ist ein mit Politik garniertes Stilmagazin, ein Argumentationswerkzeug für den Abend im Bio-Regio-Restaurant. “Es ist für mich selbstverständlich, dass Politik, Mode und Kultur mit gleichem Ernst besprochen werden”, sagt Zepter. Dem ersten Heft gelingt dieser Spagat, dank nicht zu gefälliger Meinungstexte und gehaltvoller Erzählungen, wie jene der in Paris lebenden Deutsch-Iranerin Jina Khayyer, die ihre Verwandten in Teheran besuchte und elf Seiten lang anregend nah davon berichtet.

The Germans soll eben auch das Selbstverständnis zeigen, dass Deutsche international und selbstbewusst auftreten dürfen und können im 21. Jahrhundert. Der Titel ist, so Zepter, “ein Synonym für die Deutschen in einer globalisierten Welt.” Entspannt und souverän treiben sie in dieser Welt herum, ganz wie der Mann auf dem Titelblatt.

QUELLE: ZEIT ONLINE

ADRESSE: http://www.zeit.de/lebensart/2012-11/magazin-the-germans

Stilikone Sophie Taeuber-Arp2. November 2012

STILIKONE N° 49

Sophie Taeuber-Arp (*1889 Davos, †1943 Zürich)

David Torcasso Jeder Schweizer kennt Sophie Taeuber-Arp – schliesslich ziert sie, eine der vielseitigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, seit 1995 die Fünfzigfrankennote. Bekannt wurde die Künstlerin, die ihr ganzes Leben nie mit viel Geld gesegnet war, erst nach ihrem tragischen Tod. 1943 starb sie auf rätselhafte Weise im Hause des befreundeten Künstlers Max Bill in Zürich an einer Kohlenmonoxidvergiftung.

Das Bild auf der Schweizer Banknote zeigt Taeuber-Arp mit schwarzem Hut als ernst dreinblickende Wegbereiterin der Moderne. Dabei war die Tochter eines westpreussischen Apothekers und einer Appenzeller Künstlerin durchaus eine Frohnatur. Auch die Mode hatte es ihr angetan: Die Künstlerin liess sich gerne mit einem herzlichen Lachen und in verspielten Looks fotografieren. Die Kleider entwarf sie selbst, wenn sie nicht Kreationen von Freunden wie Sonia Delaunay trug. Ihr Handwerk hat Taeuber-Arp an der Textilabteilung der Gewerbeschule St. Gallen gelernt.

Die überzeugte Dadaistin liess sich wohl auch von Max Ernst inspirieren. Dieser proklamierte 1919: Fiat modes, per-eat ars (es lebe die Mode, nieder mit der Kunst). Die Mode diente zur Untermauerung der dadaistischen Antikunst. Sophie Taeuber-Arp brachte ihre oft ungegenständlichen Bilder durch Kleider auf eine figürliche, greifbare Ebene. Taeuber-Arp inszenierte zudem spektakuläre Puppen für das Spiel «König Hirsch» oder kreierte in Strassburg einen Vergnü- gungstempel. Ausserdem entwarf das Multitalent auch Handtaschen, Seidenschals, Hocker und Stoffe mit geometrischen Figuren, die teilweise an Tiermotive erinnerten.

Sophie Taeuber-Arp war also – nach heutigem Verständnis – auch eine Modedesignerin. 1913 fertigte sie einen Anzug, der aus einem bunten Patchwork bestand. Sie spielte immer wieder mit Verkleidung und dem Wechsel der Identitäten. Taeuber-Arp war von der Mode zeitweise so angetan, dass sie mit der Modezeitschrift «Marie-Claire» kooperierte. Daneben suchte sie die Nähe zu dem damals berühmten französischen Modeschöpfer Paul Poiret. Ein kühner Wurf war auch Taeuber-Arps Hopi-Indianer-Kostüm, das sie 1922 aus Filz und bunten Stofffetzen nähte und welches sich heute im Besitz des Aargauer Kunsthauses befindet. Wer sich das Kleid anschaut, entdeckt verblüffende Parallelen zur aktuellen Mode: Sophie Taeuber-Arp kreierte schon Ethno-Looks, bevor Burberry oder Hermès solche Ideen auch nur zu denken wagten.

Fluchen und hoffen, dass es nützt27. Oktober 2012

Der Schweizer Fernsehmoderator Dieter Moor ist vor neun Jahren nach Brandenburg bei Berlin ausgewandert und hat dort einen Bio-Bauernbetrieb eröffnet. Nebenbei moderiert er Kultursendungen auf ARD oder RBB. Ein Gespräch über Gewitter, existenzielle Krisen und zielorientiertes Schimpfen.

Dieter Moor, 54
Er ist Schauspieler, Bauer und Fernsehmoderator und lebt mit seiner Frau Sonja, einer Filmproduzentin, auf einem Bio-Hof in Brandenburg. Moor war in der Schweiz zuletzt prominent in den Schlagzeilen, weil er in einem Interview mit dem TV-Sender n-tv sagte, manchmal schäme er sich dafür, Schweizer zu sein.

Gentlemen’s Report: Dieter Moor, wo ist das Wetter besser – in Berlin-Brandenburg oder in Ihrer alten Heimat, der Schweiz?
Dieter Moor: Brandenburg wird auch die «Toskana von Deutschland» genannt. Wir haben hier wesentlich mehr Sonnenstunden als im Schweizer Mittelland, im Sommer auch bei vierzig Grad. Aber dann ist es im Winter minus dreissig Grad. Mir gefällt das. In der Schweiz scheinen mir die Jahreszeiten weniger ausgeprägt. Dafür schlägt das Wetter dort mehr aufs Gemüt. Wenn es in der Schweiz regnet, kann es drei Wochen lang andauern. Und wenn es im Winter minus fünf Grad anzeigt, fluchen die Zürcher schon über die Kälte.

Haben Sie sich leicht an das neue Klima gewöhnt?
Als ich 2003 nach Brandenburg gezogen bin, war der Jahrhundertsommer. Zum Verzweifeln! Acht Wochen lang fiel kein einziger Regentropfen. Ich musste mich gleich zu Anfang als Bauer beweisen. Inzwischen herrscht in Berlin-Brandenburg eine Mischung aus atlantischem und kontinentalem Klima. Wobei der Regen sich noch immer kurz vor Berlin auflöst. Als wäre da eine unsichtbare Wand.

Beschäftigt Sie als Bio-Bauer das Wetter?
Das Wetter ist in meinem Job unglaublich wichtig. Ich habe auf meinem iPhone alle Wetter-Apps und Dienste, die ich kriege. Diese Informationen sind essenziell. Wenn ich mich entscheide, auf fünfzig Hektaren Heu zu machen, dann muss es vier bis fünf Tage trocken sein. Wenn das Heu geschnitten ist, liegt es da. Punkt. Es gibt kein Zurück. Somit prägt das Wetter mein Leben als Bauer enorm. Je nachdem freue ich mich über jeden Regentropfen oder über jeden Sonnenstrahl. Als ich noch in Wien gewohnt habe, war das Wetter nicht wichtig. Die Städter nehmen Regen oder Sonne nicht so intensiv wahr. Aber sobald man auf dem Land lebt und jedes Gewitter, jeden Sturm, jeden Hitzetag sozusagen live miterlebt, nimmt das Wetter eine zentrale Rolle im Leben ein. Die Urgewalt des Wetters beruhigt mich. Weil sie seit Jahrmillionen gleich ist. Das, was ich heute sehe, haben schon die Dinosaurier gesehen.

Gehen Sie trotzdem ins Freie, wenn es stark regnet?
Es stimmt schon: «Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Kleidung». Alle glauben immer, Bauern würden in Gummistiefeln bei Regen über das Feld stapfen. Ich hasse Gummistiefel! Sie stinken und sind ungesund. Lederschuhe sind genauso wasserdicht, wenn man sie richtig mit Fett einschmiert. Dazu trage ich eine Jacke, die mit Wachs bearbeitet wurde, und einen anständigen Hut mit einer breiten Krempe. Nicht weil das cool aussieht, sondern weil es tatsächlich nützt. Regenwetter kann dann sehr schön sein.

Wie bitte – Regen kann schön sein?
Das ist das Beste am Landleben: Man kann dem Wetter nicht ausweichen. In der Stadt geht man in die U-Bahn, in ein Café oder nach Hause. Wir haben aber auch Hunde, ich habe die Felder, ich muss mehrmals täglich raus. Die allgemeine Meinung, der Sommer ist schön, der Winter ist hässlich, das stimmt für mich nicht. Ich kategorisiere das Wetter nicht mehr. Vor einigen Jahren mochte ich auch nur Sonne und Sommer – und überlegte mir, in ein Land auszuwandern, wo es immer warm ist. Aber jetzt weiss ich: Jede Jahreszeit kann wunderschön sein. Wie auch jedes Wetter. Mittlerweile finde ich ein Land ohne Jahreszeiten langweilig. Es klingt banal, aber auf dem Hof draussen spüre ich, wie der Boden atmet und gegen den Winter langsam in Schlaf fällt. Wenn der Bodennebel aufsteigt oder die ersten Knospen an den Bäumen sind. Das ist sehr spannend, und ich kann das stundenlang beobachten und entdecken.

Hat Ihnen das Wetter schon einen Strich durch die Rechnung gemacht?
Im wahrsten Sinne des Wortes: Ja! Schlechtes Wetter kann die Existenz eines Landbetriebs gefährden. Wenn die Ernte zerstört ist, wird es bei einem Bauer knapp. Ich habe glücklicherweise noch mein zweites Standbein in der Medienwelt. Aber für einen Hof und eine Familie kann es tatsächlich zum Problem werden. Da helfen auch kein Genmais oder andere Mittel der modernen Landwirtschaft. Das Wetter kann eine Bedrohung für uns Menschen sein – nicht nur durch Umweltkatastrophen, sondern eben auch durch die Landwirtschaft. Ich versuche das Wetter als Partner und nicht als Gegner zu sehen. Aber es ist ein Partner, der mich auch immer wieder verarscht. Ich denke: Wo ist der verdammte Regen, der sich angekündigt hat? Ich führe eine turbulente Ehe mit dem Wetter!

In welchen Situationen hat Sie das Wetter schon zur Weissglut getrieben?
Speziell ist wirklich, dass ich vor zwanzig Jahren nie gedacht hätte, mich derart nach Regen zu sehnen. Wer macht das schon? Aber wenn ich durch die trockenen Felder laufe und mich wie in einem Wildwestfilm fühle, weil es einfach nicht regnet und trocken wie in einer Prärie ist, schimpfe ich gen Himmel. Ich fluche laut vor mich hin und denke: «Ich eröffne hier in Brandenburg eine Palmenzucht.» Aber das geht ja auch nicht, weil es im Winter  minus 30 Grad werden kann. Ich schreie und fluche – und hoffe, es nützt.

Haben Sie schon darüber nachgedacht, Wettermoderator zu werden?
Ich habe grossen Respekt vor der Wissenschaft und den Techniken rund um die Bestimmung des Wetters und möchte den Wettermoderatoren keinesfalls zu nahe treten – aber es wäre mir ehrlich gesagt zu langweilig. Mein jetziger Job als Moderator von Kultursendungen ist doch vielfältiger. Aber wie gesagt: Ich hege grosse Bewunderung für die moderne Wettervorhersage. Sie ist manchmal so präzise, dass es Punkt vier Uhr nachmittags zu regnen beginnt – wie Stunden zuvor angekündigt.

Glauben Sie an Bauernregeln?
Nicht wirklich. Ich vergesse Sie auch immer wieder oder bringe sie durcheinander. Das führt dann zu sehr lustigen Sprüchen. Das Wetter ist nicht so doof, über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte immer gleich zu sein. Deshalb sind die Regeln schwer anwendbar in der Praxis. Die Bauernregeln sind wohl mehr ein Sicherheitsbedürfnis für die Bauern selbst und eine Tradition.

Wie sieht Ihr Alltag auf dem Hof aus?
Wir haben Rinder und Schafe auf dem Feld und ziehen sie nach Bio-Richtlinien auf. Ich stehe jeden Tag um sechs Uhr morgens auf. Auf einem Hof gibt es immer etwas zu tun. Ich repariere einen Zaun, betreue ein Neugeborenes, fahre die Ernte ein. Wir haben auch einen Knecht, wobei man das heute nicht mehr sagen darf. Einen landwirtschaftlichen Mitarbeiter. Auf einem Bauernhof gibt es aber keinen typischen Alltag, weil eben das Wetter und die Jahreszeit bestimmen. In der Erntephase schaue ich Dutzende Male pro Tag auf meine Wetter-Apps. Vorhin rief mich meine Frau an und sagte, sie hätten jetzt den letzten Heuballen ins Trockene gebracht. Zehn Minuten später hat es zu regnen begonnen. Die haben wohl minütlich auf den Wetterradar geachtet. Diese Erfindung ist eine grosse Erleichterung für meine Arbeit.

Sind Sie selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen?
Nein, aber ich bin in einem Bau­erndorf aufgewachsen, wo jeden Tag Kühe durch das Dorf geführt wurden. Ich hatte als Bub eine grosse Beziehung zu den Bauernkindern und fühlte mich dort gut aufgehoben. Ich fand die Bauernkinder interessanter. Sie kriegten immer kleine Jobs von ihren Eltern: Sie mussten auf die Hühner aufpassen, das Heu tragen und waren in den Alltag einbezogen. Wir, die Kinder von Angestellten, waren einfach Kinder. Es war für mich schön, in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Ich half auch auf dem Bauernhof eines Freundes mit und bekam Lob. Als ich einmal beim Heuen geholfen hatte, schenkte mir die Bauersfrau einen Ballon, auf dem geschrieben war: «Dem besten Heuer der Welt». Das war in diesem Alter einfach das Beste! Die Bauernkinder wurden von den Erwachsenen ernst genommen und konnten bereits früh mithelfen, erhielten Anerkennung.

Hat Sie diese Kindheitserfahrung dazu bewogen, Bio-Bauer zu werden?
Damals habe ich auch einem Bekannten von meiner Tante auf dem Hof geholfen. Als ich das erste Mal mit einem Traktor gefahren bin, war es wohl so weit. Ich lag am Abend zufrieden im Bett und dachte, heute hast du etwas Richtiges geleistet. Ich habe gerne auf dem Bauernhof geholfen.

Sie sind heute Städter und Naturbursche zugleich. Wie kombinieren Sie das?
Städter klagen ständig über das Wetter oder geraten ganz aus dem Häuschen, wenn schönes Wetter ist. Vor allem wenn es sonnig und warm ist, vergessen sie, dass draussen auf dem Land einige Bauern am Stöhnen sind. Diesen Sommer klagten viele über den Regen und das durchzogene Wetter. Für mich war es ein guter Sommer!

In welchen Momenten nehmen Sie die Launen des Wetters besonders intensiv wahr?
Etwa wenn der Blitz in der Nähe meines Hofs einschlägt, fahre ich auf die Weide und schaue, ob eine Kuh getroffen wurde. Es ist toll, sich mit dem Jeep durch Hagel und Sturm zu kämpfen, mit schnellen Scheibenwischern, und der peitschende Regen, der auf die Karosserie prasselt. Am nächsten Tag sitze ich vielleicht schon wieder in einem Fernsehstudio und mache Aufnahmen.

Wie kombinieren Sie diese zwei völlig unterschiedlichen Welten?
Der Medienjob ist kurzlebig und hektisch. Die Tätigkeit als Bauer langlebiger und ruhiger. An einem Boden arbeitet man zehn Jahre lang. Die Natur gedeiht nur langsam. Ein Millimeter Humus pro Jahr. Das Resultat dieser Arbeit sehen wir gar nicht mehr, sondern erst die nächste oder übernächste Generation. Das macht mich zufrieden. Aus der Medienwelt bleiben ein paar Kassetten oder DVDs. Das ist alles sehr vir­tuell und hat keine Konsequenzen für die Welt – und entscheidet nicht über Leben und Tod. Ich habe die Verantwortung für Hunderte von Lebewesen. Meine Tätigkeit als Bauer hat Folgen, die als Moderator weniger. Einen Wald zu pflegen ist etwas komplett anderes als eine Sendung abzudrehen. Die Nutzniesser der Bauernarbeit sind noch gar nicht auf der Welt. Das Gegensätzliche in meinem Leben ergibt aber trotzdem etwas Rundes. Ich brauche beide Leben. Denn sie machen die beiden einzelnen Jobs wertvoller, weil ich die Abwechslung habe. Ich könnte nicht nur auf dem Hof sein, aber auch nicht nur immer im Fernsehen.

Sie haben jetzt noch ein zweites Buch über Ihr Leben als Bio-Bauer in Brandenburg geschrieben. Hand aufs Herz: Was gibt es denn noch zu erzählen?
Ich habe viele weitere tolle Geschichten aus Brandenburg aufgeschrieben. Eben genau deshalb, weil alle glauben, dort passiere nichts. Dabei ist es voll von Überraschungen und besonderen Momenten, Menschen. Aber die verblassen vielleicht neben der Coolness von Berlin. Brandenburg und ich ist ein Zusammenprall der Welten. Ich möchte dem Klischee des jammernden und unzufriedenen Brandenburgers entgegenwirken. Diese Geschichten habe ich schon im ersten Buch zusammengetragen. Es war wohl daher einigermassen erfolgreich, weil seit längerer Zeit auch schon niemand mehr über Brandenburg geschrieben hat. Im neuen Buch kommen noch mehr Tiere, noch mehr Integration von mir in dem Dorf dazu. Ein drittes Buch werde ich aber wohl nicht schreiben. Obwohl es von den Geschichten her auch noch ein viertes, fünftes oder sechstes Buch geben könnte. Ich lebe ja jeden Tag, und dadurch sammelt sich vieles an!

Text: David Torcasso Fotografie: Gregor Hohenberg

Renzo Rosso24. Oktober 2012

Foto: Terry Richardson, Interview: David Torcasso

Renzo Rosso hat in den Achtzigern gebleichte Jeans aus einem Bulli verkauft und leitet heute einen der größten Modekonzerne der Welt. Der Diesel-Erfinder über harte Arbeit und Emails in der Badewanne.

Warum ist es gut, dumm zu sein?
RENZO ROSSO Ich wurde bereits als Jugendlicher gefragt, ob ich dumm sei, weil ich Dinge anders gemacht habe als andere. Angefangen mit der Idee, Jeans zu bleichen. Dumm zu sein ist gut! Dumm zu sein heißt, seinem Herzen zu folgen, Überraschendes zu tun und sich nicht darum zu scheren, was andere denken. Und man sollte keine Angst haben zu scheitern.

Anfangs verkauften Sie Ihre gebleichten Jeans aus einem Bus. Wie denken Sie heute über diese Zeit?
R R Ich erinnere mich mit Freude daran. Ich war jung und völlig frei. Aber ich denke auch gerne daran, wie ich mit 15 Jahren mein erstes Paar Denim-­ Jeans auf der Maschine meiner Mutter nähte. Auch heute, mit 57 Jahren, habe ich diese Leidenschaft nicht verloren.

Sie finden, Ihre Jeans seien nicht ein Produkt, sondern ein Lifestyle?
R R Sie repräsentieren eine Welt, die in den Sixties mit Denim angefangen hat und seither als Symbol für Freiheit, blauen Himmel, junge Menschen und
Rock ́n ́Roll steht.

Diesel ist eines der größten Mode-Unternehmen der Welt. Sie wuchsen auf einem Bauernhof auf. Was ist das Wichtigste, was Sie dort gelernt haben?
R R Hart zu arbeiten, ehrlich zu sein und an meine Träume zu glauben. Meine Eltern haben mir das alles vermittelt.

Ein Mann kauft doch höchstens alle drei bis fünf Jahre ein Paar Jeans. Wie können Sie überhaupt erfolgreich sein?
R R Ich denke, das hat sich in den letzten Jahren gewaltig verändert.

Sie möchten den Fokus nun vermehrt auf Damenmode legen. Weshalb?
R R Ganz einfach: Frauenmode hat ein großes Potenzial. Dieses haben wir bei Diesel noch nicht ausgeschöpft.

Sind Frauen in Sachen Fashion besser als Männer?
R R Schwierig zu beurteilen. Aber Frauen gewinnen am Schluss, weil sie Charme ha-­ ben und über mehr Ressourcen als Männer verfügen…

Handwerk, Vintage und Tradition sind derzeit oft zitierte Mode-Worte. Warum?
R R Handwerk und Tradition sind der beste Beweis, dass ein Modeunternehmen über Know-­how und Expertise verfügt. Und diese Expertise hängt widerum stark mit dem Handwerk zusammen. Vintage hingegen ist eine endlose Quelle an Inspirationen.

Sind heutzutage die Jeans als Kleidungsstück wichtiger oder das Marketing um sie herum?
R R Heutzutage ist beides definitiv wichtig: die Kleider und das Marketing. Ohne Qualität gibt es kein Fundament, aber du musst auch Geschichten erzählen, um aus der DNA deiner Marke einen Lifestyle zu kreieren.

RENZO ROSSO fügt bei Unterschriften und Autogrammen gerne das Wort enjoy hinzu. Er wohnt mit seiner Familie auf einer Ranch in Italien.
Zu seiner Genius-­Gruppe gehören u.a. Diesel, Maison Martin Margiela und Victor&Rolf.

 

Zurück zu den Anfängen19. Oktober 2012

 

Peter Saville, Grafikdesigner von Weltrang, über seine lebenslange Suche nach dem künstlerischen Freiraum

Der Grafik-Pionier Peter Saville schuf weltbekannte Plattenhüllen und Modekampagnen. Heute ist der 57-Jährige Künstler und Creative Director der Stadt Manchester. Eine Begegnung in London.

David Torcasso

Peter Saville ist das, was man mit Fug und Recht eine Legende nennen darf. Mit Plattencovers für stilprägende Bands wie Joy Division oder New Order wurde der Brite weltbekannt. In den neunziger Jahren prägte er als Gestalter das Image von Modemarken wie Yohji Yamamoto oder Jil Sander mit seinem avantgardistischen Stil. Heute widmet sich der 57-Jährige in seinem Studio in East London wieder bevorzugt seiner grössten Leidenschaft: der Kunst.

Trifft man Peter Saville in seinem Studio, das zugleich auch seine Wohn- stätte ist, legt er sogleich los. Saville erzählt gerne Geschichten. Auch wenn er sich manchmal darin verliert und Fragen nur als Stichworte wahrnimmt, hört man dem Briten gerne zu. Gerade weil er sich nicht als grossen Grafik-Guru feiert, sondern offen erzählt, welche Zufälle sein Leben geprägt haben. «Meine Karriere war eine ständige Suche», sagt Saville und setzt sich vor die imposante Bücherwand in seinem Studio.

Sein erstes Buch klaute er aus einer Bibliothek, es hiess «Pioneers of Modern Typography» und offenbarte dem jungen Grafikdesigner, dass U-Bahn- Tickets, Milchtüten oder Magazine auch anders gestaltet werden können. Zur gleichen Zeit gab es einen«coup d’etat» in der Pop-Kultur, wie Saville erzählt. Er wollte bei der Entstehung des Punk in England mit dabei sein. Und so gründete Saville mit Tony Wilson Ende der siebziger Jahre das Plattenlabel Factory Records in seiner Heimatstadt Manchester. Dank Joy Division und New Order sollte es bald Kultstatus erlangen.

Dem eigenen Zeitgeist folgen

Für seine ersten Plattencovers sammelte der junge Grafiker Bilder aus Kunstmagazinen oder Typografiebüchern und reduzierte sie auf ein schlichtes und damals wegweisendes Design. «Ich bekam oft eine weisse Fläche, die ich ganz frei gestalten konnte», schwärmt Peter Saville. Plattencovers seien damals die Kunstsammlung junger Menschen gewesen, die man stolz ins Zimmer stellte.

Der Grafikdesigner gestaltete auch für den Sänger Bryan Ferry oder Bands wie Pulp legendäre Plattencovers. «Ich folgte immer meinem Zeitgeist», sagt Saville, das deutsche Wort elegant auf Englisch benutzend. «Der Radar für das Jetzt und die Synergie des Moments» hätten seine Arbeiten stets geprägt.

Ende der achtziger Jahre wandte sich Saville aber von der Musikbranche ab: «Pop-Musik ist Jugendkultur. Für mich war es deshalb an der Zeit, diese Spielwiese zu verlassen.» Dafür fand Peter Saville in der Mode ein neues Zuhause. Nick Knight, heute einer der bekanntesten Fotografen der Welt, fragte Saville Ende der achtziger Jahre an, einen Katalog für den damals extrem hippen japanischen Designer Yohji Yamamoto zu gestalten. «Sie fanden meine Plattencovers ‹fashionable› und meinten, diese Bildsprache passe zur Mode», sagt Saville. Es folgten Jil Sander und andere Modedesigner. Fashion wurde für Saville während eines Jahrzehnts die dominierende Konstante seines Schaffens.

1999 hatte Peter Saville auch davon genug und schloss sein Studio. «Eine Legende zu sein, reicht nicht für Jobs», erinnert er sich. Saville stieg als Partner bei der renommierten Kommunikationsagentur Pentagram ein. Dort verdiente er zwar viel Geld, war aber unerfüllt: «Ich war plötzlich ein professioneller Communication-Designer», und das behagte dem Freigeist nicht. Schon nach einem Jahr verliess er die Agentur wieder: «Ich wollte kein ‹hitman› für Kooperationen mit Grosskonzernen werden – nur um die Abwandlung eines New-Order-Covers auf einer Werbung für eine Bank zu sehen.»

Grafik als Weg zur Kunst

Seit knapp zehn Jahren wohnt Peter Saville nun mit seiner Lebenspartnerin im Londoner Studio. Die gebürtige Berlinerin war es, die ihm den entscheidenden Hinweis zu seiner jetzigen Berufung gab: «Kunst ist die letzte Freizone.» Davor hatte Saville zehn Angestellte, die er bezahlen musste. «Selbst habe ich nie wirklich Geld verdient», kokettiert er. «There’s no such thing as a free lunch» – man bekommt nichts geschenkt –, so zitiert Saville den Ökonomen Milton Friedman. Also wagte er den Ausstieg, um sich der Kunst zu widmen.

2005 stellte Peter Saville im Migros-Museum Zürich unter dem Titel «Estate» aus, vor kurzem wurden seine Arbeiten in London und Berlin gezeigt. Und mit einiger Genugtuung stellt Saville fest, dass die Kunstwelt nun, Dekaden später, ein Auge auf seine frühen Arbeiten als Grafiker wirft. 2002 erschien das Buch «Designed by Peter Saville» bei Frieze, 2007 bei JRP Ringier «Peter Saville Estate 1-127».

Nebst seiner Arbeit als Künstler bleibt nur noch Platz für ein Mandat: Peter Saville ist auch Creative Director der Stadt Manchester. In den letzten sechs Jahren verlieh er seiner Heimatstadt ein neues Image und gibt neue Impulse in den Bereichen Sport, Kultur oder Bildung. «Auch wenn es manchmal anstrengend ist, fühlt es sich gut an, wenn ich mit dem Zug nach Manchester fahre und etwas für meine Heimatstadt tun kann», sagt Saville.

Nach Jahren des Suchens macht der Grafik-Pionier Peter Saville nun also genau das, was er schon immer tat – einfach wieder in reinster Form. «Design, Fotografie und Fashion bildeten für mich immer ein kohärentes Ganzes, über die ganzen Jahrzehnte hinweg», sagt Saville. Und so liest sich seine Arbeit: als Collage einer kulturellen Diffusion. Heute sagt der 57-Jährige: «Grafik ist Kunst für junge Leute, die sie zu etwas Grösserem hinführt» – etwa zur Kunst.

www.petersaville.com 

The Neukölln Arts District in Berlin15. Oktober 2012

http://sssquare.com/en/magazine/2012/neukolln-arts-district-berlin/

Text by David Torcasso, Images by Kevin Fuchs

Neukölln is transforming from a problem area to a thriving arts district with breathtaking speed. Until recently, drugs, violence and poverty made the district one of the German capital’s trouble spots. These days, new cafes, bars, galleries and studios open in Berlin’s hip creative centre every week. Even the author, who lives in the district, is astonished by a tour of the Neukölln art scene.

soy capitán

Gallery owner Heike Tosun named her gallery “I am captain” – in Spanish. Ms. Tosun worked in a number of other galleries before deciding to set up shop herself in “Kreuzkölln” in October 2010. In nine years of living in the northern part of Neukölln she has observed first-hand how an art scene has developed as the district has attracted more and more artists. “You can set up a professional operation anywhere,” says Tosun, who continues to be amazed at how fast Neukölln is changing. “But this district is ideal for me because it’s quiet and I can take my time building up my gallery and growing with it.”

Eli Cortiñas, Video Artist, Berlin-Neukölln

Artist Eli Cortiñas is sitting on the floor of the exhibition space of the gallery “soy capitán”, working with gallery owner Heike Tosun to connect her Mini-Mac to a projector. Cortiñas, who was born in the Canary Islands, is a video artist and has been living in Germany for nearly 20 years. In addition to sculptures and collages she works mainly with video – she researches archives and existing films and combines them in new ways. Her videos are either single linear projections on screens or video installations.

”I don’t buy the assumption that something you shoot yourself is more original than something that already exists”

Cortiñas edits the existing film material and puts it into a new context, giving it a new rhythm or putting it into constantly repeating loops. For her new video work “Perfidia”, she shortens a single theatrical film to just two minutes with three edits. “I don’t buy the assumption that something you shoot yourself is more original than something that already exists,” says Cortiñas. She compares her compositions to collages. “My work bears my own signature, which gives it a new character.” But sometimes she mixes in elements she creates herself. For example, in one physical installation she used her mother’s voice in a dialogue with the voice of an American actress, and she changed two scenes of a film by digitally stamping the individual film elements into a body made of two monitors.

Saloon Su de Coucou

The gallery Saloon Su de Coucou is in the heart of Neukölln on Weserstrasse. There is a new exhibition every month, with a focus on figurative painting and photography, usually featuring contemporary female artists from Berlin. The styles range from collages to photographs. The colourful gallery is also an art shop, where street art, photos, wallets and drawings are on sale for between one and 500 euros.

Monika Berstis/Studio Baustelle

As you go further south in Neukölln, the galleries and studios seem to be more spontaneous and makeshift, and “Studio Baustelle” is a perfect example of this phenomenon. The handmade business card reads: Kunst, Events, Experimente (“Art, Events, Experiments”). The three rooms are filled with all sorts of trinkets, cardboard packaging and broken tiles, reminiscent of an installation by the Swiss artist Thomas Hirschhorn.

The artist Monika Berstis is right at home here. She studies architecture at Berlin’s Technical University and works on her art in this studio. “I make art out of old materials – textiles, concrete or recycled kitchen tiles,” says the 29-year-old American. Berstis finds the material on the street and at flea markets – broken cups, old dresses. “I put old things into a new context.” Her wish now is to live in her studio in order to further refine her idea of the relationship between architecture and art. Because the materials she uses come from human environments, Berstis says “my art should take place in a living space”.

Schwarz Contemporary

Schwarz Contemporary is one of the best-known galleries in Neukölln. Since 2011, Anna Schwarz, an art world mover and shaker, has been exhibiting young international artists who have not previously had individual shows or gallery shows. The artists come mainly from the areas of new painting or works on paper. The gallery’s location on Sanderstrasse puts it in the middle of the booming creative environment between Kreuzberg and Neukölln. Schwarz Contemporary is surrounded by cafes, shops and bookstores, as well as musicians, designers and other galleries.

Jenny Sweetnam

Walking through Neukölln, you constantly encounter galleries and studios, like the studio of jewellery designer Jenny Sweetnam. The 27-year-old Englishwoman is not an artist in the conventional sense, but she is an impressive craftsman: “I make luxury statement body pieces.” Her jewellery is simple and elegant at the same time. England is the main market for Sweetnam’s collections, but she is happy practicing her contemporary craft here in Neukölln: “It’s quiet here and I can concentrate when I spend 10 hours filing on a piece.” The common thread in her work is the human silhouette. It’s no surprise, then, that she has also designed clothing as well as jewellery. But all her work speaks the same design language: simple and to the point. Handmade from timeless material. Sweetnam finds the inspiration for her creations in vibrant Neukölln and through her work she spreads this feeling throughout the world.

Sameheads/Chloe Grove

The art collective Sameheads, which is not far from Karl-Marx-Strasse, is the prototypical Neukölln art establishment. It combines a gallery, cafe, cinema, clothing shop and venue for events in a single space. Young artists exhibit their work on the ground floor, while in the evening art lovers meet for a beer at the bar and on the weekends you can see live performances by experimental musicians in the cellar. This is the quintessence of the charm of the art scene in Neukölln.

 

”Art should be accessible to everyone, so everyone should have space to show their art”

One of the co-managers of Sameheads is the artist Chloe Grove, who is originally from London and has been living in Berlin for five years. She organises openings for exhibitions in Sameheads every two months. “Art should be accessible to everyone, so everyone should have space to show their art,” says Grove. In addition to the exhibitions, Sameheads sells handmade Berlin fashion in its Art Space and has operated a popular bar for the past two years. Grove says that in Neukölln art isn’t about marketing and revenue, it’s about something happening in the moment. “Art is produced in Neukölln, not sold,” she says. That’s why many artists still have other jobs and don’t have the pressure of having to live from their art, the artist continues. “It’s not about the money, it’s about revealing something about yourself and about the joy that art can bring.”

That is Neukölln art in a nutshell: The art scene in this district isn’t as clean and established as in Berlin-Mitte. “There’s a trial-and-error factor that allows artists to experiment and not to take art too seriously.” Grove adds: “There’s no art industry here, just people making art out of passion.”

Worth a visit:

Das Glück im kleinen Massstab29. September 2012

Text: David Torcasso Fotografie: Yves Suter

Der ferngesteuerte Helikopter ist die Märklin-Eisenbahn des 21. Jahrhunderts. Fünf Männer zeigen, warum ihre Autos, Flugzeuge, Helikopter oder U-Boote im Miniformat mehr als blosse Spielzeuge sind, dass sie für ein Gemeinschaftsgefühl und Ausgleich im Alltag sorgen.

FLORIAN BAUMANN LÄSST ES GERNE KRACHEN

Als Bub erhielt Florian Baumann von seinem Vater ein Segelflugzeug aus Balsaholz geschenkt. «Ich musste jedes Teil einzeln zusammen leimen. Das war kompliziert», erzählt der 25-Jährige, der schon immer von der Fliegerei fasziniert war und als Kind Pilot werden wollte. Trotzdem wurde sein erstes Flugzeug nie fertig.

Baumann kam erst wieder auf den Geschmack, als er vor zwei Jahren bei einer Filmproduktionsfirma in Zürich seinen Job antrat. Damals lieh ihm ein Kollege nach Feierabend einen Flieger aus – «den ich nach zwei Minuten im Boden versenkte», lacht Baumann. Die leichten Flugzeuge aus Styropor seien schnell beschädigt gewesen, sagt er.

Weil ihn das schlechte Gewissen plagte, kaufte ihm Baumann einen neuen Flieger. Und sich selbst auch gleich einen. Seither lässt ihn die Miniaturfliegerei nicht mehr los. Die Freunde gehen bis zu zweimal pro Woche auf das Flugfeld. Ausser alle Maschinen sind wieder einmal mehr kaputt. «Dann sind alle frustriert und machen ein paar Wochen Pause – bis wir uns wieder Neue bestellen», erzählt Florian Baumann.

Sein Hobby ist nicht günstig: «Ich habe bestimmt schon einige tausend Franken dafür ausgegeben», sagt Florian. Obwohl ein Flugzeug schon nach einigen Minuten zerstört sein kann, liebt Florian den Moment, wenn er seine kleine Messerschmitt in den Himmel hochjagt. Er sieht die Fliegerei als Plausch. «Wir trinken ein Bier zusammen, spielen und experimentieren, bis wir uns schütteln vor Lachen», sagt er – besonders wenn er haarscharf an einem Baum vorbeifliegt und alle schreien. Die Jungs bleiben draussen, bis das erste oder eben alle Flugzeuge zerschellt oder die Akkus aufgebraucht sind – wobei Ersteres öfter eintritt, meint der 25-Jährige.

Inzwischen meidet Baumann die Zürcher Allmend jedoch. «Es ist einfach zu gefährlich. Das Flugzeug hat fast zwei Meter Spannweite. Auf der Wiese spazieren Mütter mit ihren Kindern, viele Hündeler sind unterwegs. Und der FCZ trainiert dort. Ein Absturz könnte schwere Folgen haben», sinniert der gebürtige Basler. Die Ausflügler sind geteilter Meinung über die dröhnenden Fluggeräte: Kinder finden sie toll und möchten am liebsten auch eins, die Senioren seien oft schockiert. Baumann und seine Freunde gehen nun auf ein Feld in der Waldegg. Manchmal ärgert sich der Besitzer, ein Bauer, wenn sie über das Feld trampeln, um ihre Schätze zu bergen. Baumanns Ziel für Ende Jahr ist klar: Eine grosse Rakete an einem Flieger befestigen und hoch über Zürich explodieren zu lassen.

VLADIMIR KUZMA UND SEIN DRITTES AUGE

«Die Fliegerei ist ein guter Ausgleich, weil ich den ganzen Tag vor dem Computer sitze. Hier brauche ich meine Hände», sagt Vladimir Kuzma. Die gebräuchlichen Helikopter aus dem Warenhaus findet er jedoch «Spielzeuge». Wenn sie abstürzen, hat man Hunderte von Franken in den Sand gesetzt. Sein erstes Toolkit für einen Multikopter hat er vor rund einem Jahr in Polen bestellt, die Motoren aus Hongkong, die Flügel aus Amerika. «Die Suche nach den besten Teilen ist neben dem Fliegen die grösste Freude am Ganzen» sagt der Applikations-Entwickler. Ein gutes Exemplar kostet rund 800 Franken.

Ein Multikopter ist kein einfacher Plastik-Helikopter, sondern eher eine Drohne, ähnlich den unbemannten Kampfwerkzeugen, wie sie die Amerikaner in Kriegsgebieten einsetzen. Die Polizei setzte in London an den Olympischen Spielen ebenfalls Drohnen ein. Auch Kuzma hat in seinem Multikopter eine kleine Kamera eingebaut. Das Bild wird direkt auf eine Brille übertragen, die sich Kuzma zum Fliegen aufsetzt.

Vladimir Kuzma führt sein «Baby» auf der Zürcher Allmend aus. Manchmal filmt er nachts in der Stadt. Der Vorteil der vier Rotoren ist die Stabilität. Der Multikop-ter kann auf der Stelle schweben. Vladimir hat so schon am Zürcher Stolze Openair gefilmt. Fast lautlos sei er rund fünf Meter über den Köpfen der Zuschauer geschwebt. «Dabei hatte ich mehr Respekt vor dem Teil als das Publikum», sagt Kuzma. Einige hätten es anfassen wollen, erzählt er.

Wenn der Akku länger halten würde als nur rund zehn Minuten, könnte der 23-Jährige auch bis zu 300 Meter hoch fliegen. Optisch erinnert der Multikopter aber eher an eine fliegende Spinne als an einen Helikopter. In der Nacht, wenn die Rotoren rot leuchten, ist Vladimir Kuzmas Flug-gerät ein UFO. Theoretisch könnte Vladimir Kuzma seinen Multikopter auch fliegen, wenn er ihn selbst nicht mehr sieht – zum Lenken reicht das Bild der Kamera. Oder er könnte ihn autonom fliegen lassen. Das bedeutet, er programmiert den Multikopter darauf, ständig im Kreis zu fliegen – und Kuzma geht inzwischen essen.

Das macht er aber nicht. Es ist gesetzlich nicht erlaubt, und Kuzma meint: «Ich bin kein Profi. Das ist ein anderes Kaliber. Ich fliege aus Spass.» In Deutschland überwachen laut «Spiegel» inzwischen aber bereits über 500 Unternehmen ihr Firmengelände mit Drohnen. Vladimir Kuzma winkt ab: «Ich habe zwar meine Ziele und möchte mein Gerät ständig verbessern, aber nicht für einen professionellen Einsatz».

LUCA D’AMICO SCHRAUBT FÜRS LEBEN GERNE

Auf einem Erdhügel mitten auf dem Offroad-Parcours präsentiert Luca D’Amico stolz drei seiner Autos. Der 32-jährige Familienvater fährt seit sieben Jahren mit neonfarbenen Akku-Rennwagen. D’Amico ist Vizepräsident des Offroad Team Zürich», das 32 Mitglieder zählt und regelmässig Rennen auf der «grössten Offroad-Piste der Schweiz» veranstaltet. Zwei- bis dreimal pro Woche fährt Luca D’Amico nach Volketswil und dreht seine Runden. «Wenn ich die Fernbedienung in der Hand halte, vergesse ich die Zeit und kann von der Arbeit abschalten», erklärt er.

Abends, wenn seine Familie schläft, bastelt D’Amico in der Werkstatt an seinen Autos, baut ein neues Getriebe ein und perfektioniert die Leistung seiner Rennwagen am Computer. Das erste Wort, das sein Sohn sprach, war natürlich «Brumm brumm!». Nun steht Luca am Offroad-Parcours seines Vereins, springt mit dem Auto über Hügel und Schanzen und legt es gekonnt in die Kurve.

Die Fahrzeuge kosten rund 2000 Franken pro Stück. Luca D’Amico meint dazu: «Es ist nur ein teures Hobby, wenn du nicht fahren kannst». Wenn er sein Auto mit 100 km/h an die Wand fährt, ist es auch nicht immer kaputt, sondern meistens mit einigen Handgriffen wieder reparierbar.

Das Schöne am Fahren sei aber nicht nur, wenn er seine selbstgebauten Fahrzeuge mit 36 000 Touren über die Piste jagt, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl unter den Fahrern. «Es ist eine gemeinsame Leidenschaft, durch die Freundschaften entstanden sind», sagt D’Amico. Die Ve-reinsmitglieder treffen sich am Wochen-ende auf der Piste, grillieren und tauschen sich über die neusten Ersatzteile aus.

Obwohl Luca D’Amico behauptet, es sei ein Hobby, ist der Familienvater stark engagiert. So hat er sich bei den Nachbarn, den Gemeindepolitikern sowie beim örtlichen Jäger für die Offroad-Piste stark gemacht. Zudem betreut er Neumitglieder im Verein am «Tag der offenen Piste» und fährt mit seinen Freunden regelmässig an Rennen in der ganzen Schweiz. Luca möchte seine Leidenschaft mit anderen teilen: «Es ist schön, wenn Junge hier mit ihren Autos fahren, anstatt irgendwo rumzuhängen.»

CHRISTOPH SCHNELL TAUCHT MIT DER KURSK

Der 59-jährige Christoph Schnell wuchs in Goldach am Bodensee auf. «Wasser und Boote gehören seit Kindesbeinen einfach zu meinem Leben dazu.» Vor Jahrzehnten spielte er am See bereits mit Spielzeugbooten. Heute besitzt er über ein Dutzend Modellschiffe. Am meisten faszinieren ihn aber U-Boote im Masstab zwischen 1:50 und 1:150. Der Komponist nennt ein deutsches Mini-U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg, das amerikanische U-Boot USS Ohio, und ein russisches vom Typ Typhon sein eigen. Letzteres wurde vor rund zwölf Jahren als «Kursk» bekannt. Nach einem technischen Defekt versank es mit 118 Mann an Bord im Meer.

«U-Boote gehören auch nach dem Ende des Kalten Krieges zu den bestgehüteten Geheimnissen der Länder», sagt Schnell. Deshalb erfordere auch der Bau von Minimodellen nicht nur Spürsinn, sondern Kenntnisse in Elektronik, Fernsteue-rungstechnik, Automation, Robotik und Mechanik. «Die Konstruktion eines U-Bootes ist die Königsklasse der Schiffmodellbauerei.» Viele Modellbauer schwärmen mehr von der Bauphase eines Bootes und nicht so sehr vom Fahren mit dem fertigen Modell. Schnell hingegen meint: «Das Fahren mit den Booten ist eine interessante Erfahrung und entspannt vom Alltagsstress.»

Mit seinen U-Booten fährt Schnell so oft wie möglich – und überall, wo es Wasser hat. Sogar im Schwimmbad. Sein Schiffmodellclub SMC Goldach, der 1987 in der Nähe von St. Gallen gegründet wurde und Schnell als erstes Mitglied verzeichnete, hat einen schönen Naturweiher in Goldach. Dort könne man aber nur für kurze Zeit tauchen, da das Modell rasch nicht mehr sichtbar ist, weiss Schnell.

PATRICK STOLL FLIEGT AUCH IM BÜRO MIT DEM HELIKOPTER

Unternehmer Patrick Stoll empfängt uns im offenen und modernen Loft-büro der digitalen Kommunikationsagentur in Zürich West. Auf den Schreibtischen seiner Angestellten stehen eine Handvoll Fahrzeuge, die mit ihren grossen Rädern an kleine Monster-Trucks erinnern. Neben dem Stuhl des Chefs steht ein weisser Mini-Helikopter. «Wir sind alle leicht romantische Technikfreaks», sagt der 42-Jährige.

Das reicht vom alten Macintosh-Rechner über iPads und Smartphones bis hin zu einem USB-Kühlschrank. «Eigentlich völlig überflüssig – aber Gadgets machen uns Freude», gibt Stoll lächelnd zu. Sie würden hier «ein kalifornisches Denken» pflegen: «Wir glauben, dass Technik das

Leben verbessert», sagt Stoll. Seine Agentur entwickelt Applikationen und programmiert Websites. Früher hätten sie nach Feierabend Rennen mit günstigen Autos vom Kiosk in der Agentur gefahren – heute fliegt ein Helikopter durch die Agentur. «Meine Tochter holt mich zwar manchmal auf den Boden, wenn sie mich kopfschüttelnd anblickt», gibt der Familienvater zu. «Spielerische Momente wie der Helikopter oder unser Pingpong-Tisch bringen Abwechslung zu dem ewigen In-die-Tastatur-Hauen».

Ein besonderes Abenteuer war jedoch die «Robocam», die Stolls Team vor rund vier Jahren entwickelte. Die Besucher seiner Firmen-Website konnten mit einer Steuerung über das Internet mit den ferngesteuerten Mini-Monster-Trucks durch die Agentur «fahren» und das Team beim Arbeiten beobachten. Viele Kunden waren begeistert. Einige schalteten sich gar täglich ein. Für die Mitarbeiter war es gewöhnungsbedürftig, dass kleine Roboter selbständig durch die Agentur brausten. Das Experiment sei aber geglückt: «Wir konnten unseren Kunden aufzeigen, was heute mit Technologie über das Internet möglich ist», erklärt Stoll. Leider seien die Roboter etwas pannenanfällig gewesen.

Trotzdem möchte der Agenturinhaber weiterhin Technologien und ferngesteuerte Geräte in Kombination einsetzen. «Der spielerische und kreative Umgang fördert die Technologien von heute. Wir möchten Grenzen ausloten», sagt Stoll. Ein Webdienstleister müsse mehr bieten als nur Programmieren. Ob Stoll die «Robocam» in Zukunft am Helikopter befestige? «Ich muss wohl erst meine Mitarbeiter fragen, ob sie einverstanden sind, wenn ein Helikopter über ihren Köpfe schwebt», lacht er.

 

Mein Stil – Daniel Heer

Text: David Torcasso Fotografie: Achim Hatzius

Der in Berlin lebende Schweizer Daniel Heer produziert bereits in vierter Generation Rosshaarmatratzen. Dabei legt er so viel Wert auf Authentizität und Handwerk wie in seiner eigenen Garderobe. 

Gentlemen’s Report: Daniel Heer, was ist Ihr Stil?
Es geht darum, wie man sich in Kleidung bewegt, wenn man sie trägt – und den Stil auch bricht. Ich stamme aus einer Handwerkerfamilie und würde nie bei Ikea oder H&M einkaufen. Ich brauche bei einem Objekt – auch bei Kleidung – eine Aussage. Es kann etwas sehr Altes sein – oder auch von Jungdesignern. Denn mich treibt nicht die Nostalgie, sondern eine Sehnsucht nach Erneuerung.

Steht man mit dieser Haltung heute nicht auf verlorenem Posten?
Ich mache mir Gedanken, was hinter einem Gegenstand steckt, woher er stammt und welche Geschichte er erzählt. Es gibt Objekte, die schön sind, mit denen aber gelebt werden muss. Alles begleitet einen letztlich nur eine gewisse Zeit. Objekte sind Leihgaben. Ausser man pflegt sie, wie etwa eine Ledertasche, die Sprache oder auch eine Matratze. Wenn Material lebt, behält es seine Grazie.

Was ist Ihr Lieblingskleidungsstück?
Ich habe einen schönen Strickpullover von Jil Sander. Dazu habe ich einen persönlichen Bezug, weil ich die Frau, die die Strickmode für das Label gemacht hat, kenne. Er ist gut verarbeitet und weist Tiefe, Struktur und Zeitlosigkeit auf – und er sitzt gut.

Suchen Sie auch bei Ihrer Kleidung nach Authentizität?
All meine Kleider erzählen eine Geschichte. Ich schätze klassische Stoffe und Materialien, was aber nicht heisst, dass ich nur Tweed trage. Ich brauche immer einen Bruch in einem Objekt – sei es bei Kleidern oder Möbeln. Dinge sollten einen Bruch aufweisen, damit sie interessant sind. Auch meine Rosshaarmatratzen haben zwar einen traditionellen Hintergrund, werden aber zeitgenössisch neu interpretiert.

Was ist so besonders an Ihrer Rosshaarmatratze?
Man lässt diesen schlichten Gegenstand so, wie er ist. Und hat eben auch Mut dazu. Ich bleibe beim Ursprung und verziere die Matratze nicht. Sie hat keinerlei Schnickschnack. Alles ist klar und bleibt wie es war – in einem modernen Kontext: Das Haar, der Stoff, die Verwendung. Eine Rosshaarmatratze ist pur und ist, was sie ist.

Ihre Kunden stellen die Matratze auch ins Wohn- statt ins Schlafzimmer.
Das ist ein Statement. Über die Hälfte meiner Kunden brauchen die Rosshaarmatratze als Daybed im Wohnzimmer. Sie nehmen die Matratze aus einem intimen Rahmen und stellen sie in eine repräsentative Umgebung. Sozusagen vom Dunklen ins Helle.

Ist das im Sinne des Produktes?
Durchaus. Diese Kunden kehren auch zu einer alten Tradition zurück: Bei meinen Urgrosseltern stand die Matratze in der Küche. Sie war das Zentrum des Hauses, dort war es warm, und die Familie hat dort zusammen gegessen. Im 21.  Jahrhundert gibt es vielleicht Leute, die sich gerne hinlegen, ihr Handy ausschalten und sich Zeit nehmen. Tradition ist immer ein Seiltanz.

Welche Möbel stehen bei Ihnen zu Hause?
Ich lebe zurzeit sehr frei und nicht häuslich. Meine schönsten Stücke sind Kleider. Diese kann ich überall mitnehmen. Sie binden mich nicht an einen Ort und fixieren mich nicht an eine Einrichtung. Das ist auch bei meinen Taschen erkennbar: Sie sind aus schlichtem Leder und erhalten erst durch Bewegung und Einsatz ihren Charakter.

Warum sind Sie nicht Modedesigner geworden?
Ich wollte meine Familientradition weiterleben. Wären meine Eltern Schneider gewesen, würde ich heute vielleicht Anzüge machen. Ich liebe die Rosshaar­matratze, weil sie etwas Besonderes ist. Ich verändere sie nicht wie ein Designer, sondern versuche das Handwerk stetig zu perfektionieren.

Daniel Heer, 34, stellt in vierter Generation in Handarbeit Rosshaarmatratzen her – so wie schon sein Urgrossvater, der 1907 die erste Rosshaarmatratze in Luzern produzierte. Neben den Matratzen kreiert Heer auch Ledertaschen und Möbel. Inzwischen verkauft er sie nach Amerika oder Japan oder baut individuelle Anfertigungen in exklusive Jachten ein. Eine Rosshaarmatratze von Daniel Heer kostet rund 5000 Franken. 

Im September eröffnet er einen eigenen Laden am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte.
www.danielheer.com

Ein anderes Tempo

Text und Bilder: David Torcasso

Auf den Spuren der Cowboys durch Arizona. 

Tief in der Sonora-Wüste höre ich es zum ersten Mal: «John Wayne war hier.» Es sollten noch viele weitere solcher Ehrerweisungen folgen. Schliesslich ist Arizona die Heimat echter Männer, der Cowboys. Viele kennen den US-Staat Arizona, der ungefähr die Grösse von Frankreich hat, vor allem wegen seiner Golfplätze. Dabei sind die echten Schätze des «Grand Canyon State» seine Ranches. Als Urban Cowboy wird einem das bewusst, wenn man zum ersten Mal auf einem Pferd sitzt und der Präriewind die Stadtluft wegpustet.

John Wayne war in Rancho de la Osa. Wie auch Filmcowboy Tom Mix, Schrifsteller Zane Gray oder die US-Präsidenten Franklin Roosevelt und Lyndon B. Johnson. Bereits in den 1920er-Jahren war die bunte Ranch mit den schnörkeligen Mustern und leuchtenden Farben sowie dem kunstvollen Interior ein Geheimtipp. Die Ruhe und Schönheit der südlichsten Region von Arizona, eine Meile von der mexikanischen Grenze entfernt, fasziniert.

Westlich der Kleinstadt Nogales reitet man der mexikanischen Grenze entlang, die seit rund drei Jahren von einer hässlichen Mauer geschützt ist. Rancho de la Osa liegt tatsächlich am «end of the road», das man aus Hollywood-Filmen kennt. Apropos: Das trockene und staubige Land rund um die Ranch – 90 Minuten Autofahrt südlich von Tucson – ist John-Wayne-Land pur. Mit einer ereignisreichen Geschichte inklusive Apachenjagd, Rinderzucht und Schiessereien. Heute sind die grauen Täler und Hügel, wo sattes Grün nirgends zu sehen ist, die Heimat Dutzender von Gäste-Ranches.

Millionen von Sternen schmücken den kristallklaren Himmel in der Nacht. Ein Bad im Swimmingpool, ein deftiges Essen und ein Feuer im Cheminée – so kommt die Zeit zum Stillstand. Die Hacienda mit den Pferdesattel-Stühlen lädt zum Festmahl ein. Besitzer Richard hat ein Vermögen in Südwest-Kunst investiert, die am alten Gemäuer hängt. Ergänzt von Fotos von Celebrities aus früheren Dekaden, die irgendwie den Weg in den tiefsten Süden gefunden haben, lange vor der Erfindung des Internets.  Ich frage mich, wie die Stars vor Jahrzehnten ohne GPS und Google Maps überhaupt zu Rancho de la Osa gelangten?

Weiter geht es nach Nogales zur historischen Hacienda Corona de Guevavi – auch dort weilte John Wayne, wie zahlreiche Fotos in der Lobby belegen. Sie hängen neben einer Auswahl fabelhafter Stierhörner. Über meinem Bett hängt ein Rinderschädel. Einmal, als ein Paar seine Flitterwochen hier verbrachte, sei es heruntergefallen, berichtet die Besitzerin Wendy Stover. Sie war früher Managerin bei Coca-Cola, bis sie ausstieg und die Ranch erwarb. Die Hacienda ehrt mit dem Namen Salvador Corona den mexikanischen Wandmaler und Stierkämpfer, der den Hof mit Szenen aus dem Bauernleben verzierte. Viele Filmstars suchten Frieden und Ruhe auf der Ranch, weitab von den Lichtern Hollywoods. Eine Tradition, die fortdauert. Reiten, Fuhrwerk fahren, Hochzeiten, Flitterwochen, Klassentreffen und Faulenzen am Pool locken Gäste aus aller Welt hierher. «Arizonas Wüste ist ruhig und unspektakulär und genau deshalb so beliebt», sagt Wendy und setzt mir einen Cowboyhut auf.

Südlich des Weilers Patagonia liegt Circle Z. Die Guest Ranch wurde bekannt durch Hollywoodstreifen wie «City Slickers». Über hundert Pferde stehen zum Reiten bereit. Hier geht es um den Cowboy-Lifestyle und die Natur in ihrer reinsten Form.

Pferdereiten klingt kompliziert, macht aber grossen Spass und ist kinderleicht. Mit einer Trittleiter geht’s hoch, ich schwinge mein Bein über das Tier und setze mich auf den abgewetzten Ledersattel. Der Wrangler zieht Riemen und Leine an, und mein Gaul Tomayo setzt sich in Bewegung. Was ich nun noch brauche, ist ein Cowboyhut. Ich durfte mir vor dem Ausritt auch die richtigen Stiefel aussuchen – da Jeanshemden im Moment sowieso in Mode sind, hatte ich eins im Koffer.

Der Wrangler reitet mit uns gemächlich durch die steinige Landschaft, hoch zu einem Hügel, von wo ich Berge, Kakteen und Sträucher ohne Ende sehe. Tomayo lässt sich wie ein Fahrrad lenken – an der Seite leicht ziehen, dann geht es nach links oder rechts, die Leine an den Körper nehmen, das Pferd bleibt stehen. Drückt  man mit den Sporen in die Seite, galoppiert es los. Wenn Tomayo will, auch ganz schön schnell.

Östlich von Tucson ist die Tanque Verde Ranch mit über 60 000 Quadratmetern Fläche kaum zu übersehen. Das Konzept ist hier noch etwas ausgereifter als bei den ländli-chen Ranches. Das Angebot umfasst Reitstunden, Wandern, Mountainbiken, Tennis, Angeln, Schwimmen, Kinder-Programme, Spa-Wellness, ja sogar Heiraten. Residieren kann man in einem der rund hundert Zimmer, Suiten und Casitas. Ich fühle mich wie Lucky Luke, wie ich auf meinem Pferd Kühe durch ein Gehege jage – «hier ist alles authentisch», ruft mir Ranch-Besitzer Mister Gold zu.

Die lebendige Geschichte von Südarizona erfährt man auch durch die vielfältige Kunst in vielen kleinen Künstlerkolonien wie etwa Tubac, wo praktisch die gesamte Stadt aus winzigen Läden mit einheimischer spanischer Kolonial-und Südwest-Kunst besteht. Der Geist von John Wayne ist hier auf Hunderten von Malereien und Stichen verewigt. Mitten in der trockenen Wüstenlandschaft stösst man auf eine künstliche Oase – das Tubac Golf Resort. Auch hier ist Hollywood präsent. Gegründet von Sänger und Schauspieler Bing Crosby, erlangte die grosszügige Golfanlage Berühmtheit durch Kevin Costner’s Golffilm «Tin Cup», der hier gedreht wurde. Das Wasser für die satten grünen Wiesen beziehen die Betreiber vom nahegelegenen Santa Cruz River.

Die spannende Geschichte, die warmen Winter und die vielen Ranches und Resorts in Arizona sind für Europäer perfekt zum Entspannen. Die wirkliche Faszination der Region liegt aber in ihrer Zeitlosigkeit. Die Menschen sind gemächlich, und Ranchen ist nichts für Partylöwen. Die Einheimischen gehen früh zu Bett und stehen mit den ersten Sonnenstrahlen um sechs Uhr morgens auf. Die endlose Landschaft, die filmreifen Sonnenuntergänge, der riesige blaue Himmel und ein Drink vor dem Abendessen machen das Leben der Südstaatler aus.

Die Gerüchte von den Gefahren des Drogenhandels nahe der Grenze sind wohl recht überzogen. Abgesehen von dem gelegentlichen Dröhnen eines Helikopters der «Border Control» kriegt man davon fast nichts mit. Was hingegen sehr deutlich spürbar ist: Die Leute in Arizona mögen Präsident Barack Obama nicht. Und die Mexikaner auch nicht wirklich.

Die jungen Leute aus Arizona gehen an einem Freitagabend nicht clubben, sondern versammeln sich in einem Pub und schauen Rodeo. Mutige, muskulöse Kerle schmeissen sich dabei in einen Overall und setzen sich auf einen Stier. Länger als acht Sekunden schafft es keiner, auf dem wild herumtobenden Tier zu bleiben. Die Leute jubeln den Gladiatoren zu, nachdem sie abgeworfen werden. Ich würde es auch gerne versuchen, doch Reiseleiterin Kara warnt mich: «Du würdest dir das Genick brechen.»

Zurück auf Rancho de la Osa steht der pensionierte Anwalt Richard Schultz vor einem riesigen Saguaro-Kaktus und blickt in Richtung mexikanische Grenze, am Ende seine Grundstücks. Dort steht die Stahlmauer, die Migranten aus Mexiko von den USA fernhalten soll. «Die Leute müssen ihr Leben verlangsamen, damit sie es wieder zu schätzen lernen», sagt Schultz nachdenklich. «Die Wüste zeigt diese Nuancen, diese Feinheiten auf. Es geht hier um Poesie und die Schönheit der Natur. Die Menschen müssen einen Weg finden, sich der Wüste und den Gesetzen der Natur anzupassen.»

Im Westen der Ranch geht eine gigantische Sonne langsam unter und verwandelt den azurblauen Himmel in ein gelbes Feuer. Ein Pferd neigt den Kopf ins Gras, ein Vogel landet auf einem Kaktus, der Duft vom Barbecue weht von der Hacienda her durch die Luft. Für einen kurzen Moment sehe ich den Schatten von John Wayne, der über die offene Wüste reitet – in eine Welt, in der nichts mehr existiert ausser den Weiten der grossen Sonora-Wüste. Für diesen kurzen Augenblick ist mein Kopf ganz leer. Das fühlt sich gut an, denn es geschieht ganz selten.

“Strippen ist eine Schlacht”24. August 2012

Männerfreundschaft, wackelnde Hintern und das Leben nach der grossen Party: Für uns enthüllte Ex-Stripper “Magic Mike” Channing Tatum alles.

Interview: David Torcasso 

Channing, du hast vor deiner Hollywood-Karriere selber gestrippt und weisst Bescheid: Wie viel Geld macht ein Stripper pro Nacht?
Im Film «Magic Mike» haben wir die Summe etwas aufgebläht. In Wirklichkeit verdiente ich rund 150 Dollar in zwei Stunden, steuerfrei. Mit 19 war das viel Geld für mich.

Was sagten deine Eltern zu deinem Nebenjob?
Die wussten das nicht. Ich wohnte nicht mehr zu Hause, sondern auf der Couch meiner Schwester. Mein Vater erfuhr es erst, als ich bereits Schauspieler war und in einer Talkshow davon erzählte.

Wie hat er reagiert?
Er meinte nur, ich hätte sie doch um Geld fragen können. Aber ich wollte damals meine eigene Kohle verdienen.

Wie viel an deinem neuen Film «Magic Mike» ist autobiografisch?
Sehr viel. Ich habe sowohl am Drehbuch als auch an der Choreografie mitgearbeitet. Deshalb gibt es neben den klassischen Strippernummern wie Feuerwehrmann oder Bauarbeiter auch eine Breakdance-Einlage. Das war meine Idee, ich habe in meiner Jugend viel Breakdance gemacht. Bloss dass ich im Film plötzlich die Trainerhose ausziehe und im Tanga dastehe.

Was ist mit all den Partys, den Drogen und unzähligen Frauen?
Das hab ich früher auch durchgezogen. Diese Welt bringt Spass, ist völlig ungebunden und crazy. Sex ist der gemeinsame Nenner. Jetzt bin ich aber fertig damit. Der Lifestyle ist auf Dauer zu anstrengend. Ich habe eine wunderbare Frau, Jenna, und wir wollen bald eine Familie gründen. Ich bin sehr glücklich so.

Nach diesem Film werden dich alle Frauen lieben.
Wenn das geschieht, fühle ich mich geschmeichelt. Ich habe ihn aber nicht deshalb gemacht. Die Stripper- Welt ist eine Subkultur, eine verborgene Welt, die nur ganz wenige kennen. Das macht sie interessant. Der Film ist aber auch eine moderne Version von «Saturday Night Fever» und soll einfach Spass machen. Übrigens werden ihn auch Männer mögen, weil die Jungs darin einfach Jungs sind.

Sie fallen sich nach der Show in die Arme, tanzen im Training eng umschlungen.
Na und? Es geht um Behaglichkeit. Gerade weil sich die Stripper ihrer Se- xualität so sicher sind und sie jeden Abend auf der Bühne zeigen, kön- nen sie den Arm um den anderen legen und sagen: «Mann, ich liebe dich!»

Spielt Freundschaft in der Stripperszene eine besondere Rolle?
Eindeutig. Strippen ist wie mit einem Bruder in eine Schlacht zu ziehen. Wir gehen raus auf die Bühne und demütigen uns vor hunderten Frauen wenn wir mit einem Tarzankostüm oder Cowboylederhosen mit unseren Ärschen wackeln. Das schweisst zusammen, weil das normale Kumpels nie miteinander erleben. Wir aber wagen es.

Warum verliebt sich Mike schliesslich in die Schwester seines Kumpels?
Sie ist einfach no bullshit. Brooke ist grundehrlich zu Mike und will mehr für ihn, aber auch für sich selbst. Es ist ein gutes Gefühl, wenn jemand an dich glaubt. Mike ist für sie kein Toyboy. Bis er sie kennen lernt, hat er nur seine Sexualität, die ihn attraktiv macht. Brooke fragt ihn: «Was hast du noch zu bieten?»

Charging ahead21. August 2012

New Monocle Issue 56 with a little report of me about Greenwheel in the Entrepreneur´s Guide.

electric city bike

Charging ahead

Tapping into the electric bike boom, Greenwheel is a smart innovation from Switzerland that slots into nearly any conventional bike, eliminating the need for riders to change to a whole new model. Entrepreneur Butch Gaudy (above) originally hails from NewYork but is a pioneer on the Swiss cycling scene, founding mtb Cycletech bike company and having imported the first mountain bike to the country in the early 1980s. Gaudy developed Greenwheel together with Taiwanese student Michael Lin in 2009 as a part of the interdisciplinary Smart Cities project at mit. “We’re targeting city dwellers who are exposed to the continuous stop-and-go of urban traffic,” says Gaudy.The smart design gives bikes the look of a normal city bike and allows them sudden bursts of acceleration at traffic lights – up to 25km/h.Time-consuming starts at intersections and arduous hill climbs become child’s play. — dt

why it works: The electric motor is built into the back wheel, weighs 6kg and can last 30km after a full recharge, which takes little longer than a stop for coffee and cake.

Der Pop-up-Trend greift nun auf Hotels über25. Juli 2012

MYKONOS. Egal ob bei Shops, Clubs, Restaurants oder Museen –Pop-up liegt im Trend. Jetzt hat der Spass auf Zeit auch die Hotelbranche erreicht. Wie etwa das San Giorgio auf Mykonos. Das griechische Eiland ist als Partyinsel bekannt – doch in letzter Zeit etwas eingerostet. Wie auch das Hotel San Giorgio. Obwohl das kleine Resort gleich neben dem traumhaften Paradise Beach mit Blick aufs offene Meer liegt, war es ein Hotel wie tausende andere Herbergen in Griechenland: etwas lotterig, austauschbar und bisweilen mit mangelhaftem Service. Bis das Berliner Reiselabel Designhotels sich des Hauses angenommen hat: Das alte Interieur wurde durch warme Holzmöbel ersetzt.

In der Lobby finden sich Apple- Produkte und glänzende Designbücher. Das Servicepersonal ist jung und hübsch, das Essen lokal und bio – und es gibt WLAN in jedem Zimmer. Ein VIP-Eintritt im In-Club Paradise ist ebenfalls inbegriffen. Das tiefblaue Meer, Palmen und Sonne sind eben nur eine nette Begleiterscheinung. Das wahre Highlight sind die Menschen selbst: Am Hotelpool treffen Werber auf Künstler, Models auf Hippies und alle tauschen sich bis in die späte Nacht aus. Aber nicht mehr lange: Mitte Oktober schliesst das Pop-up-Hotel seine Pforten. David Torcasso

“Berlin steht kopf”6. Juli 2012

Derzeit findet in Berlin die 27. Ausgabe der Modemesse «Bread & Butter» statt. Sie ist das Lebenswerk des Karl-Heinz Müller, der sein Handwerk einst von einem Schweizer lernte. In ihrem Umfeld hat sich inzwischen eine Modewoche etabliert.

David Torcasso

Dass Berlin diese Woche auch wieder eine europäische Modehauptstadt ist, ist massgeblich das Verdienst von Karl-Heinz Müller. Er war es, der mit der «Bread & Butter» 2003 den Grundstein für ein halbjährliches Branchentreffen der Jeans- und Casual-Wear-Szene legte und damit indirekt eine ganze Reihe anderer Events anzog. Im Umfeld der Streetwear-Messe, welche 2012 vom 4. bis zum 6. Juli stattfindet, hat sich inzwischen eine veritable Berliner Modewoche formiert, die jede Saison Hunderttausende von Besuchern anzieht. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit bedankte sich dafür beim Initianten Karl-Heinz Müller mit einem Verdienstorden.

Zupackender Unternehmer

Das Hauptquartier der Bread & Butter liegt im Herzen Berlins am Hackeschen Markt. In den Büros mit den grossen Fenstern und langen Korridoren arbeiten gutaussehende Angestellte. An der Wand hängen die Plakate der bisherigen Messen. Der 55-jährige Karl-Heinz Müller fällt auf, nicht nur wegen seiner Körpergrösse von fast zwei Metern. Er trägt abgewetzte Jeans, ein Hemd und Lederstiefel. Mit seinem Bart sieht er keineswegs aus wie der typische Vertreter der glamourösen Modewelt, sondern eher wie ein zupackender Unternehmer. Und das ist er auch. Denn Müller organisiert nicht nur die weltgrösste Streetwear-Messe auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, sondern ist auch selbst Inhaber und Kurator einer Boutique. Sie heisst 14 oz. und liegt an der Neuen Schönhauser Strasse in Berlin-Mitte.

Sein Handwerk hat Karl-Heinz Müller von einem Schweizer gelernt: von Edwin Fäh, in den achtziger Jahren als Gründer der Marke Big Star eine Art Jeans-Guru. Fäh holte ausserdem die amerikanische Kultmarke Carhartt nach Europa. «Edwin Fäh ist bis heute mein wichtigster Mentor und hat mir das Gespür für die Marken und die Branche eingepflanzt», sagt Müller, sich vor seinem Ziehvater verneigend. Mit Fäh sei er auf der ganzen Welt unterwegs gewesen und habe gelernt, welche Werte eine Denim-Marke ausmachten. Aus dieser Erfahrung schöpft Müller bis heute. Nach einer Karriere vom Aussendienstmitarbeiter zum Geschäftsführer eröffnete Karl-Heinz Müller im Jahr 1999 seinen ersten eigenen Jeansladen in Köln. Mit Fleiss und Charakter und weil er sich bestens in der Branche auskannte, machte er sich rasch einen guten Namen.

Pflichttermin für «Jeanser»

Heute ist Jeansfürst Karl-Heinz Müller Herr über mehr als hundert Angestellte und per Du mit den Chefs von Weltmarken wie Levi’s, G-Star, Diesel oder Pepe. Die Bread & Butter ist zum Pflichttermin für die «Jeanser» geworden. Ein Spaziergang war dieser Erfolg indes nicht.

Und dass Berlin heute eine Modestadt ist, war im Jahr 2003, als Müller die 2001 in Köln gegründete Bread & Butter erstmals im ehemaligen Siemens-Kabelwerk in Berlin-Spandau veranstaltete, noch keineswegs klar. «Viele haben uns damals abgeraten, die Bread & Butter nach Berlin zu verlegen», erinnert sich Müller. In der Stadt sei kein Geld vorhanden, hiess es. «Ich hörte auf meinen Bauch und entschied mich trotzdem für Berlin.» Im Jahr 2005 initiierte Müller eine Parallelveranstaltung in Barcelona, die weit schneller wuchs als die Berliner Messe – in der Folge wurde die Bread & Butter ab dem Sommer 2007 für zwei Jahre nur noch in Spanien abgehalten.

Im Jahr 2009 kehrten Müller und der Jeans-Zirkus triumphal nach Berlin zurück und bekamen von Berlins Bürgermeister Gastrecht auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof. «Berlin war immer unsere Zentrale. Wir sind hier verwurzelt und haben unsere Familien und Freunde hier», sagt Müller zur Rückkehr in die deutsche Hauptstadt. «In Berlin höre ich die Flöhe niesen und kenne jeden. In Barcelona war ich nicht so nahe dran.» Genau das ist Müllers Erfolgsrezept: Er ist nicht einfach Chef einer bedeutenden Messe, sondern ein Mann vom Fach, und er verfügt über beste Beziehungen.

Um diese Nähe zur Denim- und Streetwear nicht zu verlieren, betreibt Müller auch den eigenen Laden. «14 oz. ist mein Baby, dort bin ich an der Quelle und weiss, wie die Marken funktionieren, was bei den Leuten ankommt. Das ist sehr wichtig für mich», sagt Müller. Modisch setzt er auf Marken mit Herkunft und Geschichte, sogenannte Originale: «Es gibt heute leider so viele Marken, hinter denen nur noch Marketing und keine Manufaktur mehr steckt», beklagt sich der Jeansprofi. Dagegen will er ein Zeichen setzen. Mit Erfolg: Im kommenden Herbst wird ein zweiter 14 oz. am Kurfürstendamm eröffnet. «Westberlin gewinnt wieder an Bedeutung», prophezeit Müller.

«Demokratisierung der Mode»

Für Berlin ist die Bread & Butter heute ein wichtiger Image- und Wirtschaftsfaktor. Die über hunderttausend Besucher pro Saison bescheren der Stadt nach Schätzungen der Berliner Investitionsbank einen Mehrumsatz von 70 bis 90 Millionen Euro (Quelle: Brandeins). Logisch, dass damit auch Karl-Heinz Müllers Wanderjahre zu Ende sind. Der 2009 abgeschlossene (und politisch umstrittene) Mietvertrag für den alten Flughafen Tempelhof läuft für zehn Jahre. «Ich möchte die Bread & Butter in den kommenden Jahren verfeinern und stärker einem breiten Publikum öffnen», sagt Müller.

Zur weiteren «Demokratisierung der Mode» schwebt Karl-Heinz Müller «eine Art Mode-Oscar für den Bereich Street- und Urban Wear» vor. «Die gesamte Branche könnte eine riesige, internationale Jury bilden, bestehend aus Einzelhändlern, Vertretern, Einkäufern sowie Modejournalisten, die dann die Performance und Kreativität der Marken bewerten», phantasiert der Messechef. Denn die Bread & Butter sei eben nicht nur eine Messe, sondern ein Event. «Berlin steht für ein paar Tage kopf», sagt Müller zufrieden, lehnt sich zurück und geniesst die Party.

Bethany Cosentino26. Juni 2012

Bethany Cosentino will auf der ganzen Welt berühmt sein. In den USA ist sie das mit dem rotzigen Surf- Pop ihrer Band Best Coast schon. Jetzt hat sie zusammen mit Urban Outfitters eine eigene Kollektion entworfen.

Foto: Ariane Hosemann, Text: David Torcasso

Bethany Cosentino liebt L.A., und L.A. liebt Bethany Cosentino. “Ich mag Surfen und bin ein Homebuddy, der lieber mit Freunden Wein trinkt als in Clubs abzustürzen”, sagt die Sängerin der Band Best Coast. Davor hat Bethany ein Jahr in New York gelebt, weil sie genug hatte von Kalifornien. Um die Kälte an der Ostküste im Winter zu ertragen, hörte sie in ihrem kleinen Apartment Beach Boys oder The Mamas and the Papas – bis sie selbst solche Musik machen wollte. Um ihre Band zu gründen, zog Bethany von New York an ihre “Best Coast” zurück, wo sie vor 24 Jahren in Los Angeles geboren wurde. Ihr leidenschaftlicher Surf-Rock ist von großen Legenden inspiriert, aber gefühlvoller: “Meine Songs sind ein öffentliches Tagebuch. Ich teile meine Geheimnisse mit der Welt.” In den USA sind Best Coast in den letzten zwei Jahren durch ihren “California Dreaming”-Sound ziemlich bekannt geworden. Das erste Album “Crazy for you” wurde wegen seines authentischen Lo-Fi/60ties/Garage-Rock-Feelings gelobt. Ihre Musik ist ein Liebesbrief an Kalifornien und erzählt von sonnigen Tagen am Strand und komplizierten Surferboys.

“Es wäre toll, auf der ganzen Welt berühmt zu sein. Aber nicht so wie Lady Gaga. Das wäre mir zu anstrengend”, sagt die 24-Jährige. Doch wie Lady Gaga versucht sich Cosentino nun in Fashion: Für das amerikanische Label Urban Outfitters hat die Sängerin eine Minikollektion im Vintagelook entworfen. Eine Auszeichnung, denn die einzige Musikerin, die bislang mit dem Label zusammenarbeitete, war die Grand Dame des Indie-Rock – Kim Gordon von Sonic Youth. Während Cosentino bei ihren Liedern aus den 60er-Jahren schöpft, rückt sie bei ihrem Modestil knapp zwei Jahrzehnte in die späten 70er und frühen 80er vor. “Stevie Nicke von Fleetwood Mac war nicht nur eine großartige Sängerin, sondern hatte auch einen tollen Stil. Sie ist ein Vorbild für mich und die Kollektion.” Darüber hinaus inspirieren Cosentino Filme wie das Groupie-Märchen “Clueless”.

Bethany kann ohne ihre Lieblingsteile und Schmuck nicht auf die Bühne gehen. “Vor einer Tour kaufe ich mir immer viele neue Klamotten”, lacht sie. Sie mag Ankle Boots, weite Kleider oder Ballerina-Mode. Für ihre eigenen Entwürfe hat sie nicht selbst Hand angelegt. “Ich sagte den Designern, ich möchte einen Jumpsuit aus Leder oder eine Jacke mit einer bestimmten Art von Knöpfen. Sie haben mir ein Beispiel geschneidert, und ich sagte ja oder nein”, erzählt Bethany. Ihre Entwürfe sind ein wilder Mix aus Vintage-Klassikern, versetzt mit einer modernen Note: Ein Kleid wird zur Shorts, eine Jeansjacke zu einem Pullover. Alles ist bunt – genauso wie die Blumenjeans, die sie zum Interview trägt.

Best Coast ist die Band von Sängerin Bethany Cosentino und Bob Bruno. Gefunden und gegründet haben sie sich 2009 in Los Angeles, Kalifornien. Ihr zweites Album “The Only Place” ist vor kurzem bei Wichita Recording erschienen. 

The Hives: Halbstark made in Schweden

FÜR DIE ERSTEN TOUREN MIETETEN SIE SICH EINEN ALTEN VW-BULLI VON FREUNDEN, MITTLERWEILE SIND SIE DIE GRÖSSTE ROCKBAND SCHWEDENS UND SAMMELN FORTBEWEGUNGSMITTEL. VOM SAAB 900 I ÜBER DAS FAHRRAD BIS ZUM MERCEDES 300 SL – THE HIVES STEHEN AUF ALLES, WAS FÄHRT

Foto JAN FRIESE Text DAVID TORCASSO

Schwarze Lederjacken, schwarze Boots, schwar- ze Sonnenbrille und ein schwarz glänzender 900 I – Saabs letztes schönes Auto: Die fünf Jungs der schwedischen Rockband The Hives passen perfekt zur exzentrischen Karosserie des Kult- autos, das immer noch am liebsten von Kreativen oder Lehrern gefahren wird. Die Passanten bleiben stehen, weil der Anblick von Band und Auto so perfekt passt als würde ein Film gedreht. „Halbstark made in Schweden“, könnte sein Titel sein.

Hives-Sänger Howlin Pelle Almqvist scheint den Wagen gut zu kennen. Geübt montiert er die Motorhaube ab – beim Saab 900 nicht ganz einfach. „Dieser Wagen steht in Schweden an jeder Ecke. Viele Freunde von uns fahren ihn“, erklärt Howlin. Er mag die Karre. Nicht nur, weil es eines der bekanntesten schwedischen Autos ist, sondern weil es für die 80er-Jahre steht wie fast kein anderes Au- tomobil und in den 80ern ist er aufgewachsen.

Damals rollte dieses Modell als Cabriolet in Dutzen- den Filmen über die Leinwand. Er galt als avantgardisti- sches Luxusauto. Heute ist Saab Vergangenheit. Nicht nur die schwedische Rockband, sondern viele Anhänger der Marke bedauern das. „Vielleicht kaufen es ja die Chine- sen, wie alles heutzutage“, sagt Bassist Matthias Bernvall alias Dr. Matt Destruction und zuckt mit den Schultern.

Obwohl die Band meistens monatelang durch die ganze Welt tourt, fahren sie zu Hause alle Auto. Schließ- lich ist Schweden ein riesiges Land, wo man außer in den Städten auf irgendein individuelles Fahrzeug angewiesen ist. Außerdem wohnen die fünf Bandmitglieder an ver- schiedenen Orten. „Wir treffen uns meistens irgendwo in der Mitte. Das bringt aber mindestens eine zweistündige Fahrt mit sich“, sagt Howlin.

„Ich brauche das Auto während der Woche nicht so oft, weil ich die Strecken mit dem Fahrrad zurücklege“, sagt Matthias. In den Anfangszeiten der Band mieteten sich die Jungs einen alten VW-Bus bei Freunden, um die Instrumente zu einem Gig zu transportieren. Mittlerwei- le sind sie weltberühmt und sind nicht mehr auf klapp- rige, alte Busse angewiesen. Wer hat nicht schon mal ihre Hits wie „Tick Tick Bumm“ aus einem Autofenster in voller Lautstärke gehört.

Howlin bevorzugt alte Autos. „Ich fahre einen Mer- cedes SL 300 aus den 80er-Jahren. Der gleiche wie in der Serie Dallas“, lacht er. Es sei zwar ein Klischee, als Rock- sänger Autos aus vergangenen Epochen zu mögen, meint der Hives-Sänger. „Aber hey, sie sind einfach schöner. Genauso wie alte Häuser oder Möbel“. Gitarrist Vigilante Carlstroem meint: „Der Lamborghini Countach war das coolste Auto der Welt!“ Heute finden sie viele Autos lang- weilig, weil sie auf Funktionalität und Kosteneffizienz hin gebaut sind. „Früher war der Wille, etwas Schönes zu kreieren, viel größer als heute“, findet Carlostroem.

Der größte Autonarr bei The Hives ist Schlagzeuger Christian Grahn alias Chris Dangerous. Er nannte eine Zeit lang dreizehn Autos sein Eigen. Von teuren, italienischen Schlitten über alte, rostige Amerikaner bis hin zum neusten BMW. Er sammelte vor allem italienische Marken wie Alfa Romeo oder Lancia. „Jetzt fahre ich aber oft Fahrrad“, sagt er und ergänzt: „Wir haben wohl alle die Lektion gelernt, ein Auto für den Spaß und ein normales für Transporte oder Einkäufe zu besitzen.“ Bandleader Howlie erinnert sich an Familienausflüge als Kind, bei denen er am ganzen Leib schlotterte, weil die Heizung nicht funktionierte oder das Auto mitten in der Schneelandschaft mit den verzweifelten Eltern stehen- blieb. „Mit einem neuen Auto bist du auf der sicheren Seite.“ Was gar nicht rockermäßig klingt. Und als ob er das gleich wieder gutmachen wollte, sagt er: „Ich fahre ab und zu ganz alleine in der Nacht mit aufgedrehter Anlage durch die Landstraßen und singe laut vor mich hin.“ Es passierte ihm auch schon, dass jemand zu seiner Stimme an der Ampel „abgerockt“ habe. Daraufhin sagt Schlagzeuger Chris Dangerous: „Autos sind fucking beautiful, man!

Back to technology6. Juni 2012

Stephan Sigrist is the founder of W.I.R.E. (Web for Interdisciplinary Research & Expertise), a Zurich based think tank that strives to encourage an interdisciplinary cooperation between theory and praxis. Depending on their varying projects, that cover subjects on society, health, technology or education, W.I.R.E. draws on the knowledge of experts from different fields.

From a trend researcher’s point of view, Sigrist is convinced that in the future, Europe along with the western world will need to move away from a pure consumerist attitude, returning to production in order to overcome current crises.

“To not only speak of, but to actually create things, that is avant-garde to me,” says Sigrist. For him Technology Will Save Us is a pioneering project in this sense. Daniel Hirschmann is one of the co-founders and calls his enterprise a “haberdashery for technology and education.” His objective is to make technology more tangible through do-it-yourself kits, and to give the consumer a better understanding when it comes to purchasing products and making full use of their application.
“We see ourselves as part of the ‘maker-community’ – people, who take things apart with the intention to recycle and re-use them”, says Hirschmann. He believes in a new movement that will bring people back from an online world to a more offline world. “Nowadays, people would like to know what constitutes a complex product.”

Production: David Torcasso and Vanessa Obrecht / Filming and Photos: Cleo Vogler and Paul Meaden / Sound recordist: Alysha Sayami Vogler / Editing: Konterfei / Music: Bunnystripes

Travail au lac19. Mai 2012

Vielleicht der schönste Arbeitsplatz überhaupt: Diese fünf Männer arbeiten im, am oder mit Wasser und zeigen, wie vielfältig dieses Element sein kann.

Leichen aus dem See ziehen muss René Guler, 39, zum Glück selten. Vielmehr weist er die Leute auf dem See auf die Verkehrsregeln im Wasser hin, befreit sie aus gekenterten Booten und taucht auch ab und zu nach einem verlorenen Ehering. «Tauchen hat mich schon immer fasziniert. Es ist zwar dunkel, kalt und trüb, aber dafür ist man völlig schwerelos und in absoluter Stille», sagt René Guler. Der 39-Jährige ist seit bald zehn Jahren bei der Wasserschutzpolizei der Stadt Zürich und wurde im vergangenen Jahr zum Chef Tauchen & Ausbildung ernannt. Obwohl das Wasser knapp fünf Grad kalt ist, stürzt sich Guler an diesem Morgen ohne Zögern in den See und taucht ab. Seine Arbeitsbekleidung gleicht der eines Astronauten. Früher war er im Streifenwagen in der Stadt Zürich unterwegs, heute sagt er: «Den ganzen Tag draussen zu verbringen, mich frei zu bewegen und frische Luft zu tanken ist die bessere Option, als in einem geschlossenen Wagen zu sitzen».
Dabei unterscheidet sich seine Arbeit nicht sehr von der Streifenwagenpatrouille – nur das Terrain ist anders: eben Wasser. Guler sorgt auf dem See für Sicherheit, Ruhe und Ordnung: korrektes Verhalten der Schiffskapitäne in der Uferzone, Belegverbote im Hafen, Patrouillefahrten an Sommertagen, Jugendliche daran hindern, ins Fahrwasser von Kursschiffen zu springen und erschöpfte Schwimmer retten, verlorene Portemonnaies aus dem Wasser fischen oder auch mal Leichen suchen. Das ist die am wenigsten erfreuliche Aufgabe von Guler. «Man taucht dann auf den dunklen Seegrund hinab und weiss, dass man irgendwann einen Menschen finden wird, dessen Körper leblos mit der Strömung treibt.» Je länger die Suche dauert, desto mehr Gedanken macht er sich um das Schicksal dieser Person. «Es ist nicht angenehm, wenn ein Badi-Aufseher abends anruft und meint, hier würden noch Kleider von jemandem liegen.» Ertrunkene gibt es am Zürichsee aber glücklicherweise recht selten. Was viel eher zum Arbeitsalltag von Guler gehört, ist die Ungeschicklichkeit der Seebenutzer. Sie verlieren ihren Ehering, fahren mit einem Boot hinaus und merken erst dort, dass der Tank leer ist oder vom Radiohören sich die Bootsbatterie geleert hat, versperren den Weg der Kursschiffe, rammen an schönen Sommertagen verirrte Pedalofahrer. «Die Leute sind manchmal schon etwas hilflos, weil sie glauben, das Wasser und den See zu kennen.» Das sei aber nicht so einfach und brauche jahrelange Erfahrung, ist Guler überzeugt.
Der Zürichsee ist zwar umgeben von Urbanität, aber eben immer noch ein See – also Natur, die man nicht restlos bändigen kann. Das weiss Guler und ist deshalb tolerant gegenüber den Seenutzern. Er verteilt nicht immer eine Busse, sondern spricht auch mal eine Verwarnung aus. «An Land ist klar: Bei Rot bleibt man stehen. Im See kennen nicht alle Leute die Regeln.» Sein Job ist oft dankbarer als der seiner Kollegen in der Stadt, weil die Leute grundsätzlich positiver gegenüber der Polizei auftreten. Hier ist er oft wirklich noch «Freund und Helfer». Das spürt Guler: «Die Leute befinden sich in ihrer Freizeit und sind entspannter als der gestresste Autofahrer im Feierabendverkehr.»

Adrian Gerny, 24, ist der einzige Berufsfischer in der Stadt Zürich und beliefert mit seinen Forellen, Eglis und Felchen Dutzende Restaurants und Lebensmittelbetriebe in Zürich. Wenn andere von der Party nach Hause gehen, beginnt er mitten auf dem dunklen See seine Netze auszulegen. Während die meisten 24-Jährigen sich samstagnachts zu Techno-Bässen die Nächte um die Ohren schlagen, packt Adrian Gerny seine Gerätschaften auf das Fischerboot und fährt auf den stockdunklen See hinaus. Dort ist es still wie an keinem anderen Ort in Zürich. Genau das mag Gerny: «Wenn an einem schönen Wintermorgen die Sonne aufgeht, der See spiegelglatt ist und ganz ruhig, dann möchte ich am liebsten die Zeit anhalten.»
Und dennoch: Gernys Job ist nichts für Weicheier. Denn der Fischer fährt das ganze Jahr auf den See hinaus. Bei klirrender Kälte, Eisregen, Stürmen und Gewitter. «Im Winter muss ich mit einem Eispickel die Eisbrocken vom Boot abschlagen.»
Gerny hält das aus. Wenn er im Winter mitten in der Nacht losfährt, ist niemand da, der ihn sehen oder hören könnte. Würde er von einer Welle ins Wasser gespült, ist es vorbei. «Wenn du im Winter draussen bist, gibt es kein Zurück.» Daran denkt er aber kaum, sondern geniesst den Moment, wenn er bei dichtem Nebel glaubt, alleine auf der Welt zu sein. «Ich bin schon ein Einzelgänger», lacht er.
Die Hauptsaison des Berufsfischers ist im Sommer: Dann steht Gerny um zwei Uhr nachts auf und kommt selten vor neun Uhr abends nach Hause. Sieben Tage pro Woche. Ferien gönnt sich der Fischer nur gerade drei Wochen im Jahr. «Als Berufsfischer hast du kaum ein Privatleben.» Für seine Selbständigkeit und seine «Produkte», wie er sagt, nimmt er dieses Exotenleben in Kauf. Seine tägliche Beute variiert zwischen fünf und hundert Kilogramm Fisch. Hat er die Netze eingesammelt, nimmt Gerny die Fische selbst aus und bereitet sie für die Restaurants und Lebensmittelhändler fast pfannenfertig vor.
Gerny bietet wohl das frischeste Produkt an, das man sich auf einem Teller wünschen kann. Des Zürchers Lieblings-fische wie Eglis, Forellen, Hechte oder Felchen werden am Morgen gefangen und abends gegessen. «Wenn ich sehe, wie die Leute die Qualität und Frische beim Essen spüren, macht mich das glücklich.» Sein Job sei Stress und Erholung zugleich. Den Zürichsee kennt der 24-Jährige wie seine Westentasche. Trotzdem ist jeder Tag anders. «Die meisten Zürcher kennen den See als Erholungsraum. Dabei hat er viel mehr zu bieten und kann manchmal sehr widerspenstig sein.»

Meinrad Fuchs, 61, ist Chef des grössten Schweizer Stausees – des Sihlsees. Was auf den ersten Blick unspektakulär erscheinen mag, ist tatsächlich eine grosse Verantwortung: Würde der Staudamm brechen, würde Zürich innert kürzester Zeit von einer Flutwelle erfasst. Fast jeder Zürcher kennt diese Legende: Innerhalb von zwei Stunden wäre das Wasser aus dem scheinbar kleinen See in der grössten Schweizer Stadt und würde sie bis zum ersten Stock unter Wasser setzen. Denn der Sihlsee umfasst rund 96 Millionen Kubikmeter Wasser. Damit produzieren die Etzelwerke AG, die im Besitz der SBB sind, rund 300 MW Strom pro Jahr.
Das Potenzial dieses Sees ist kaum zu erkennen, wenn man an einem sonnigen Morgen am Sihlsee entlang geht. Das Spiegelbild der Schneeberge unweit von Einsiedeln vermischt sich auf der glatten Oberfläche mit dem Glitzern der Sonne im Wasser. Ein etwas zu gross geratener Bergsee, möchte man meinen. Dabei liefert der Sihlsee zu Spitzenzeiten bis zu zwölf Prozent des gesamten Netzstroms der SBB. «Der Vorteil ist, dass mit einem Stausee nach Bedarf Strom produziert werden kann. Nicht wie ein unter Dauerlast laufendes Kraftwerk etwa an einem Fluss,  welches  immer  läuft», erklärt Stausee-Chef Meinrad Fuchs. Doch daneben schätzt er vor allem die Erlebniswelt Wasser:  «Bei schönem Wetter beneiden mich alle Bekannten um meinen Job», lacht er. Der Sihlsee ist gewissermassen der Garten von Fuchs: Jeden Tag pflegt und hegt er ihn. «Ich bin Förster, technischer Leiter und Bauarbeiter in einer Person», sagt Fuchs. Er macht jeden Tag Kontrollrundgänge, vollführt mit seinem Team Messungen, räumt Holz weg und verstopfte Zuläufe frei.
Fuchs’ wichtigste Aufgabe ist jedoch die Sicherheit seines wohlbehüteten blauen Arbeitsplatzes. Der Stausee-Chef erstellt jede Woche einen Sicherheitsbericht für den Bund, führt Messungen durch und macht täglich mehrere Rundgänge – auch weil er Sabotageakte verhindern soll. Schliesslich hängt das Schicksal der grössten Schweizer Stadt von ihm ab. Fuchs winkt ab:  «Das ist kaum möglich – wie ein Erdbeben in dieser Gegend. Das gibt es nur alle 25 000 Jahre.» Trotzdem hat er schon einige Unwetter erlebt und wurde mitten in der Nacht von einem Alarm geweckt, weil es zwischen den Bergen stürmte und tobte. Und Fuchs das gestaute Wasser mittels Zu- und Abfluss regulieren musste.
Sein früherer Job als Bauführer sei ihm zu stressig geworden, sagt Fuchs offen. Jetzt arbeite er am schönsten Ort, den man sich vorstellen kann. In der Nähe, wo er aufgewachsen ist und schon als Kind im See plantschte. «Meine Arbeit ist nicht nur ein Beruf, sondern auch ein Hobby», sagt Fuchs. Nur eins hat er nach dem Stellenantritt vor zwanzig Jahren verweigert – direkt im Wärterhaus auf dem Staudamm zu wohnen.  «Ich kenne den See zwar gut und habe ihn zumeist unter Kontrolle. Aber manchmal muss ich auch ohne ihn auskommen.

René Sutter, 59, ist in seiner zwanzigsten Saison Bootsvermieter am Zürichsee. Vorher war er Seepolizist. Jetzt kümmert er sich um die schönsten Pedalos
der Stadt. Wütend wird der freundliche Herr Sutter nur, wenn mit seinen 60 Jahren alten Schmuckstücken Unfug betrieben wird.
«Eine Bootsvermietung sollte man ärztlich verschreiben lassen. Denn Wasser kann sehr erholsam wirken», sagt Sutter und bietet Kaffee an. Draussen, hinter seinem Holzhaus, wo er seine Bootsvermietung in Zürich-Enge betreibt, ist der See silbergrau. Der Himmel bewölkt. Nur die Kursschiffe sind auf dem Zürichsee unterwegs. «Wenn die Leute gestresst aus dem Büro kommen, in ein Pedalo steigen und eine Stunde später wie verwandelt – nämlich erholt und lächelnd – zurückkommen, weiss ich, dass ich den richtigen Job habe», sagt Sutter.
Der ehemalige Seepolizist ist ein Nostalgiker – zum Glück: Seine Forsa-Pedalos sind über 60 Jahre alt, strahlen aber immer noch in leuchtendem Rot. Steigt man hinein, findet man sich in einer Postkarte aus den fünfziger Jahren wieder. «Das Pedalo ist ein Stück Schweizer Kultur», sagt Sutter. Was der Nostalgiker hingegen nicht mag, sind die neuen Plastic-Pedalos. Und Zürcher, die sich nur aus Prestigegründen ein Schiff auf dem See anschaffen. «Das sind keine Böötler», sagt Sutter. Früher habe man jeden auf dem See gegrüsst, erinnert er sich. Wie auch viele seiner Kunden bei einer Ausfahrt mit dem Pedalo in Erinnerungen schwelgen. Sie kennen diese Momente von ihren Eltern oder aus Filmen – manche haben gar schon einen Heiratsantrag auf einem Sutterschen Pedalo gemacht.
Wohl noch ein Stück mehr als seine Kunden schätzt der Bootsvermieter selbst «seinen» See: Dieser Arbeitsplatz sei jeden Tag anders und einzigartig, schwärmt er. Sutter ist meistens am Wasser und arbeitet weit mehr als einer im Büro. «Es gibt immer etwas zu tun. Ich bin froh, wenn ich es ab und zu zum Coiffeur oder Arzt schaffe.» Seine Pedalos müssen gut gewartet und gepflegt sein, sonst verlieren sie ihren Reiz.
Wegen dieser aufwändigen Wartung ärgert sich Sutter umso mehr, wenn Vandalen seine Boote zerkratzen oder beschädigen. Dabei mag Sutter junge Leute sonst gerne. Sie sind seine Hauptklientel, wenn sie mit der ersten Liebe draussen alleine auf dem See knutschen, auf dem Pedalo mit Freunden picknicken oder den kleinen Stahlkoloss als Badeinsel nutzen. Deshalb ist Sutter überzeugt: «Das Pedalo gibt es auch in fünfzig Jahren noch, weil es einfach ein zeitloser Klassiker ist.»

Nicht erst seit dem Fund der Pfahlbauer-Anlage beim Zürcher Parkhaus Opera ist klar: Rund um den See gab es auch schon vor Tausenden von Jahren Siedlungen. Thomas Oertle, 47, taucht nach Überresten unserer Vorfahren und konserviert sie für die Nachwelt. Seine Karriere hat schon als Bub angefangen: Als 12-Jähriger fand Thomas Oertle am Seeufer ein kleines Fragment aus der Pfahlbauer-Zeit. Das hat er noch heute in der Schublade seines Schreibtisches in den Räumlichkeiten der Unterwasser-Archäologie der Stadt Zürich. Inzwischen hat er Tausende von Fundstücken vom Seegrund geholt und alle sauber für die Nachwelt dokumentiert.  «Ein Objekt, das ein Mensch vor Zehn-tausenden von Jahren benutzt hat, in den Händen zu halten, übt auf mich einen grossen Reiz aus», sagt Oertle zu seiner Tätigkeit. «Die Aufarbeitung unserer Geschichte ist eine gigantische Arbeit – und ich trage einen ganz kleinen Teil mit dem Tauchen bei», sagt Oertle.
Der Archäologieforscher ist während des Jahres mehrere hundert Stunden unter Wasser und sucht nach Scherben, Werkzeugen oder Arbeitsmaterialien der
Pfahlbauer. Wie die Archäologen an Land.
Doch mit ihnen möchte Oertle nicht tauschen: «Die Ruhe im Wasser, das Schwere-
lose, ist unbeschreiblich.» In stundenlanger Feinarbeit tastet sich Oertle an Stellen vor, wo Pfahlbauten vermutet werden. Anstatt die Steinwerkzeuge mit einem Pinsel zu bearbeiten, wedelt er mit der Hand durch das Wasser und legt die Stücke frei. Er hat auch keine Tauchflasche am Rücken, sondern bezieht die Luft über einen Schlauch, der von einem kleinen Schwimmer über ihm herab reicht.
Oertles Glück ist, dass Überreste im Wasser oft viel besser erhalten sind als an Land. Er nimmt ein kleines schwarzes Objekt aus einer der unzähligen Schubladen. Es sieht aus wie ein Stück Kohle. Oertle grinst nur und sagt: «Das ist ein alter Apfelkern.» Weggeworfen von einem Pfahlbauer vor rund fünftausend Jahren. Solche Sachen findet Oertle bei seinen mehrstündigen Tauchgängen rund drei Meter unter dem Seespiegel in der Nähe des Ufers. Manchmal auch Blätter oder menschliche Überreste – luftdicht im Wasser konserviert.
An einem Tag stösst Oertle auf Dutzende Artefakte, an anderen Tagen auf kein einziges. Und teilweise will Thomas Oertle nicht einmal alles an die Oberfläche bringen, sondern seine Schätze vor der zunehmenden Veränderung des Sees schützen. Er lässt sie unten, «es sind zu viele», weiss Oertle.

Das Kabriolett

Willkommen an Bord der «Berliner Zigarren», der wohl schönsten Motorboote, 
die in den letzten hundert Jahren gebaut wurden. Diese Schiffe sind schnell – 
also unbedingt einen warmen Pullover einpacken.

Berlin ist eine Wasserstadt: Rund um die Millionenmetropole liegen zahlreiche Seen wie der Malchower-, der Müggel-, der Wann- oder der Griebnitzsee – insgesamt über 230 Millionen Kubikmeter Wasser auf rund 59 Quadratkilometern. Touristen, die heute nach Berlin fahren, besuchen die Seen allerdings kaum, und auch so manch ein Berliner nimmt sich jeden Sommer wieder von neuem vor, öfter hinzufahren. In den zwanziger und dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts war das anders: Der gut betuchte Berliner hatte ein Autoboot, zur sonntäglichen Ausfahrt zu See. Die eleganten Schiffe, ausgestattet mit Motoren von Maybach oder Mercedes Benz, die zwölf Zylinder und eine Leistung von 100 PS hatten, schafften Geschwindigkeiten von bis zu 50 km/h. An Bord gönnte man sich Champagner mit den Liebsten, spielte mit Freunden Skat oder genoss ein Sonnenbad auf dem Holzdeck. Hauptmerkmal der damals populären Autoboote war, dass man alles vom Fahrersitz aus bedienen konnte. Die meisten waren als «Kabrioletts» angelegt, einige Modelle verfügten auch über Gesellschaftszimmer aus Mahagoni – man nannte sie Salonschiffe.

Im Volksmund waren die Autoboote wegen ihrer länglichen Form (rund zehn Meter lang und zwei Meter breit) auch als «Berliner Zigarren» bekannt. Fast jeder grosse Autobauer jener Zeit bot seine Motoren auch als Marine-Version an. «In den dreissiger Jahren gab es über tausend Autoboote auf den Berliner Seen – heute sind es vielleicht noch fünfzig, von welchen etwa zwei Handvoll seetauglich sind», sagt Carsten Klink von der Werft Klink & Krüger im beschaulichen Berliner Aussenbezirk Köpenick direkt am Müggelsee. Ihre Werfthalle liegt in der Nähe eines Supermarktes hinter einer Baustelle. Patinierte Oldtimer-Limousinen stehen neben hölzernen Schiffsrümpfen, auf einem Hochlager ruhen verrostete VW-Käfer, daneben ein grosses Schiff im Rohbau, hinter einer Plane schaut ein Lenkrad eines Autoboots hervor.

Im Zweiten Weltkrieg wurden viele der Schmuckstücke versenkt, der Rest sei teilweise von den Russen abtransportiert worden, erzählt Klink weiter. Heute seien die Oldtimer eine echte Rarität: Im Schrottzustand kosten sie zwischen 3000 und 15 000 Euro – doch das ist erst der Anfang. In stundenlanger Handarbeit restaurieren Carsten Klink und Malte Krüger diese Boote. Bis zu 5000 Arbeitsstunden werden in die Schiffe investiert, bis sie wieder flott sind, und natürlich nur das beste Material: «Unsere Leute drehen jede Schraube von Hand hinein, auch wenn es mit der Maschine schneller ginge», sagt Klink. Wer so ein Boot kaufen möchte, kann deshalb dafür schon mal 400 000 Euro bereithalten. Die meisten Aufträge stammen direkt von Kunden – die heute alles andere als Salonlöwen seien. «Es ist eine Szene, die Freude an der Geschichte dieser Boote hat, die aber keinesfalls mit dem Jetset an der Côte d’Azur zu vergleichen ist», erklärt Carsten Klink, und Krüger doppelt nach: «Unsere Kunden lassen sich besser mit Fahrrad-Freaks als mit Ferrari-Fahrern vergleichen. Denn wenn du mit diesem Boot vorbei fährst, winken dir die Leute zu.»

www.klink-krueger.de 

Radikal elegant13. April 2012

Die skulpturale Avantgarde des in Berlin lebenden Bulgaren Vladimir Karaleev

David Torcasso

Vladimir Karaleev experimentiert mit freien Schnitten und offenen Nähten – und kreiert dabei trotzdem tragbare Mode. Er gilt als eines der grössten Talente jüngerer Generation.

Wer die Mode von Vladimir Karaleev verstehen will, sollte den Designer in seinem kleinen Studio nahe der Berliner Friedrichstrasse besuchen. Dort widmet sich Karaleev an einem grauen Montagmorgen einem Abendkleid. Er näht, schneidet, reisst, faltet, zieht und zupft an dem leichten Stoff wie ein Aktionskünstler. Das unkoordiniert wirkende Experimentieren mag auf den ersten Blick gar nicht zu dem grossgewachsenen Mann mit der sanften Stimme passen. Karaleev faltet die Naht nach aussen, lässt den Saum offen stehen oder schneidet gleich einen ganzen Ärmel ab. «Meine Kleidung entsteht intuitiv und instinktiv», sagt er. Wie ein Maler, der immer wieder Schichten auf der Leinwand übermalt, die bestehen bleiben, aber nicht mehr sichtbar sind. Obwohl Karaleev sagt, Mode habe nichts mit Kunst zu tun, hat er einige Shows in Kunstgalerien veranstaltet.

Interessant, nicht schön

Der Designer verwendet selten Schnittmuster oder Nesselstoff, sondern «skizziert» seine Kollektionen gleich am Originalstoff, etwa in Seide. «Das gibt den Kleidern etwas Fatales. Es gibt kein Zurück, wenn ein Stück weggeschnitten ist», sagt Karaleev. Er wisse nicht, wie seine Kleider am Schluss aussehen sollten. So entsteht allmählich eine Komposition, die Karaleev nach vielem Verwerfen und wieder neuem Nähen irgendwann mag. «Ich möchte nicht schöne, sondern interessante Kleider machen», so beschreibt er sein kreatives Wirken.

Die Mode von Karaleev strahlt eine grosse Spontaneität aus. Die Kollektionen sind wie Skizzen. Ein Kleid oder eine Jacke sieht aus, als hätte der Designer noch Minuten vor der Präsentation im Laden oder auf dem Laufsteg daran geschnitten. Dabei sind Karaleevs Kleider tatsächlich alles andere als unfertig. «Ich befasse mich intensiv mit einem Stück, betrachte und prüfe es über Tage hinweg», sagt er. Wenn man seine Kleidungsstücke anfasst und das schlichte Label im Nacken sieht, wird klar, wie viele Stunden Arbeit darin stecken.

Mit seinem Stil schafft Karaleev, was andere Designer oft vergebens versuchen: gegebene Formen und Muster zu hinterfragen, neu zu interpretieren und trotzdem klar zu bleiben. Karaleev kehrt die Mode gewissermassen von innen nach aussen. Sanfte Seidenstoffe schmiegen sich an den Körper des Trägers, raue Oberflächen präsentieren sich dem Betrachter. Die Kleider sehen immer aus, als seien sie noch im Entstehen begriffen.

Die neuste Damenkollektion, die an der Berlin Fashion Week im Januar präsentiert wurde, erntete erneut viel Beifall. Die wichtigste Anerkennung in seiner bisherigen Karriere erhielt Karaleev von Christiane Arp, der Chefin der deutschen «Vogue». Sie rückte den Designer mit den verdrehten und speziell drapierten Kleidern, Mänteln und Oberteilen in den Fokus der Modewelt, indem sie ihn für ihren «Vogue salon» selektierte. Die englische Modekette Top Shop zeigte daraufhin ein paar ausgewählte Kleidungsstücke in einer Abteilung für Nachwuchsdesigner. Dabei ist er im Grunde keiner, der auf «fast fashion» setzt – den schnell wechselnden Trends möchte Karaleev mit Kollektionen begegnen, die nicht nur für eine Saison halten.

Leichtigkeit und zeitlose Eleganz – das demonstriert Vladimir Karaleev in seinem Studio an einem dünnen Jackett in Senfgelb: Die Ärmel sind hochgerollt, aus den Taschen an der Seite hängt ein zweites Stück Seidenfutter heraus. Karaleev lächelt und sagt, genau so hänge die Jacke nachher im Laden. Offene Nähte sind bei ihm nicht provisorisch, sondern ein Markenzeichen. «Ich habe die Nähte offen gelassen, weil ein Saum den Fall des Kleides kaputtmachen würde», erklärt Karaleev. Ein Karaleev-Kleid verleiht der Trägerin eine radikale Eleganz.

Internationale Expansion

Vladimir Karaleev, in Sofia geboren und aufgewachsen, kam vor elf Jahren nach Berlin. Dort studierte er nicht an der hippen Universität der Künste, sondern belegte den Studiengang «Bekleidungstechnik» an der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Technik kommt dort, anders als an der Kunsthochschule, vor Kreativität. «Wir hatten dafür die besten Nähmaschinen», sagt Karaleev, der auch noch heute fast alle Teile selbst von Hand anfertigt und näht. Als Student langweilte er sich allerdings, dass neben Bekleidungstechnik auch Rechnungswesen auf dem Lehrplan stand.

Jetzt, wo sein Label wächst und Vertriebspartner in Libanon, Japan, Italien und Russland hat, ist er froh über die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse. Der wichtigste Schritt im vergangenen Jahr war für den Designer die Verpflichtung einer Produktionsstätte in Bulgarien, wo seine Kollektion produziert wird. Das Atelier befindet sich in der Nähe seines Elternhauses.

Den Körper abstrahieren

2006 präsentierte Karaleev seine erste Kollektion. Die Entwürfe, angelehnt an den Dekonstruktivismus der achtziger und neunziger Jahre, begeisterten vor allem Kunden aus Japan, wo seine Kollektion gut ankam. «In Japan ist der Raum zwischen Körper und Kleid wichtig», betont Karaleev. Was Europäer schön oder sexy finden, mögen die Japaner nicht – am wenigsten knallenge Kleider. «Mir gefällt es, Körper zu verhüllen, ihn zu deuten und immer wieder zu abstrahieren», sagt Karaleev.

Obwohl sich Karaleev nicht nur in Japan, sondern auch an seinem Lebensmittelpunkt Berlin einen Namen machen wollte, weigerte er sich vorerst, an grossen Modeshows teilzunehmen. «Ich dachte, meine Mode gehöre nicht auf den Laufsteg, sondern in einen Hinterhof», sagt er lachend. Inzwischen arbeite er gerne auch «kommerziell», wie er sagt. «Wie kann ich möglichst kreativ und individuell sein und doch verkäuflich bleiben?», fragt er sich. «Mode ist da, um getragen zu werden», ist Karaleev überzeugt, «Einfach etwas Verrücktes zu machen, das niemand tragen kann, ist einfach. Schwierig ist es, tragbare Kleider zu entwerfen und seinem Konzept treu zu bleiben.»

www.vladimirkaraleev.com

Letizia Battaglia30. März 2012

 

Letizia Battaglia hat aberhunderte Mafiamorde in Süditalien mit der Kamera festgehalten, ein schwarzweißes Blutarchiv. Mit ihren Aufnahmen wollte die 77-Jährige die Welt wachrütteln – und hat den Kampf um ihre Heimat Sizilien, wo sie noch immer lebt, trotz Morddrohungen nicht aufgegeben. 

Frau Battaglia, wie sind Sie zu dieser besonderen Art der Fotografie gekommen?
Letizia Battaglia: Ich habe sehr spät mit der Fotografie angefangen. Ich war bereits 37 Jahre alt. Ich habe damals drei Jahre in Mailand gearbeitet und dort das Handwerk gelernt. Dann hat mich die Tageszeitung L´Ora in Palermo angerufen und angefragt, ob ich nach Palermo zurückkehren wolle. Palermo ist meine Heimatstadt. Ich wurde dort geboren und sehe mich als Sizilianerin. Ich habe dann 18 Jahre lang für den Lokalteil von Palermo gearbeitet und alles fotografiert, nicht nur die „dunkle Seite“, sondern auch Firmenjubiläen oder Fußballspiele. Aber das waren damals schreckliche Jahre für unsere Stadt. Deshalb sieht man auf meinen Fotos so viele Ermordete, Tote, Verletzte und Verhaftete.

Wie erlebten Sie das erste Mal, als Sie eine Leiche fotografiert haben?
B: Es war schlimm – genauso so schlimm wie das letzte Mal. Eine Person zu fotografieren, die ihr Leben gewaltsam verloren hat, ist schrecklich! Ich konnte mich in all den Jahren nicht daran gewöhnen und mich nie mit dieser unglaublichen Gewalt abfinden. Es waren immer ein schmerzvoller Moment für mich.

Wie haben Sie das ausgehalten?
B: Ich war eine Frau, die arbeiten musste. Ich wollte Fotoreporterin sein und es war zunächst mein Job, diese Bilder zu machen. Nach ein, zwei Jahren Tätigkeit für L´Ora verspürte ich immer mehr die Pflicht, diese Gewalt in Palermo zu dokumentieren und der Welt zu zeigen. Die Mafia war sehr stark geworden und da konnte ich nicht tatenlos zu sehen.

Weshalb haben Sie sich dazu verpflichtet gefühlt?
B: Es war ein sehr starkes Verlangen. Es ging um meine Erde, meine Heimat! Der Staat, die Welt hat uns in Palermo in Stich gelassen. Wir fühlten uns alleine. Die Mafia hat uns das Glück geraubt. Ich wollte die Welt wachrütteln und sagen: Helft uns!

Warum haben damals so viele Menschen weggeschaut?
B: Die Geschichte von Süditalien ist sehr dramatisch. Der italienische Staat wollte die Mafia nie bekämpfen. Nie! Ich habe viele Ausstellungen in Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Amerika oder auch China gemacht. Ich wollte, dass die Welt weiß, was in Palermo passiert. Wir brauchen ein internationales Tribunal, dass die Mafia bekämpft, weil sie überall ist und uns alle betrifft. Ihre Macht ist riesig. Wir können uns das gar nicht vorstellen. Jeder hat direkt oder indirekt mit der Mafia zu tun.

Woher haben Sie die Kraft genommen, immer wieder diese erdrückenden Bilder zu machen?
B: Ich liebe die Gerechtigkeit und die Liebe. Unser Leben dreht sich um Liebe und nicht um Macht und Gewalt. Ich konnte das einfach nicht hinnehmen. So bin ich seit ich Kind bin. Auch jetzt, wo die Situation anders ist, bin ich immer noch sehr traurig und wütend.

Was wollten Sie mit dieser Dokumentation …
B: … Ich mache keine Dokumentation! Hier geht es um mein Land, meine Erde, auf der ich groß geworden bin und meine Enkel groß werden. Ich bin nicht nach Irak oder Iran gegangen, um Bilder zu schießen, dann zu verkaufen und wieder ruhig nach Hause nach Paris oder London zu gehen. Ich bin hier geblieben! Deshalb ist es keine Arbeit, es ist ein Kampf um meine Heimat.

Würden Sie sich mit einer Kriegsreporterin vergleichen?
B: Auf jeden Fall – es ist ein Zivilkrieg, wo sich die eigenen Brüder und Familienmitglieder gegenseitig umbringen.

Haben Sie selber um ihr Leben gefürchtet?
B: Ich wurde von der Mafia immer wieder mit dem Tod bedroht. Aber genau das macht die Mafia. Sie jagt allen Angst ein. Man darf sich nicht unterkriegen lassen, denn dann hat man verloren. Ich hatte immer Angst, aber musste weitermachen. Man darf die Mafia nicht akzeptieren.

Welche Opfer mussten Sie für diese Arbeit aufbringen?
B: Ich kann heute nicht mehr arbeiten. Niemand lässt mich mehr meinen Beruf ausüben. Alle anderen Fotografen arbeiten, verdienen Geld. Ich nicht. Ich bekomme in Palermo keinen Job mehr. Ich fühle mich in meiner eigenen Heimatstadt als Ausgestoßene.

Weshalb?
B: Ich bin den Leuten peinlich, weil ich keine Kompromisse mache. Die Mafia hat in Sizilien einen Teil der politischen Klasse übernommen und ihre Macht in alle Bereiche, auch in den Staat, ausgebreitet. Deshalb lässt hier niemanden einen Fotografen arbeiten, der gegen den Staat beziehungsweise die Mafia ist.

Was haben Sie mit Ihren Fotografien erreicht?
B: Nichts. Genauso wie all die Morde der Mafia nichts gebracht haben. Oder die ganze Arbeit all dieser löblichen Richter – Falcone, Borsellino – die allesamt ermordet wurden. Die Mafia ist immer noch da und wir haben nichts gewonnen.

Haben Sie nie ans Aufgeben gedacht?
B: Niemals. Und damit bin ich nicht alleine. Aber wir sind schwach. Weil die Politik sich nicht mit der Mafia anlegt, sondern sie eher unterstützt. Wir hatten eine ganz schlimme Phase, wo die Politik und der Staat mit der Mafia abgeschlossen hatten. Vielleicht wird es in Zukunft irgendwann besser.

Wie mächtig ist die Mafia zur Zeit in Italien?
B: Heute regelt die Mafia die Dinge anders. Sie ist in der Politik und an Banken beteiligt. So lenkt sie ihre Geschäfte. Die Mafia tötet keine Richter, Journalisten oder Polizisten mehr. Sie haben einen Pakt mit der politischen Klasse geschlossen, der so geht: Wir bringen niemanden mehr um, ihr helft uns, viel Geld zu verdienen. Die Mafia hat dabei gewonnen.

Das klingt alles sehr hoffnungslos…
B: Europa muss sich gemeinsam gegen die Mafia organisieren. Die Mafia gibt es nicht nur in Sizilien, sondern überall, in Deutschland, Russland und der Schweiz. Man braucht eine stärkere Kontrolle und neue Gesetze. Sonst ist dieser Kampf nicht zu gewinnen.

Gibt es Hoffnung, dass es irgendwann ein Ende hat?
B: Ich denke ja, vielleicht … vielleicht.

Wann wollten Sie das letzte Mal aus Palermo wegziehen?
B: Dieser Gedanke kommt mir ständig. Aber das ist mein Boden, meine Heimat, meine Wurzeln sind hier. Ich spüre, dass ich hier sein muss. Meine Präsenz kann ein Beispiel sein. Ich muss mit den Jungen reden, ihnen die Zusammenhänge erklären und ihnen zuhören. Das ist die einzige Hoffnung, die Jungen.

Das machen Sie allein durch die Fotos?
B: Nicht nur, ich war auch Politikerin. Ich war zehn Jahre lang Gemeinderätin in Sizilien. Ich wollte mehr machen und etwas bewegen.

Wie haben Sie eigentlich von den Morden, die sie fotografiert haben, erfahren?
B: Wir hatten auf der Redaktion ein illegales Radio, mit dem wir den Polizeifunk der Stadt abgehört haben. Wenn es eine Schießerei, einen Mord, Gewalt gab, fuhr ich mit der Vespa sofort los und machte die Fotos am Tatort. Meist wenige Minuten nach dem Geschehnis.

Wie haben Sie Abstand von all diesen schrecklichen Taten gewonnen?
B: Ich liebe das Leben. Ich lebe wie ein normaler Mensch. Ich habe zwar diesen Schmerz in mir, aber ich habe Kinder, Enkel, Familie, schöne Dinge um mich herum.

Wie konnten Sie nach Feierabend entspannen? Das stelle ich mir fast unmöglich vor, wenn man einige Stunden zuvor noch Leichen und trauernde Menschen gesehen hat?
B: Es ist sehr kompliziert (lacht). Es war nicht schön. Ich weiss nicht mehr, wie ich das gemacht habe. Man vergisst diese Taten nie, liebt aber auch zur gleichen Zeit. Man schaut in den Himmel, geht ins Museum, schaut ein Theaterstück an, isst mit der Familie an einem grossen Tisch. Das Leben ist wichtiger als alles andere. Trotz all dieser Gewalt und dieser Schwere war ich immer eine Frau, die über viele Ressourcen verfügte. Ich glaube, ich trage viel Liebe in mir. Ansonsten hätte ich es nicht ausgehalten.

Warum haben Sie sich bei der Fotografie nicht den schönen Dinge des Lebens zugewendet – zum Beispiel der Mode?
B: Mich interessiert Mode nicht. Wenn es andere machen, sieht es schön aus. Ich bin hier nach Palermo gekommen, um über meine Heimat zu erzählen. In einer Tageszeitung. Zuerst war ich Journalistin, dann wurde ich zur Fotografin. Ich war aber auch Reporterin, die beides machte. Aber ich liebe die Fotografie! Zu fotografieren bedeutet nicht nur die Welt zu erzählen, in jedem Foto ist auch ein Teil von mir drin. Wie bei einem Künstler. Meine Handschrift, meine Persönlichkeit, meine Ansicht der Welt ist in jedem Foto enthalten. Mit meiner kleinen Kamera kann ich große Geschichten erzählen.

Was machen Sie heute?
B: Ich bin sehr alt, aber froh, noch einigermassen fit zu sein (lacht). Ich mache heute keine Mafia-Fotos mehr. In diesem Sommer erscheint ein Buch mit meine neuen Bildern. Es ist schwierig zu erklären. Ich kann Ihnen gerne ein Exemplar zuschicken. Also, ich nehme antike, alte Bilder und vergrößere sie um ein Vielfaches. Davor lege ich eine Frau, die im Vordergrund steht, und meistens nackt ist.

Warum denn nackt?
B: Weil die Frau für mich für Liebe und Leben steht. Sie zieht Kinder auf. Ihr Körper gebiert Leben. frauen initiieren keinen Krieg. Zumindest noch nicht (lacht).

Ist die Frau das stärkere Geschlecht in Italien?
B: Vielleicht. Die Frau hat die Möglichkeiten, ein starkes Geschlecht zu sein. Aber nur wenn sie selbst voran geht und nicht die Vorstellungen der Männer nachahmen möchte. Sie muss die weibliche Idee des Lebens und der Liebe in sich weitertragen.

Letizia Battaglia ist 77 Jahre alt und hat zwischen 1974 und 1990 Jahre lang in Palermo für eine Tageszeitung gearbeitet. Sie wurde bekannt mit Bildern, die hunderte von Morden und Gewalttaten der Mafia in ihrer gnadenlosen und reinen Form zeigte. Ihre Fotos sind Zeitzeugen einer dunklen Zeit in den 70, 80 und 90er-Jahren in Süditalien, wo alleine in Palermo täglich mehrere Menschen im Krieg der Mafia starben. Battaglia wird von der Galerie Maes & Matthys Galerie vertreten.

Wer hat´s erfunden? Die Schweizer!24. März 2012


Die Schweiz ist ein Erfinderland. Innovation die treibende Kraft unserer Wirtschaftsleistung. Diese fünf Erfinder (ausser einem) haben das Rad nicht neu erfunden, aber bestehende Ideen clever und erfolgreich weiterentwickelt. 

Butch Gaudy, 61, ist Gründer der Schweizer Fahrradmarke MTB Cycletech und konstruiert heute das Greenwheel, ein elektrogesteuertes Hinterrad zum Selbsteinbau. Gaudy lebt in Bern, ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

SCHUB FÜRS VELO

Butch Gaudys Herz schlägt für Zweiräder. Früher verkaufte er Harleys in San Francisco, heute konstruiert der Gründer von MTB Cycletech eigene Motorvelos. Sein Name will nicht so recht zum Bernerdialekt passen, sein Aussehen nicht zum Alter. Gaudy wurde 1951 in New York City geboren, hat in Bern studiert und brachte 1981 das damals neue Mountainbike aus Ka- lifornien in die Schweiz.

Vor knapp zwanzig Jahren, als ein junger Ingenieur in Gaudys Werkstatt eine Autobatterie an ein Mountainbike schraubte, dachte er: «What the heck!» Heute erleben Elektrovelos einen Boom. Obwohl Gaudy ein flexibler Ttyp ist, gefällt ihm dieser fliessende Übergang nicht: «Ein Töff ist kein Velo, und ein Velo wiegt keine 30 Kilogramm», sagt Purist Gaudy.

Der Bikepionier fand die Lösung zuhause in Amerika. Am MIT in Boston entwickelte ein Student aus Taiwan, Michael Lin, ein e-Rad. Gaudy und Lin wurden Freunde und konstruierten nicht ein komplettes Elektrovelo, sondern lediglich ein Elektrorad: das Greenwheel war geboren. «Das Greenwheel kann man an jedes Velo befestigen», sagt Gaudy. Damit fällt das Stop-and-Go im Stadtverkehr leichter. «der Individualverkehr wird beschleunigt und umweltgerecht vorangebracht.» Mit dem «e-wheel» kommt man mit bis zu 25 km/h voran.

Natürlich kommuniziert Greenwheel mit jedem Smartphone – die Velofreaks arbeiten zurzeit an diversen Apps. «Das Greenwheel soll diebstahlsicher werden, sich über das iPhone orten oder auf- und abschliessen lassen», erklärt Gaudy. Die Serienreife ist für Frühling 2012 geplant.

EIN STUHL MIT FREIHEIT

Patrik Künzler, 43, ist Hirnforscher und produziert exklusiv in der Schweiz den völlig neuartigen Limbic Chair. In den kommenden zwei Jahren strebt er einen Absatz von mehreren hundert Stühlen an. Künzler lebt in Zürich.

Das Büro von Patrik Künzler ist ein Zimmer in seiner Wohnung im Zürcher Kreis 4. In der Ecke steht ein Skelett, daneben ein jungenhafter Typ mit Kragen. Alter zwischen 25 und 45. Dann sprudeln die Worte schon aus Künzler heraus: Eigentlich sei er Mediziner, nicht Möbeldesigner, er habe bei Ferrari gearbeitet, zwölf Jahre in den USA gelebt. Der Stuhl sei eine Revolution, weil er von der Bewegung anstatt vom Sitzen ausgeht. Zeit zum Luftholen braucht Künzler nicht. Man merkt sofort: der 43-Jährige ist blitzgescheit. Wenig verwunderlich, hat der Mann doch Hirnforschung am renommierten Massachussetts Institute of Technology MIT in Boston studiert.

Seine Erfindung steht hinter seinem Schreibtisch und sieht aus wie aus einem «Stars Wars»-Film. Limbic Chair nennt er sein «Baby». Setzt man sich drauf, muss man erst das Gleichgewicht suchen. Eine Rückenlehne sucht man vergebens. «Von Sitzen kann eigentlich gar nicht die Rede sein», meint Künzler. Man hängt viel mehr in zwei Karbonschalen aus der Formel-1- Technik, die sich um das Gesäss und die Oberschenkel schliessen. Die Argumente von Doktor Künzler kommen wie aus der Pistole geschossen: «Beim Skifahren, Reiten oder Golfen bewegt sich der Mensch vom Hals bis zum Fuss – aber beim Sitzen verharren wir in der immer gleichen Position und zerstören unsere Gesundheit.» Ganz zu schweigen, dass wir durch ständige Bewegung wacher und leistungsfähiger bleiben. Für die Erfindung Limbic Chair hat Künzler seine Erkenntnisse aus der Hirn- forschung mit Ergonomie kombiniert: «Der Stuhl ist so konstruiert, dass jeder Berührungspunkt physisch und emotional Wohlbefinden auslöst.»

Jetzt baut der Hirnforscher den Limbic Chair für Banker, Therapeuten, Ärzte und Sportler. Jeder Stuhl ist individuell auf den Körper des Besitzers abgestimmt – und kostet stolze 7500 Franken. «Ein Designerstuhl ist genauso teuer.» Sportler Dave Dollé hat auch schon einen. Obwohl sich jedes Unternehmen um die Innovationskraft von Künzler reissen würde, bleibt er lieber in seiner Wohnung und entwickelt weiter Stühle. «Das ist meine Leidenschaft.» In einer Ecke steht ein weiteres Möbel, verhüllt durch eine Decke. Es könnte ein Bett sein. Künzler lächelt geheimnisvoll: Am wichtigsten seien ihm die Feedbacks seiner Kunden. Eine Anwältin schrieb etwa, sie hätte dank ihm einen «Chairgasm» erlebt.

LAUFEN AUF WOLKE SIEBEN

Oliver Bernhard, 43, David Allemann, 41. Oliver Bernhard war Profi-Triathlet und Coach, gewann sechsmal den Ironman und war Duathlon- Weltmeister. David Allemann ist ein Marketingmann, leitete die Werbeagentur Advico, Young & Rubicam in Zürich und war danach Marketingchef beim Möbelhersteller Vitra. Sie leben beide in Zürich.

Sportlich sehen die beiden Herren aus mit ihren schnellen Schuhen. Laufschuhe zu tragen ist für Oliver Bernhard und David Allemann Pflicht. Auch wenn sich in den letzten Jahren bei der Technologie und Design von Laufschuhen nicht viel getan hat. Doch Bernhard und Allemann tragen ihren eigenen Schuh. Dieser ist schlicht und hat einen einfachen Namen: «On». Genauso einfach ist seine Technologie. Im Vergleich zu einem System wie «Air» oder «Cell» besteht der «On» aus Gumminoppen an der Sohle, die sich öffnen und schliessen. Beim Auftreten deformieren sich diese 3D-Elemente, der Fuss landet sanft. Sobald er am Boden angekommen ist, verwandeln sich die Noppen in eine feste Unterlage und sorgen für einen explosiven Abstoss. Ein Sportler ist schneller und schont die Muskeln. So weit, so klar.

Doch warum sind grosse Hersteller wie Nike, Puma und Co., die jährlich Millionen in die Entwicklung pumpen, nicht selbst auf diese Idee gekommen? «Ich bin siebzehn Jahre lang Triathlon gelaufen. Der «On» kam aus einer Not heraus, weil ich keinen guten Laufschuh fand und mich zunehmend Schmerzen plagten», erklärt Bernhard. Mit einem befreundeten Ingeni- eur kam er auf die Idee, hochflexible Gummiteile an die Schuhe seiner Sponsoren zu kleben – und ging laufen. Es ging ihm besser. «Es wurde mir bewusst, dass diese Probleme auch andere Läufer plagen, und wir produzierten erste Prototypen.»

Am Ironman verkauften Bernhard und Allemann zusammen mit dem dritten «On»-Gründer, Caspar Coppetti, ein paar dutzend Paare spontan an Läufer, aus dem Kofferraum des Autos. Das Feedback war überwältigend. Viele bestellten den Schuh. «Die weiche, aktive Landung ist gesund für die Muskulatur, beim Abstoss geht keine Kraft verloren», erklärt Bernhard.

Letztes Jahr hat «On» 50 000 Paar Schuhe in 18 Ländern abgesetzt. So etwa auch bei Foot locker. «Vielleicht ist die Idee so einfach, dass andere nicht darauf gekommen sind. Out-of-the-box-Denken hilft», sagt Partner David Allemann. Der Marketingmann weiss, wie man schöne Dinge an den Mann bringt. Etwa mit der patentierten «Cloud»-Technologie, dem Logo, dem schlichten Design. Allemann kann das: «Man gleitet dank den beweglichen Elementen in den Schritt hinein. Das verleiht Läufern ein Gefühl wie auf Wolken», sagt er. Bernhard, der im Appenzellerland gross geworden ist, nennt das anders: «Wie barfuss im Heu.»

GEMÜSE VOM DACH

Roman Gaus, 32, gründete Urban Farmers mit verschiedenen Partnern und operiert inzwischen weltweit – so tüftelt er zurzeit an Projekten in Basel oder Berlin. Gaus ist verheiratet und lebt in Zürich.

The Hub in den Viaduktbögen ist zurzeit das kreative Zentrum von Zürich. In einem Open Space – ganz nach Berliner Vorbild – können sich Selbständige und Startups von einem Tag bis zu einem Jahr einmieten. Was sie verbindet: mit ethischen Geschäftsmodellen die Welt verbessern. Das macht auch Roman Gaus von Urban Farmers. Das junge Clean-Tech-Startup hat mit seinem Konzept «Good food from the roof» für Innovation gesorgt: Mit Hilfe von Fischen in einem Gewächshaus möchte Gaus in Zukunft die Dächer von Metropolen begrünen. «In ein paar Jahren wird es schwierig sein, frisches Gemüse und Früchte in einer Stadt zu bekommen.»

Was jeden Bauer zur Weissglut bringt, sind Gaus und seine Kollegen innovativ angegangen: ein selbstversorgendes System. Fische in einem Wassertank liefern den Rohstoff für ein autarkes Wachstum von Gemüse und Obst in einem geschlossenen System, das auf einem Flachdach Platz hat. Vor seinem Büro steht eine solche Urban Farm. Drinnen ist es tropisch. In dutzen- den von Töpfen stehen Pf lanzen, unten schwimmen Fische in einem Plasticbecken, daneben steht ein Server. «Wir helfen der Natur mit Technik auf die Sprünge – back to the nature im 21. Jahrhundert.»

Die Erfindung der Farm entstand aus Zufall: Vor zwei Jahren kehrte Gaus aus den USA zurück, wo eine aktive urbane Agrikultur-Bewegung am Entstehen war. Gaus war begeistert von dieser Bewegung, weil sie nachhaltig, urban und zukunfts- orientiert ist. Er kontaktierte seinen Geschäftspartner Andreas Graber, der an der Zürcher Hochschule in Wädenswil als Spezialist für Aquaponic arbeitet. Zusammen bauten sie ein Modell, gaben Fische in den Tank und hofften auf Essbares. Jetzt wollen die Urban Farmers das Konzept zum Businessmodell machen: Ein Pilotprojekt in Basel auf 250 Quadratmetern ist in Entwicklung, auch in Berlin haben Unternehmen Interesse. Potenzielle Abnehmer sind etwa Coop oder Migros. Dafür braucht es Überzeugungsarbeit – obwohl die Qualität des Gemüses vergleichbar ist. «Die Tomaten riechen nicht nach Fisch», versichert Gaus lachend. Er hofft auf Käufer seiner Technologie. «Unser Geld reicht nicht mehr lange – wir müssen Investoren finden», sagt er offen. «Es wird aber noch 20, 30 Jahre brauchen, bis der Wandel stattgefunden hat.» Dann ist Gaus im Pensionsalter.

SCANNEN MIT DER MAUS

Michael Born, 34, ist Mitbegründer der Dacuda AG in Zürich. Das Unternehmen beschäftigt rund 25 Mitarbeiter. Zusammen mit dem Elektronikgiganten LG hat er kürzlich weltweit eine Scanner-Maus auf den Markt gebracht. 

Pro Minute greift Michael Born rund ein halbes dutzend Mal zur Maus neben seinem MacBook. Ansonsten ruht das graue Ding still. Das machen Millionen von Menschen in diesem Augenblick ebenfalls. Was aber kaum jemand macht, demonst- riert der 34-Jährige gleich selbst: Wie mit einem kleinen Bügeleisen fährt Born mit der Maus über ein Bild, und Sekunden spä- ter ist es als PDF verfügbar. Das funktioniert mit einem Foto, einer Tabelle oder einem Einzahlungsschein.Das Geheimnis der Scanner Mouse von Dacuda liegt aber nicht in der Funktion, sondern in der Software: «Die schnelle Verarbeitung der Bilder ist der Kniff», erklärt Michael Born.

In einer Vitrine im Büro von Dacuda an der Zürcher Badenerstrasse steht die erste Scanner-Maus, die Born und seine Partner 2008 entwickelt haben. Sie ist aus Holz und hat im Gehäuse eine Kamera. Diese schiesst über 60 Bilder pro Sekunde in Druckqualität. Das sieht ein bisschen nach Steve Jobs’ erstem Mac aus. Born lacht. Nicht Apple setzt jetzt auf die Innovation der Jungunternehmer, sondern der koreanische Elektronikgigant LG. Er produziert die Erfindung des Schweizer Startup Dacuda bald millionenfach.

Born ist aber kein Erfinder, sondern Unternehmer. Nach einem Studium an der HSG besuchte er einen Startup-Gründungskurs. Er wollte schon immer Unternehmer werden. Dafür brauchte er aber eine Idee. «Selber hatte ich keine», gibt er zu. Bei einem Brainstorming mit einem Ingenieur und einem Maschinenbauer kamen sie auf den Einfall: eine Scanner-Maus.

«Ich habe meinen Job gekündigt und mich auf die Suche nach Investoren gemacht», erzählt Born. Währenddessen tüftelten seine Partner wochenlang an der Software für die Maus herum. Sie schrieben Algorithmen, justierten die Kamera, pro- duzierten Hunderte von Tabellen und Grafiken. «Bei Hightech-Startups müssen sich Techniker und Businessleute ergänzen», ist Born überzeugt. Vor einem Jahr kam der Durchbruch: Born unterschrieb den Vertrag mit LG.

Dacuda gibt aber lediglich das Recht für das Know-how an die Koreaner ab. Denn der gebürtige Berner hat noch viel vor mit seiner Maus: «Das Ziel ist es, dass jede Maus zukünftig über einen Scanner verfügt. Wie heute jedes Notebook eine Kamera hat.» Ist die Schweiz ein kleines Silicon Valley? «Das Technologieumfeld ist gut. Die ETH hat Weltruf», sagt Born. Er erwähnt aber auch die Unterstützung und Fördermittel. «Es ist ein steiniger Weg, ein ganzes Business mit Vertrieb aufzuziehen.» Die grösste Herausforderung war, einen Lizenzpartner zu finden. Die kleine Maus kann gross werden – beispielsweise wenn sie für das Scannen von Pässen an Flughäfen eingesetzt wird. Ganz zu schweigen davon, wenn die Technologie irgendwann mit einem iPhone funktioniert.

Wer ist ein Hipster?23. März 2012

Ein neues Buch versucht, ein kaum greifbares Stilphänomen zu erklären

David Torcasso · Der Hipster ist – oder gibt sich – 16 bis 35 Jahre jung und tummelt sich in Berlin-Neukölln oder New York-Williamsburg, aber auch an der Zürcher Langstrasse. Seine Merkmale sind, unabhängig vom Geschlecht: eine schlaksige Gestalt, enge Röhrenjeans, Hornbrille auf der Nase und Velos ohne Gangschaltung. Mit fein codierten Klamotten sitzen Hipster in Wireless-Cafés vor ihren Apple-Laptops und füttern ihre Blogs.

Es gibt viele Hipster, doch niemand will gerne so genannt werden. Im Süden von Berlin finden sich inzwischen bereits Kneipen, an deren Eingangstür ein Schild prangt: «Kein Einlass für Hipster». Der Begriff Hipster wird von Redaktionen manchmal auch als «semantischer Joker» eingesetzt, wenn es darum geht, vermeintlich junge, urbane und modebewusste Menschen zu beschreiben.

Abhilfe gegen Klischees

Dabei ist der Hipster seit über einem Jahr tot. Seine Ära dauerte von 1999 bis 2010. Das zumindest schreiben die Autoren des Buchs «Hipster – eine transatlantische Diskussion», welches im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Wer sich einen Bildband mit anschaulichen Beispielen wünscht, liegt falsch. Das in der seit 1963 unveränderten Reihe «edition Suhrkamp» erschienene Buch bietet nur Text bzw. Typografie. Damit tarnt es sich als wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens. Und zelebriert dabei einen Charakterzug des Hipsters: Ironie, verpackt in Parodie.

Mit dem Buch will der aus New York stammende Herausgeber Mark Greif den Hipster ganz nüchtern in einem «akademisch-analytischen» Kontext beschreiben. Das Problem ist allerdings: Der Hipster lässt sich, anders als Hippies, Kiffer oder Skater, nur schwer beschreiben. Er ist weder über seinen Job, seinen sozialen Status, seine Herkunft noch über seinen Musikgeschmack oder seine Frisur eindeutig einzuordnen. Also versucht das Buch «Hipster», mit ausgewählten Essays und Positionen Abhilfe gegen ein wandelndes Klischee zu schaffen – dies, während die Spezies noch am Atmen ist.

Beiträge wie «Williamsburg, Jahr null», «Hip-Hop und Hipsterismus», «Nachruf auf den weissen Hipster» oder «Der Berliner Hipster in drei Begriffen» beschreiben die Werte, Ansichten und Merkmale der Bewegung mit wissenschaftlicher Semiotik. Die Beiträge versuchen den Hipster in einen sozial-kulturellen Kontext einzubetten und zeigen den Zusammenhang von Rasse und Geschlecht von Hipstern auf, thematisieren deren ästhetische Erscheinung oder auch die Gentrifizierung von ganzen Stadtteilen durch diese Subkultur. Letztgenanntes führte zu einer «Suburbanisierung der Armut»: Zugezogene Hipster verdrängten an der Lower East Side oder in Brooklyn Juden und Puerto Ricaner und trieben die Mietpreise in die Höhe. Jahr für Jahr «kippte» irgendwo ein ehemaliges Arbeiterquartier durch den Einzug von Hipstern und brachte Bioläden oder überteuerte Boutiquen hervor.

Randgruppe wird Generation

Die Positionen im Buch zeigen auch einen historischen Kontext. Bereits in den fünfziger Jahren bezeichnete das Wort Hipster in den USA Subkulturen, etwa Weisse, die sich von schwarzer Kultur angezogen fühlten. Doch das Hauptinteresse Greifs und seiner Mitautoren gilt dem heutigen Hipster. Denn aus einer Randgruppe ist eine Generation entstanden. Greif schreibt: «Inzwischen verfügt der Mainstream über ein fixes Set von Accessoires und Stilmitteln der Hipster, die frisch verpackt in jedem Supermarkt liegen.»

«Hipster sind Kuratoren und Kritiker, Remixer und Designer oder eben jene Werbetexter und <Prosumenten>, die im Kielwasser der Künstler segeln», schreibt Dayna Tortorici. Und eine andere der rund ein Dutzend Koautorinnen und -autoren des Buches, Jennifer Baumgardner, meint: «Hipster zu hassen verrät mehr über unsere eigenen Ängste und Unzulänglichkeiten, als dass es irgendetwas Wahres über Menschen aus Fleisch und Blut aussagen würde.» Sie schliesst mit dem Fazit: «Hipster erinnern uns an eine Jugendlichkeit, an einen Wagemut und einen Stil, den wir nicht mehr haben – oder nie hatten?»

Arizona5. März 2012

Arizona, February 2012


 

 

Axel Springer Meilensteine4. März 2012

Für den Axel Springer Verlag arbeite ich an einem Online-Buch über das Leben des Verlegers mit. 100 Meilensteine gibt einen chronologischen Einblick in das Schaffen des Verlegers und zeigt interessante historische Eckpunkte des grössten Verlags von Europa auf. Das Buch ist elektronisch in einer Timeline zu lesen und mit zahlreichen Links, Bildern und Videos interaktiv angereichert.

http://meilensteine.axelspringer.de/

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Film ab!15. Februar 2012

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Film ab! 

Von David Torcasso, Berlin

Berlinale (9. bis 19. Februar 2012)

Die Berlinale ist mit rund 450 000 Kinobesuchern eines der grösstes Publikumsfestivals der Welt. Jedes Jahr werden bis zu 400 Filme präsentiert. Die erfolgreichsten krönt eine internationale Jury mit dem Goldenen und Silbernen Bären. Die Berlinale ist das Happening in Berlin und versetzt die deutsche Hauptstadt jedes Jahr in Ausnahmezustand. Jeder möchte dabei sein, wenn auf dem roten Teppich das Blitzlichtgewitter tobt und Angelina Jolie und Co. in die Säle schreiten. Besonders mögen die Berliner aber auch all die Partys und Shows rund um das Filmfestival. Was auch zu den Filmfestspielen gehört und jedes Jahr für Unverständnis sorgt – das Gemeckere an der Filmauswahl. Dabei feiern dieses Jahr grossartige Weltpremieren wie „Captive“ mit Isabelle Hupert, der neue Film der Brüder Taviani „Caesar Must Die“ oder Billy Bob Thorntons „Jayne Mansfields Car“.

Fashion-Filme, die zur Berlinale passen:

Seit Zombie-Boy die Berliner an der Fashion Week in seinen Bann gezogen hat, sind wir grosse Fans des Models. So auch das Fashionlabel Thierry Mugler, für das Regisseur Mariano Vivanco einen Film mit dem Freak gedreht hat. Auch Lady Gaga spielte schon eine Rolle für die Image-Filme von Mugler.

http://www.youtube.com/watch?v=3GpEyQ78CHo

Spannende Persönlichkeiten und schön gemachte Interviews rund um das Thema Fashion gibt es auf Avantgarde Diaries:

http://www.theavantgardediaries.com

 

Internationales Filmfestival Shanghai (16. bis 24. Juli 2012)

Das Shanghai International Film Festival SIFF ist das einzige chinesische A-Kategorie Filmfestival. Damit ist es zweifelsohne die wichtigste Filmveranstaltung in Asien. Mit Chinas boomender Wirtschaft wächst auch die heimische Filmindustrie rasant. Das SIFF ist deshalb ein Must-see für jeden Filmemacher und Regisseur. 1993 wurde das International Filmfestival Shanghai gegründet und zog schon damals über 300 000 Zuschauer an. Die Gewinner erhalten am Ende des Festivals den Goldenen Pokal als Auszeichnung. Die Auswahl der Filme ist aber keineswegs auf nur auf asiatische Werke beschränkt: 2006 und 2007 gewannen mit Franziska Meletzky „Frei nach Plan“ und Chris Kraus „Vier Minuten“ zwei deutsche Filme den Goldenen Pokal in der Rubrik „Bester Film“.

Fashion-Filme, die zu Shanghai passen:

Der Film für die Hotelkette The Luxury Collection verpflichtete gleich mehrere Stars für einen 15-minütigen Imagefilm: Regie führte Luca Guadagnino, das Konzept lieferte Fashion-Guru Waris Ahluwalia und in der Hauptrolle spielt Agyness Deyn.

http://www.thefilmhere.com/

Y3 präsentiert die neue Kollektion Spring/Summer 2012 in einem Kurzfilm:

http://www.youtube.com/watch?v=VuibJ3AYDQM&feature=youtu.be

 

Festival del film Locarno (11. bis 11. August 2012)

Das Internationale Filmfestival in Locarno bietet die schönste Kulisse aller Filmfestivals: Wenn sich 8000 Cineasten abends in der lauen Sommerluft auf der Piazza Grande unter dem Sternenzelt versammeln, um sich die neusten Filme auf Grossleinwand anzuschauen, entsteht eine mediterranes Flair erster Klasse. Die Bestuhlung und die Freiluftatmosphäre des Festivals sind das absolute Highlight. Während zehn Tagen werden in der kleinen Ortschaft im italienischsprechenden Teil der Schweiz hunderte von Filme sowie der Wettbewerb um den Goldenen Leoparden gezeigt. Auch Retrospektiven prägen die Tradition von Locarno. Dieses Jahr widmet sie das Festival dem grossen Hollywood-Regisseur Otto Preminger. Locarno lebt sowieso von Menschen und ist darum auch geprägt von Autorenfilmen – Filme, in denen der Regisseur sämtliche Aspekte wie Drehbuch oder Schnitt mitbestimmt.

Fashion-Filme, die zu Locarno passen:

Stardesigner Karl Lagerfeld kann nicht nur schöne Mode kreieren und tolle Fotos schiessen. Das Multitalent beweist nun auch noch in seinem ersten Film „The Tale of a Fairy“ sein Gespür für Ästhetik und Stil in bewegten Bildern.

http://glitter.eu/2011/05/26/short-film-about-fashion-chanel-film-by-karl-lagerfeld/

 

World Film Festival Montreal (23. August bis 3. September 2012)

Das World Film Festival in Montreal wurde 1977 von Ingrid Bergman erstmals eröffnet. Seither ist es das einzige Filmfestival in Nordamerika, das einen Wettbewerb präsentiert. Der begehrte Hauptreis heisst wohl deshalb auch „Grand Prix of the Americas“. Das Herz des Festivals bildet das Centre Cinema Imperial, das jährlich tausende Filmbegeisterte in einer einmaligen Kulisse anzieht. Dort gibt es aber nicht zu Filme zu sehen, sondern die Besucher können auch an Symposien mit diskutieren und an einem riesigen Markt die verrücktesten Filmrequisiten und Filmposter kaufen. Die Besonderheit des Festival liegt darin, dass tatsächlich die ganze Vielfalt von Filmen aus allen Kontinenten gezeigt wird: 2011 und 2010 gewannen mit „Hasta la Vista!“ und „Adem“ etwa zwei belgische Filme den Hauptreis.

Fashion-Filme, die zu Montreal passen:

Tilda Swinton ist die liebste Hollywood-Schauspielerin der Designer – und bekennt sich auch immer wieder zu ihrer Leidenschaft für Mode. So spielte sie in einem Kurzfilm von Fotograf Ryan McGinley für das Label Pringles of Scotland.

http://www.youtube.com/watch?v=RkzrpUEwH70

Apropos Fotograf: Auch Bruce Webber macht nicht nur gerne Fotos, sondern auch Filme. So hat er sich schon für Bottega Veneta oder Moncler hinter die Kamera gestellt.

http://www.youtube.com/watch?v=gcneDU3BMJY

 

Hautnah10. Dezember 2011

 

 

Leder verkörpert die Sehnsucht nach dem, was die Mode ursprünglich einmal war und was ihr inzwischen abhandengekommen ist: die Handarbeit.

Von David Torcasso/Bilder: Daniel Riera

Kürzlich traf ich in einem Café eine Bekannte. Ich begrüsste sie, war dann aber plötzlich abgelenkt. Ich war nur noch Nase. Ich nahm nichts anderes mehr wahr als diesen Duft. Es war ein be­törender Duft, ursprünglich, animalisch. Was war das für ein um­werfendes Parfüm? Meine Bekannte lachte. Sie hob eine Leder­tasche hoch. «Ganz neu, handgemacht in den Niederlanden, Kalb», sagte sie. Der Duft des neuen Leders durchströmte das Café, die Tasche erschlug mich förmlich, und plötzlich war ich süchtig nach diesem Geruch, der eine Geschichte erzählte. Es war die Geschichte des Guten, des Wahren, des Rechten. Die Ge­schichte von Leder.

Die Welt wird überschüttet mit dem, was man Mode nennt: mit Kleidern, Schuhen, Accessoires. So viele Shops, so viel Werbung, all die Fashion Weeks — Luxus ist heute scheinbar für jeder­mann zu haben. Wenigstens wird uns das glauben gemacht. Und deshalb gewinnt Leder in der Modewelt wieder an Bedeutung, denn Leder verkörpert die Sehnsucht nach dem, was Mode einmal war in ihrem Ursprung, etwas, das in unserer Konsumwelt fast ganz verloren gegangen ist: wirkliche Handarbeit.

«Ich mag die Arbeit mit Leder, weil es ein sehr archaisches Material ist. Ich assoziiere damit Bodenhaftigkeit und Natur», sagt die gebürtige Bernerin Nina Christen. Sie arbeitet als Schuhdesignerin beim Hause Yves Saint Laurent in Paris. Leder ist für die 27-Jährige so etwas wie der Rasierpinsel für den klassischen Gentleman. «Die brachiale Ausstrahlung dieses Materials ist abso­lut zeitlos. Ein gutes Leder ist in jedem Sinn luxuriös, aber niemals Überfluss», sagt Christen. Denn genau am Überfluss krankt die Modewelt. Und da kommt Leder gerade recht, um uns zu er­innern, worum es eigentlich geht. «Ich denke, Leder wird jetzt wieder wichtiger, weil es immer schwieriger wird, einfache Dinge zu finden, die sich selbst überlassen sind», sagt die Designerin, die jeden Tag Dutzende von Tierhäuten befühlt, zerschneidet. Und daraus feine Pumps oder edle Stiefeletten für das französische Traditionshaus kreiert.

Reisen mit Elefantenohren, Sitzen auf Walpenissen

Auch für Peter Nitz gibt es nur ein Material und davon nur die beste Qualität: Krokodil, Alligator, Eidechse, Strauss, manchmal auch die Haut einer Ziege. In seinem Atelier in der Zürcher Altstadt fertigt Nitz Taschen und Accessoires von Hand an. Jeden Faden hat der 36-Jährige aus South Carolina selbst durchs Leder gezogen. Es ist eine Arbeit von vielen, vielen Stunden. Gelernt hat er sein Handwerk in Paris bei einem pensionierten Mitarbeiter der Werkstätten von Hermès. Er lernte dort, worum es geht: um Präzision und Geduld. Und das hat sich für Nitz ausbezahlt. Seit die «Vogue» über seine Taschen berichtet hat und man sie bei Colette in Paris kaufen kann, läuft das Geschäft mit der exklusiven Ware.

Nitz legt ein Stück Leder, das kaum grösser als zwei Handflächen ist, aber rund 400 Franken kostet, auf den Holztisch in seinem Atelier. Das Leder für seine Taschen bezieht Nitz ausschliesslich von Gerbereien in Frankreich — dieselben, die auch Hermès beliefern. «Die Ober­fläche ist bei gutem Leder entschei­dend — billige Lederhaut weist Narben und Unebenheiten auf.» Sein Favorit ist Alligator. Dabei sieht er Details im Leder, die ein Laie kaum bemerkt. «Krokodile haben im Gegensatz zu Alligatoren keinen Bauchnabel», erklärt Nitz. Er findet: «Echsenleder widerspiegelt die Würde meiner Arbeit, der Handarbeit, am besten.» Und dass manche Menschen finden, für eine Handtasche sollte kein Alligator sterben müssen? «Seit die USA in den 60ern und 70ern Gesetze zum Schutz der Tiere erlassen hat, sind sie nicht mehr gefährdet. Sie werden jetzt gezüchtet, und es gibt nur noch zweimal jährlich Jagd auf Wildtiere, dann darf eine be­stimmte Anzahl geschossen werden.» Früher, als Artenschutz noch ein Fremdwort war, wurde alles verarbeitet, was selten und teuer war, und woher die Ware stammte, unter welchen Bedingungen sie beschafft wurde, das war egal. Beim exklu­siven italienischen Taschenfabrikanten Valextra etwa bestellte der Emir ein 14-teiliges Kofferset aus Elefantenhaut. Und dafür benötigte man ziemlich viele Elefanten, denn man benutzte nur das feinste Leder der Riesen: die Ohren. Und der griechische Reeder Aristoteles Onassis liess die Barhocker auf seiner Jacht Christina O mit der gegerbten Vorhaut von Walpenissen beziehen.

Leder ist beständig, ruhig und in seiner reinsten Form von solch edler Präsenz, dass es nicht zu schreien braucht. Deshalb hat Leder seinen Preis, auch bei Peter Nitz. Eine Tasche kostet von 1400 Franken an aufwärts. «Gutes Leder kann man fühlen, hören, riechen. Es spricht alle Sinne an. Deshalb fasziniert es die Menschen so sehr.» Und nichts klingt schöner als das Ra­scheln von gutem Leder — «wunderbar, beruhigend, rein», schwärmt Nitz. Billiges Leder hingegen klingt in seinen Ohren einfach nur scheusslich.

Gianfranco Sideli ist Sattler. Ein Beruf, der fast verschwunden ist. Deshalb ist Sideli gerade ein sehr gefragter Mann. Der 59-Jährige lebt in Florenz und war unter anderen für das Modehaus Fendi tätig, als es unter dem kreativen Regime von Karl Lagerfeld stand. Jetzt arbeitet Sideli für die vielversprechenden Modedesigner Proenza Schouler. Seit die beiden New Yorker den Segen von Anna Wintour erhalten haben, reissen sich die Leute um die Entwürfe des Duos. Bei Proenza Schouler kümmert sich Sideli um Taschen und Accessoires. Ohne den Schatz des reinen Handwerks, das der Florentiner beherrscht, wären die Ideen der beiden Designer wertlos. Nur die Wahl des richtigen Leders macht die Taschen vollkommen — und natürlich der richtige Um­gang mit dem Leder, die Vollendung durch die Hände von Gian­franco Sideli. Der Lederdompteur hat an der Scuola del Cuio Fiorentino im alten Kloster von Santa Croce sein Handwerk gelernt. Auch dank dieser seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs existierenden Schule ist Florenz die Hauptstadt des Leders. Die Handwerkstradition ist seit Jahrhunderten vorhanden, wurde verfeinert, weiterentwickelt. Aber man stellte in erster Linie Ge­brauchsgegenstände her: Koffer, Taschen, Schuhe. Erst als Leder­warenproduzenten wie etwa Gucci ihre Produkte dank klugem Marketing und der werbewirksamen Unterstützung von Filmstars in begehrenswerte, glamouröse Dinge verwandelten, entstand die eigentliche Luxusgüterindustrie.

Unindustrialisierbar

«Jedes einzelne Stück Leder hat seine Geschichte und ist deshalb einzigartig», sagt Sideli. Seit er ein junger Mann war, arbeitet er mit nichts anderem als mit Leder, «mein ganzes Leben lang». Er sagt, es sei die letzte wirkliche Handarbeit, die man hier in Florenz noch ausübe. Alles werde industrialisiert, Maschinen er­setzten Menschen, «aber die Kraft, die Leder ausstrahlt, der kommt man mit keiner Maschine bei», ist er überzeugt, dafür brauche es Augen und Hände. Sideli kennt so viele Ledersorten, dass er nicht sagen kann, welche ihm am besten gefällt, welches sein liebs­tes Leder ist. Eines zu benennen, das ist eine Sache der Unmöglich­keit. Als würde man einen Koch fragen, welches das beste Fleisch sei. Die Zutaten müs­sen zusammenpassen. «Das perfekte Leder gibt es nicht», sagt Sideli. Nur den richtigen Menschen, der es für einen bestimmten Zweck auswählt und bear­beitet. «Wissen Sie: Ich bin in meine Arbeit verliebt, nicht in das Material», sagt er. «Das Glück dabei ist, dass ich aber mit dem besten aller Materialien arbeiten darf.»

Fast alle tragen wir Leder, an den Füssen zumindest, denn für gutes, robustes Schuhwerk, das lange halten soll, kommt nur Leder infrage. Auch Accessoires aus Leder sind gang und gäbe, ob iPhone-Hüllen, Portemonnaies oder Handtaschen. Etwas anders sieht es bei der Kleidung aus, denn nicht immer ist die Lederhaut dafür geeignet. Lederhosen etwa: schwierig, ganz schwierig, bei langbeinigen Frauen vielleicht, aber nur vielleicht. Bei Männern: tabu, ausser als Teil einer Tracht. Ledermützen: un­möglich — ausser man tritt an einem Herrenabend als The Village People oder Freddy Mercury auf. Ein Rock aus Leder hingegen: toll und zurzeit sehr angesagt, wie etwa beim französischen Label Céline, das dank der einzigartigen Phoebe Philo und ihrer Interpretation von moderner Kleidung aus Leder Lobeshymnen in der «Vogue» erhält. Auch der griechische Designer Yiorgos Eleftheriades zeigt in seiner Winterkollektion 2011/2012 einen tollen, schmalen Lederrock, der wie ein Fischschwanz aus­läuft. Andere Designer wie Dolce & Gabbana nehmen Fisch wört­lich und kreieren ihre Teile aus Aalleder.

Das Faszinierende an Leder ist, dass es beim Kauf noch gar nicht fertig ist. Leder passt sich seinem Träger an, formt sich nach ihm, wird ganz persönlich und begleitet ihn manchmal ein Leben lang. Jede Falte, jeder Fleck, jede Verformung ist ein Teil der Ge­schichte des Stücks. Leder nimmt die Persönlichkeit des Trägers an. Leder ist genau das Umgekehrte all dessen, was sonst produziert wird. Je älter, desto schöner wird es. Leder ist eben Haut, und das reizt deshalb nicht nur Fetischisten, sondern den Menschen im Allgemeinen. Er trägt sozusagen sich selbst. Das tut er, seit er es geschafft hat, das erste Mammut zu erschlagen. Die Notwendigkeit des Gerbens ist seit der Altsteinzeit bekannt. Die Gletschermumie Ötzi trug Schuhe und Kleidung aus verschiedenen Ledern, die mit Fett und Rauch gegerbt worden waren.

Kürzlich stand ich im Londoner Kaufhaus Liberty und hielt an einem Bügel eine Lederjacke des Designers Rick Owens. Ein wunderbares Stück. Kostenpunkt: 1500 Pfund. Gutes Leder hat seinen Preis. Doch sich zu überwinden, diesen Wert zu erkennen, ihn zu schätzen und dann zu bezahlen, das ist nicht immer ganz einfach. Bis man daran riecht. Ein Duft, der noch unglaublicher ist als der Preis der Ware. Ein Duft, der alles sagt.

DAVID TORCASSO ist freier Journalist. david@davidtorcasso.com
Der Fotograf DANIEL RIERA lebt in Barcelona und London. www.danielriera.com

Beijing6. Dezember 2011

Beijing, December 2011